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Herr Lehmann ist umgezogen

Jasmine Diez hat an der Kugelbeer 4 ihr Künstler-Atelier eingerichtet

Herr Lehmann, grauer Ton mit weisem Greisengesicht, hat seinen Platz direkt neben dem alten Scheunentor. Und auf dem Fachwerk blüht ein Apfel-Triptychon. Das alte Gehöft an der Kugelbeer 4 ist frisch renoviert: Hier lebt und arbeitet die Künstlerin Jasmine Diez – sie hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt.

05.10.2012
  • Gabi Schweizer

Mössingen. Es ist eine reizvolle Mischung aus Alt und Neu, aus Tradition und Moderne, aus Gefälligem und Vergänglichem, die Jasmine Diez unterm Dach des alten Bauernhauses versammelt hat. Im Haus sind dies die alten Balken, von der Zeit ins Krumme gedrückt und von Holzwürmern durchlöchert, die mit einem Möbelhaus-Sofa kontrastieren und mit einer praktischen Küchenzeile. In der Kunst sind dies ganz alte Techniken, Öl vor allem, die Jasmine Diez für dekorative Motive verwendet. In einem weiten Kittel („was Besseres hab’ ich noch nicht gefunden“ – er hat neben vielen Taschen auch viel Stoff zum Farbe-Abwischen) steht sie vor der Staffelei und malt einen Apfel, der so aussieht, wie ein schön saftiger, frisch gepflückter Apfel aussehen muss. Rot, glänzend, mit Lichtreflexen auf der blankpolierten Schale. Es ist ein ziemlich großer Apfel für den kleinen Pinsel, mit dem Jasmine Diez auf der Leinwand zugange ist. Der große Gestus entspricht nicht ihrem Naturell, viel lieber widmet sie sich der akribischen, fast schon ans Meditative grenzenden Malerei. „An diesem Bild hier habe ich ein halbes Jahr gearbeitet“, sagt sie und deutet auf das Gemälde, das sie so aufgehängt hat, dass der Blick der Eintretenden sofort darauf fällt: Die Frau darauf ist eindeutig sie selbst, die sich, ein Buch in der Hand, einer jüngeren Frau zuwendet. „Meine Tochter!“ Die Komposition paraphrasiert jedoch vor allem Caravaggio, den barocken Meister des dramatischen Lichts und eines neuen Realismus. Mutter und Tochter Diez nehmen die Plätze von Martha und Maria Magdalena ein.

Abstrakte Malerei ist nicht ihr Ding, Abstrahiertes nur andeutungsweise in den aus Ton geformten Köpfen, die, ausdrucksstark, zu den besten Stücken ihrer Sammlung gehören. Ein Schicksal, wie es viele große Künstler erleiden, wird sie wahrscheinlich niemals treffen: Dass nämlich Menschen im Museum an ihren Bildern vorbeiflanieren und sagen: „Aber das kann mein kleiner Sohn viel besser.“

Statt dessen findet sich in ihrem Atelier ein Panoptikum all dessen, was in unmittelbarer Umgebung anzutreffen ist: Menschen, Blumen, Früchte, ein paar exotischere Motive wie ein Schiffswrack, die Diez nach Fotos malt. Ja, sie skizziere auch in der Natur, aber das gehe halt nicht immer und vor allem nicht bei aufwändigen Bildern. Der Apfel: Er passt zu Mössingen und zu den Streuobstwiesen, ist darüber hinaus aber auch ein Motiv niederländischer Stillleben und symbolisch aufgeladen. Momentan ist das Atelier voller Herbstmotive oder solcher, die Blüten und Früchte kombinieren. Eine Winterlandschaft im Sommer aufhängen oder Schneeglöckchen im November – das fände Jasmine Diez unpassend. Und so dekoriert immer wieder um.

Seit wenigen Monaten ist Jasmine Diez wieder im Steinlachtal zu Hause, gemeinsam mit dem Sohn und teilweise auch mit ihrem Ehemann, einem Arzt, der beruflich aber viel im Ausland ist. Nah am Flughafen sollte ihr neues Zuhause darum sein – und am besten auch nahe bei den Verwandten: Diez ist gebürtige Gomaringerin. Im vergangenen Winter hat sie begonnen, Haus und Scheune zu renovieren (beziehungsweise größtenteils renovieren zu lassen). Das Haus: heruntergekommen. Die Scheune: eine Scheune halt. Wer heute mit den Händen über die geölten Balken und die schön verputzten Wände streicht, hat Probleme, sich das vorzustellen. Noch viel unvorstellbarer ist, dass es mal Pläne für ein Mehrfamilienhaus an jener Stelle gegeben haben soll.

Jasmine Dietz mag den Platz zwischen Falltorstraße und Eisdiele, die ihr einen gewissen Publikumsverkehr beschert. Den Hof möchte sie noch einladender gestalten. Und besonders freuen würde sie sich, könnte sie die Inschrift überm Scheunentor entziffern: Von einem Johannes Neth, einer Barbara und dem Jahr 1810 ist dort die Rede. Dass die beiden in jenem Jahr bauten, liegt nahe.

In ihrem eigentlichen Beruf – Architektin – hat Diez nie gearbeitet, war statt dessen lange Arzthelferin in der Praxis ihres Mannes. Künstlerisch hat sie sich aber immer betätigt und an der Freien Kunstschule Stuttgart Malerei und Bildhauerei studiert. Reich werde man nicht mit der Kunst, sagt die 54-Jährige – und hat sich trotzdem in die Selbständigkeit getraut.

Die ehemalige Scheune nutzt sie als Atelier und Laden zugleich. Hier ist viel Luft nach oben – schließlich musste früher der Heuwagen in den Raum passen. In der Wohnung nebenan rät Dietz besonders großen Leuten: „Ziehen Sie den Kopf ein!“ Aber so ist das nun mal in einem alten Haus. Die Künstlerin jedenfalls sagt: „Ich find’s super hier.“

Jasmine Diez hat an der Kugelbeer 4 ihr Künstler-Atelier eingerichtet
Passt zur Jahreszeit und zu Mössingen: der Apfel, an dem Jasmine Diez mit kleinen Pinseln und in ihrer Lieblingsfarbe malt. Öl hat einfach eine ganz andere Brillanz als Acryl, findet die Künstlerin.

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05.10.2012, 12:00 Uhr

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