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Abgewatscht gefühlt

Jazz- und Klassiktage wehren sich gegen Kürzungspläne

Die 12. Jazz & Klassik-Tage werden diesmal von einem dissonanten Streichkonzert im Vorfeld eröffnet: Die von Stadtverwaltung und städtischem Fachbereich Kultur geplanten Kürzungen träfen die Veranstalter gleich in mehrfacher Hinsicht.

08.10.2010
  • Achim Stricker

Tübingen. Bei der Pressekonferenz am Donnerstag im SWR brachte Festival-Organisator Sven Gormsen die Situation auf den Punkt: „Unter den derzeitigen Vorzeichen sind die Jazz- & Klassik-Tage ernsthaft bedroht.“ Generell drohen den lokalen Musik-Veranstaltern geplante Zuschusskürzungen um zehn bis 50 Prozent. Auch die beiden an der Festivalorganisation beteiligten Vereine „Jazz im Prinz Karl“ und „Jazzclub Tübingen“ sollen nur noch die Hälfte Zuschüsse bekommen und nach städtischer Vorstellung sogar zusammengelegt werden. Für Gormsen ein Indiz völliger Unkenntnis: „Das zeigt, man hat sich jahrelang nicht darum gekümmert und hat keine Ahnung.“

Das Jazz-Programm des Festivals wird fast ausschließlich von den beiden Jazz-Vereinen gestemmt. Momentan bekommen sie jeweils etwa 5000 Euro Zuschuss für die gesamte Jahresplanung. Im Verhältnis dazu sind allein für das Afro-Brasil-Festival im städtischen Haushaltsplan 16 000 Euro festgeschrieben. Die meisten Zuschüsse fließen in die Tübinger Klassikszene, was Gormsen auch einsieht: „Die haben die höheren Kosten.“ Der gesamte Jazzbereich bekommt etwa ein Zehntel der Klassik-Subventionen. „Wenn da jetzt noch mehr gekürzt wird, bleibt gar nichts mehr übrig.“

Die reinen Verwaltungskosten der Jazz- & Klassik-Tage inklusive Personal, Werbung, Organisation und Eröffnungskonzert belaufen sich auf rund 35 000 Euro. Die Stadt gibt bislang 5 000 Euro dazu, auch hier sollen zehn Prozent gekürzt werden. Deutlich großzügiger sind da Sponsoren wie Kreissparkasse oder Stadtwerke. Besonders unterstützt fühlt sich Gormsen auch von der Tübinger Einzelhändlerschaft.

Zum zehnjährigen Jubiläum der Jazz & Klassik-Tage 2008 hatte zudem OB Boris Palmer einen Sonderzuschuss von weiteren 5 000 Euro versprochen, der dann allerdings nie ausgezahlt wurde. Als Gormsen nach längerer Zeit vorsichtig nachhakte, wusste Palmer von nichts: „Er hat mich nicht verstanden oder wollte mich nicht verstehen. Jedenfalls habe ich mich ziemlich abgewatscht gefühlt. Die zusagte Summe steht noch immer aus.“

Besonders ärgert sich Gormsen, dass die „Kulturstadt Tübingen“ andererseits mit den fahrlässig behandelten Jazz- & Klassik-Tagen „ihr Marketing betreibt“. Überhaupt gehe die Stadt „schlampig mit ihren Schätzen um.“ So machen etwa viele der großen Konzertveranstalter inzwischen einen Bogen um Tübingen, weil ein adäquater Veranstaltungssaal fehlt.

Gormsen sieht die Jazz- & Klassik-Tage auch künstlerisch in einer Umbruchsituation: „Entweder wir dümpeln weiterhin wie bisher vor uns hin oder wir geben dem Ganzen eine Form. Das kostet aber Anstrengungen und Geld.“ Gormsen legte am Donnerstag ein künstlerisches Konzept vor, nach dem das Festival künftig etwas andere Wege gehen soll. In den letzten Jahren gab es bei den teilnehmenden Musikern „eine gewisse Verfestigung“, der Gormsen bereits in diesem Jahr mit einer gesteuerten „Dynamisierung“ entgegengewirkt hat. „Wenn man die Programme der letzten Jahre anschaut, muss man selbstkritisch sagen: Es ist passiert, was wir nie wollten: Es gab ziemlich viele Wiederholungen.“

Bislang verschickte die Festivalleitung zu Beginn jedes Jahres einen Aufruf an alle Kulturschaffenden und setzte auf Eigeninitiative. So kamen regelmäßig rund 70 Konzerte mit fast ausschließlich lokalen Musikern zusammen. Das Ergebnis dieses Ausschreibungsverfahrens wurde aber über die Jahre zu einer Art „Tübinger Leistungsschau“ der immergleichen Ensembles, so Gormsen. „Um weg vom Immergleichen zu kommen und dem, was eh schon da ist“, will Gormsen künftig vorab konkrete Projekte anstoßen und das Resultat dann während des Festivals präsentieren. Ein erster Versuchsballon ist in diesem Jahr ein von Fried Dähn und Thomas Maos initiiertes Multi-Media-Projekt, bei dem Schüler der Tübinger Musikschule mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen musizieren.

Auch diesmal macht die Klassik wieder nur ein Drittel des Programms aus. Unter anderem liege das an den „höheren Erwartungen klassischer Musiker an Honorar und Raum“. Allerdings sind die Klassikkonzerte in einer anderen Ausgangssituation: Sie haben ihr verlässliches Publikum, unabhängig vom Festival. Jazzkonzerte aber sind während des Festivals erfahrungsgemäß doppelt so gut besucht wie sonst.

Jazz- und Klassiktage vom 16.-24. Oktober

Die Tübinger Jazz- und Klassiktage beginnen am 16. Oktober und enden am 24. Oktober. Einige Highlights der rund 80 Konzerte auf 40 Bühnen werden noch gesondert vorgestellt, Startrompeter Tomas Stanko der das Eröffnungskonzert im LTT spielt, gehört gewiss dazu. Auch das eigenwillige Trio aus flügelhornblasendem Meisterkoch (Vincent Klink), Meisterpianist (Patrick Bebelaar) und Meisterautor (Wiglaf Droste) zählt dazu. Und das Reutlinger Auswärtsspiel von Rainer Tempel mit mit der Württembergischen Philharmonie. Demnächst dazu mehr. Oder unter www.jazzklassiktage.de

Jazz- und Klassiktage wehren sich gegen Kürzungspläne
Er ist auch dieses Mal wieder mit dabei: Landesjazzpreisträger Axel Kühn (am Bass), hier mit Andreas Rapp im vergangenen Jahr beim „Beswingt einkaufen“, der Altstadt-Goodwillaktion der Jazz- und Klassiktage.Archivbild: Metz

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08.10.2010, 12:00 Uhr

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