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„Wohnen mit Hilfe“ vermittelt Studenten auch an Familien

„Jana wohnt jetzt bei uns“

Jana Flicker suchte eine Studentenbude – und fand eine zweite Familie: Über das Programm „Wohnen mit Hilfe“ fand sie ein günstiges Zimmer bei der Tübinger Familie Nehr-Kley und übernahm dafür Große-Schwester-Jobs. Eine Erfolgsgeschichte, die nun bis zum Wintersemester-Start Nachahmer finden soll.

15.08.2012
  • Fabian Ziehe

Tübingen. Ein Problem stellt sich nach den zwei Semestern, die Jana Flicker bei Familie Nehr-Kley gewohnt hat: „Das kann kaum übertroffen werden“, sagt Martina Nehr-Kley. Für die 46-jährige Kunstpädagogin und Mutter war es ein Glücksgriff, am Projekt „Wohnen mit Hilfe“ (siehe Kasten) teilzunehmen. „Am Ende waren wir alle traurig, als Jana ging“, sagt Nehr-Kley.

Dabei ist die 21-jährige Französisch- und Geschichtsstudentin aus Mosbach noch nicht aus der Welt: Sie wohnt nun in Lustnau und kommt Nehr-Kley, deren Mann Wilhelm Kley sowie die Töchter Xenia (8) und Sian (7) gern besuchen. „Auch jetzt noch habe ich in Tübingen so etwas wie eine zweite Familie“, sagt Jana Flicker.

Ausgangspunkt dafür, dass sich die Studentin und die Familie gefunden haben, war ein Artikel im TAGBLATT. Dieser porträtierte einen jungen Mann, der bei einer Frau in Bühl untergekommen war. DRK-Koordinatorin Claudia Stöckl hatte sie einander vermittelt. Bislang zielte das Projekt „Wohnen mit Hilfe“ darauf ab, Senioren und Studenten zusammen zu bringen.

„Aber das war genau das, was ich für unsere Familie wollte“, sagt Nehr-Kley: keinen Au-Pair, sondern jemanden eigenständigen, der mal aushilft oder einfach da ist, wenn sie und ihr Mann mal unterwegs sind. Schließlich ist sie Freiberuflerin und ihr Mann Astrophysiker an der Uni Tübingen, der oft auf Kongressen unterwegs ist.

Wilhelm Kley hat aus erster Ehe die 20-jährige Tochter Lily, die im kalifornischen Berkeley studiert. Über den Sommer ist sie immer in Tübingen und hat dort ein Zimmer. So eine große Schwester bräuchte es auch das restliche Jahr. Nehr-Kley überzeugte ihren Mann per „Überrumpelungs-Taktik“, um sich dann an Claudia Stöckl zu wenden. Die sah kein Problem darin, das „Wohnen mit Hilfe“-Projekt auf eine Familie auszudehnen.

Jana Flicker war zu der Zeit auf Zimmersuche. Die damals 20-Jährige hatte ein Jahr in einem französischen Kindergarten gearbeitet und bei einer Gastfamilie gelebt. Nun war sie kurzentschlossen fürs Studium nach Tübingen gekommen und fand keine Bleibe. Aber den Flyer vom „Wohnen mit Hilfe“-Projekt: Sie versuchte ihr Glück.

Kleine Kosten mit Kühlschrank-Flatrate

„Ich habe mich gleich wohl gefühlt“, sagt Jana. Montag hatte sie bei Claudia Stöckl angefragt, Donnerstag war sie zu Besuch, am Freitag hatte sie die Zusage. Für alle Projekt-Partnerschaften gilt, dass Zimmergeber und Student die Konditionen des Zusammenlebens für sich aushandeln. Für das 30-Quadratmeter-Zimmer samt Nebenkosten und „Selbstbedienung am Kühlschrank“ zahlte die Studentin 100 Euro pro Monat. „Ein echt kleiner Beitrag“, sagt Jana. Dafür half sie im Haushalt und putzte jede Woche das Bad. In erster Linie war ihr Job aber Kinderbetreuung.

Die Kinder hatten Jana schon beim ersten Besuch ins Herz geschlossen, erinnert sich Nehr-Kley. „Jana wohnt jetzt bei uns“, hatten sie ihren Freundinnen die „Neue“ vorgestellt. „Ich fand es toll, dass wir jemanden zum Spielen hatten“, sagt Xenia. Oder abends zum Vorlesen. Sian erinnert sich gern an ihren Kindergeburtstag, als Jana mit ihnen Stocherkahnfahren war.

Nehr-Kleys Sorgen, einen Fremden in die Familie zu holen, waren schnell verflogen. Reibungspunkte gab es praktisch nicht. Jana fühlte sich nicht eingeengt – ihr Freund und ihre Kommilitonen kamen zu Besuch, übernachteten auch. Diese Wohnform habe eben Vor- und Nachteile. Aber ein Jahr ohne Familie hatte Jana schon ausprobiert. Und gemeinsames Frühstück am Morgen, das hat Qualität.

Klar war: Jana bleibt genau zwei Semester, bis die große Schwester aus den USA kommt. So konnte sie zu einem guten Zeitpunkt in Tübingen eine Wohnung suchen, nämlich zu Semesterende. Die erste WG-Besichtigung war ein Volltreffer.

Nehr-Kleys wollen zu Semesterbeginn wieder ein Zimmer anbieten. Gute Erfahrungen haben sie ja gemacht. Außerdem sei bei der erwartbaren Wohnraumknappheit in Tübingen angesichts des doppelten Abi-Jahrgangs jedes Zimmer gefragt. „Wir fänden es schön, wenn wieder jemand kommt“, sagt Nehr-Kley. Ob Student oder Studentin, da lege sie sich nicht fest. Nur für zwei volle Semester müsse es eben sein. „Man braucht ja auch etwas Zeit, um sich aufeinander einzustellen“, sagt Nehr-Kley.

„Jana wohnt jetzt bei uns“
Für zwei Semester war Jana Flicker (2. von rechts) wie eine große Schwester für Sian (rechts) und Xenia (3. von rechts). Ihre Tübinger Gastmutter Martina Nehr-Kley (links) freute sich über die Hilfe bei Kindern und Haushalt.Bild: Metz

Beide Seiten sollen profitieren bei den generationenübergreifenden Wohnpartnerschaften: Seit 2010 bringt „Wohnen mit Hilfe“ zimmersuchende Studenten mit Senioren zusammen, die Hilfen im Alltag brauchen. Das DRK, das mit dem Kreis und der Stadt Tübingen sowie dem Studentenwerk das Projekt trägt, will nun zusätzlich auch Familien vermitteln – zumal sich nach dem doppelten Abiturjahrgang wohl besonders viele Studenten eine Wohnung suchen werden. Gegenleistung für das günstige Zimmer können etwa Gartenarbeit, Einkäufe, Hausarbeiten oder Kinderbetreuung sein. Über Miete und beidseitige Rechte und Pflichten einigen sich die Wohnpartner unter sich. Das DRK verlangt für die Vermittlung eine einmalige Gebühr von 75 Euro. Weiter Infos unter www.ov-tuebingen.drk.de oder Telefon 0 70 71 / 7000-26.

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15.08.2012, 12:00 Uhr

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