Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Jahre voller Angst vor Entdeckung
Arbeit im Verborgenen: Viele Pflegekräfte in Haushalten sind nicht angemeldet. Das hat Folgen. Foto: dpa
Schwarzarbeit

Jahre voller Angst vor Entdeckung

Illegale Pflegekräfte leben oft wie in einem Gefängnis und haben keine Rechte. Eine Polin erzählt, wie sie aus dieser Falle herauskam.

25.10.2016
  • CAROLINE STRANG

Paderborn. Das Deutsch von Agata Nowak (Name von der Redaktion geändert) ist nach 17 Jahren Arbeit in Deutschland noch immer lückenhaft. Auch weil sie bis vor vier Jahren wie eingesperrt lebte, immer in Angst, dass die Polizei sie entdecken könnte. Nowak ist eine Pflegekraft, sie kümmert sich um Pflegebedürftige. 24 Stunden am Tag ist sie für sie da. „Kochen, putzen, waschen und alles für den Patienten tun“, so umschreibt sie ihre Arbeit. Ihre Patienten seien alte Leute.

„Ich muss. Ich muss.“ Nowak versucht zu erklären, wie es kam, dass sie ihre zwei Kinder in Polen zurückließ, nach Deutschland kam und für lange Jahre illegal hier arbeitete. In ihrem Heimatland gebe es kaum Arbeit und wenn, dann sei sie schlecht bezahlt. „Darum fahren viele los, egal wohin. Wir wollen einfach arbeiten und Geld nach Hause schicken.“

Ohne Vertrag

Als sie 1999 nach Deutschland gekommen sei, habe sie erst in einem Restaurant gearbeitet. Schwarz. Es war schwierig, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Und noch schwieriger, einen Arbeitgeber zu finden, der sie legal beschäftigt hätte. Wenig später kam sie nach Paderborn und begann ihre Arbeit als Pflegekraft. Die Familien, die sie beschäftigten, hätten nicht nach Papieren gefragt. Sie hatte keinen Vertrag. Sie nimmt es ihren früheren Arbeitgebern nicht übel, dass das so gehandhabt wurde. Es sei schwierig gewesen, das alles legal zu machen, mit der Bürokratie und den Kosten.

Sie habe viel Angst gehabt, sagt Nowak. „Man muss mit allem aufpassen. Wenn man mit Nachbarn redet, wenn man einfach nur draußen spazieren geht.“ Sie habe immer befürchtet, dass eines Tages die Polizei vor der Tür steht.

Angst vor Verrat

Dass sie jemand verraten würde oder sie selbst zu unvorsichtig sei. Deshalb war ihr Leben sehr einsam in diesen Jahren. „Ich war immer alleine. Ich habe nie Leute getroffen.“ Sie habe versucht, immer positiv zu denken. Und so hat sie immer weitergemacht, jahrelang in der Illegalität, immer in Sorge, 5000 EUR Strafe bezahlen zu müssen. Die Angst hielt so lange an, „bis ich meine jetzige deutsche Familie gefunden habe. Die haben gesagt, sie beschäftigen mich, wenn ich beim Caritas-Projekt mitmache.“ Ein Glücksfall.

Das Projekt „CariFair“ wurde vor sieben Jahren in Paderborn gegründet. „Wir haben beobachtet, dass immer mehr Frauen hier in den Haushalten arbeiten, meistens illegal. Dann haben wir uns gefragt, wie wir sie und die Arbeitgeber unterstützen können“, erklärt Caritas-Projektleiterin Ursula Gisder. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Frauen sind legal beschäftigt, haben eine Krankenversicherung und Anspruch auf Rente. Außerdem werden sie einmal in der Woche von einer ausgebildeten Caritas-Pflegekraft unterstützt. Sie haben Urlaub, Anspruch auf Pausen am Tag und Kontakte zu Frauen in der gleichen Lage. „Wir können immer fragen, wenn wir Probleme haben“, sagt Nowak. Auch die Auftraggeber sind abgesichert, beschäftigen keine illegalen Kräfte und haben Ansprechpartner. „Es ist schön zu sehen, wie das Zusammenleben zwischen polnischen Kräften und Familien gut funktionieren kann und wie sich die gegenseitige Wertschätzung entwickelt“, sagt Gisder. Auf die Frage, ob sie mit der Schwarzarbeit oder als Teil des Caritas-Projektes mehr verdient habe, lacht Agata Nowak kurz. „Vorher“, sagt sie dann. Illegal lässt sich mehr verdienen.

Das erklärt die hohen Zahlen. So geht das Institut der Deutschen Wirtschaft von gut 3 Mio. illegal arbeitenden Menschen in Haushalten aus, dabei handelt es sich häufig um Haushaltshilfen, die nur geringfügig beschäftigt sind. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste spricht von 100 000 illegalen Pflegekräften, wie Agata Nowak eine war.

Hohes Risiko

Die Frauen gehen ein hohes Risiko ein. Der Verband der Betreuungsagenturen rechnet vor, was ohne Krankenversicherung passieren kann: „Es ergeben sich durch einen Tag in einem Krankenhaus Kosten von etwa 500 EUR“. Und warnt: „Bedenken Sie, dass Sie im Krankheitsfall komplett allein dort stehen. Die deutschen Familien werden aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung mit hohen Geldstrafen, sicher nicht zugeben, dass es ein ,Beschäftigungsverhältnis' gibt.“ Die Experten sehen ebenfalls die Gefahr von Ausbeutung. „Das kann bedeuten, dass mehr verlangt wird als körperlich oder psychisch leistbar ist.“

Agata Nowak hat das verstanden. Sie hat inzwischen keine Angst mehr. Sie trifft sich nun oft mit Frauen, die ihr Schicksal teilen, sie fährt in ihren bezahlten Urlaubstagen zu ihrer Familie in Polen. Sie wird weitermachen – für ihre zwei Kinder und drei Enkel.

Kommentar

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball