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Wein hier, Cocktails dort

Jazz und Klassik lockten über 1000 Musikfans

750 Zuhörer begeisterte die Sommernachtsklassik am Samstag auf dem Rottenburger Marktplatz. 350 Jazzfans mussten dagegen am Freitagabend in die Festhalle umziehen.

16.07.2012
  • Martin zimmermann

Nieselregen am Samstagmittag um halb zwei. Beim Aufbau der 750 Sitzplätze herrscht Anspannung: Kann das Konzert überhaupt stattfinden? Karl-Friedrich Baur, Vorsitzender des Kulturvereins Zehntscheuer, ist optimistisch: „Dieselbe Wetterfee, die für den Jazz Regen prophezeit hat, hat mir versprochen, dass die Klassik auf dem Marktplatz stattfindet.“

Die Musiker der Camerata Europeana, die einzeln mit Autos aus Baden-Baden angereist sind, trudeln ein und beginnen sich warmzuspielen. Dann ordnet Dirigent Radoslaw Szulc die Stimmen und dirigiert die Generalprobe, während er auf einem Barhocker sitzt.

Baur beobachtet aufmerksam. „Holt ein Podest. Die Pauken müssen zu sehen sein“, weist er einige Aushilfen an. Von den Publikumsstühlen verfolgen Ausflügler mit Radhelmen und Trikots die Probe, während sie an Eistüten lecken. Mehrfach brandet spontaner Applaus auf, bevor die Trommeln des vorbeimarschierenden Fanfarenzugs die Probe stören.

Währenddessen stimmen Tontechniker die Instrumente aufeinander ab. „Die Hörgewohnheit der Klassikfans ist der geschlossene Saal. Den gilt es im Freifeld zu simulieren“, sagt Chris Kittel, seit zwölf Jahren Tontechniker der Sommernachtsklassik. Beim Jazzkonzert am Vorabend erfuhren Kittel und sein Team nachmittags um drei, dass das Konzert in die Festhalle umziehen würde. „Das Trommelgewölbe reflektiert den Schall – das sind schwierigere Bedingungen. Da kamen wir kurz ins Schwitzen, aber wir haben es hinbekommen“, so der Mann am Mischpult.

Ein aufmerksamer Besucher beider Konzerte kann Jazz- und Klassikfans an ihren Schuhen unterscheiden. Am Freitag (Jazz) trägt man Turnschuhe und dazu Holzfällerhemden – im Publikum ebenso wie Saxofonist Jonas Kullhammar auf der Bühne. Einer der Turnschuhträger ist Felix Gnakpenou. Der Togolese lebt seit 30 Jahren Rottenburg und spielt selbst bei den Hurglern Saxofon.

Einen Tag später werden auf dem Marktplatz elegante Leder- und Stöckelschuhe getragen. Die Sommernachtsklassik ein gesellschaftliches Ereignis. Von den Lokalpolitikern entscheiden sich die CDU-Gemeinderäte Horst Schuh und Rose Hilbert sowie Finanzbürgermeister Volker Derbogen für die Klassik. Linken-Stadtrat Emanuel Peter und Baubürgermeister Thomas Weigel wählten tags zuvor den Jazz. „In Rottweil und Stuttgart habe ich für Jazz dieser Kategorie das Doppelte an Eintritt bezahlt“, sagt Peter. Organisator Karl-Friedrich Baur habe sowohl einen guten Musikgeschmack als auch gute Kontakte. Baur hörte den ihm bis dahin unbekannten Jonas Kullhammar im Radio. „Ich habe dann beim Hessischen Rundfunk angerufen und mir seine Telefonnummer geben lassen“, erzählt er. Seiner Ansicht müsse es im Jazz noch mehr gute Cover-Interpreten geben, die ihre eigene Version der klassischen Jazz-Werke spielten.

Auch in der Getränkewahl unterscheiden sich die Fans von Jazz und Klassik: Am Freitag servieren die Wirte zum Meeresfrüchtesalat Cocktails, tags darauf bevorzugen die Liebhaber der klassischen Musik Pinot Grigio zu Schwertfischfilet und Truthahnragout. „Cocktails würden bei diesem Publikum nicht funktionieren. Deshalb haben wir sie heute gar nicht auf der Karte,“ heißt es am Weinstand. Die Klassikfans können das Essen sitzend an gedeckten Tischen genießen, die Jazzer müssen sich mit Stehtischen im Foyer der Festhalle begnügen. Die Körperhaltung der Zuhörer ist an beiden Abenden zunächst ähnlich: ein Bein über das andere geschlagen, den Oberkörper aufmerksam nach vorne gebeugt. Dann aber gelingt es Jazzer Kullhammar, die Coltrane-Fans zu verzaubern und ihre Emotionen zu wecken. Sie lehnen sich zurück, schließen die Augen und bewegen den Kopf im Takt der Musik. Torbjörn Zetterberg umarmt seinen Kontrabass bei seinen Soli mit einer solchen Leidenschaft und entlockt ihm solch unglaubliche Töne, dass die Eifersucht einer Ehefrau auf dieses Instrument verständlich wäre.

Dem Cellisten Wen-Sinn Yang gelingt am Samstag eine ähnliche Leistung, mit dem Unterschied, dass das Publikum nicht die Augen schließt, sondern den Atem anhält und fasziniert auf die flinken Bewegungen des Cellobogens starrt. Das Klassik-Konzert auf dem Marktplatz findet mit einem stimmungsvollen Feuerwerk zu Haydns 104. Sinfonie seinen Abschluss. Jonas Kullhammar muss am Abend zuvor für eine Zugabe noch einmal auf die Bühne. Vom Rottenburger Publikum ist er so begeistert, dass er von der Bühne aus seine Telefonnummer bekannt gibt. „Ihr seid so ein tolles Publikum. Wenn ihr mal in Stockholm seid, könnt ihr anrufen und mich besuchen. “

Jazz und Klassik lockten über 1000 Musikfans
An gedeckten Tischen und einem schönen Glas Wein konnten die Klassik-Liebhaber am Samstagabend dem Musikgenuss frönen. Rund 750 Besucher und Besucherinnen zog es zur Sommernachtsklassik auf den Rottenburger Marktplatz. Bild: Groebe

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16.07.2012, 12:00 Uhr

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