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Zwei Uraufführungen zu Beginn der Intendanz von Ulrich Khuon am Deutschen Theater Berlin

Jeder Mensch hat seinen Zerreißpunkt

Gleich zweimal wird in Berlin versucht, ins „Herz der Finsternis“ vorzustoßen: mit einer wortgetreuen Bearbeitung von Joseph Conrads Roman und der „Öl“-Suche von Lukas Bärfuss. Haut aber nicht so richtig hin.

23.09.2009
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Schon lange war nicht so viel Intendanten-Neuanfang an den großen deutschsprachigen Schauspielhäusern: Wien, Zürich, Hamburg, Frankfurt, München (erstmal halbherzig), Dresden, Hannover - und als erhoffte Krönung Ulrich Khuon, der das zur absoluten Spitzenbühne erblühte Berliner Deutsche Theater in seine erfolgsbewährten Hände übernommen hat. Aber aller Anfang ist schwer. Und beide Male, also beim „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad und dem thematisch ideal dazupassenden „Öl“ von Lukas Bärfuss, war es die zu löchrige Stückvorlage, an der sich die Regisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig, beide von Khuon aus Hamburg übernommen, die Zähne ausbissen. Schauspielerisch aber konnte das kräftig aufgefrischte Ensemble gleich vom Start weg punkten.

Roman-Bearbeitungen, bei denen es dann freilich selten zu einer wirklichen Dramatisierung reicht, sind derzeit auf dem deutschen Theater schwer in Mode. Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ von 1899 ist ein wunderbarer Roman über eine Schiffsreise von gestrandeten Europäern in die Wildnis des Kongos. Die Schilderung dieser bedrohlich fremden Wildnis-Landschaft macht den Hauptteil des Romans aus - auf der Bühne aber ist davon nichts zu sehen, da werden nur schiffstakelagehafte Eisengestänge erklettert und gruselige Embryo-Riesenpuppen eingeschwebt (sie sollen die ausgemergelten Afrikaner verkörpern). Andreas Kriegenburg lässt zwar wieder sechs Darsteller den einen Kapitän Marlow mal solo, meist aber chorisch spielen, bewegt damit aber genausowenig wie mit dem teuflischen Elfenbein-Boss Kurtz, wie ihn Markwart Müller-Elmau schläfrig hinlungert (der selbe Darsteller hat schon vorher als nazihafter Kopfvermesser sein Repertoire an feinstem Grauen verpulvern müssen). Daniel Hoevels brilliert aus dem Stand mit einer aberwitzigen Clowns-Nummer. Natali Selig als direkt ans Publikum adressierte Erzählerin des von John von Düffel wortgetreu belassenen Originaltextes bringt Joseph Conrad und sein Credo „Jeder Mensch hat seinen Zerreißpunkt“ eindringlich auf den Punkt. Die Handlung aber bleibt hinter Buschtrommel-Geklopfe und lustig lautmalerischem Kanonendonner gut versteckt.

Am liebsten gar keine Handlung, sondern nur Nina Hoss im Dialog mit Margit Bendokat hätte man am folgenden Abend in Stephan Kimmigs erstaunlich braver Inszenierung von Lukas Bärfuss „Öl“ gesehen. Das auf den Proben noch mehrfach umgeschriebene Stück, eine schäumend zivilisationskritische Abrechnung mit höchstem Pathos-Anspruch, wirkt fast wie eine heutige Fortsetzung von Joseph Conrad: die gleiche Thematik von den rücksichtslosen Dritte-Welt-Ausbeutern, die Knall-auf-Fall auch noch zur sich selbst austilgenden Flinte greifen. Verquälte und verquaste Klischee-Psychodramatik, hölzern ins raunend Geheimnisvolle überhöht, leblos.

Aber da ist, dauerpräsent, die endlich wieder einmal richtig besetzte Nina Hoss als auf den Ölfund ihres ziemlich doofen Gatten (macho-gespreizt: Felix Goeser) gierende frustrierte Ehefrau im gefängnishaften Einsamkeits-Exil fern der Heimat. Der nächste Doppelpack am Deutschen Theater wird dann schon vom „Prinzen von Homburg“ und „Woyzeck“ gebildet. Da kann man dann wenigstens sicher sein, dass es nicht am Stück liegt . . .

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23.09.2009, 12:00 Uhr

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