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Jeder braucht Familie
Ein Jahr lang Dreharbeiten liegen hinter Regine Stachelhaus (links) und ihrem ersten Patensohn Kibrom Zereyohannes (rechts). Die Dokumentation von Susanne Babila (Mitte) feierte ihre Premiere in der Stuttgarter Stadtbibliothek. Foto: Ferdinando Iannone
Kinder auf der Flucht

Jeder braucht Familie

Der 13-jährige Borhan aus Afghanistan hat auf seiner Flucht Unaussprechliches erlebt. Eine sensible Filmdokumentation hat ihn und seine Patin ein Jahr lang begleitet.

10.10.2016
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Auslöser für das Engagement als Flüchtlingspatin war ein Filmbericht. Regine Stachelhaus zappte auf einer ihrer vielen Geschäftsreisen abends im Hotel durch das Fernsehprogramm und blieb bei einer Reportage hängen. Die Bilder von dem lockenköpfigen schmalen Jungen, der sich mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf allein zu einer Besprechung in eine Behörde schleppte, gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Damals war sie Geschäftsführerin bei Hewlett-Packard in Böblingen und hatte keine Ahnung, wer für Flüchtlingskinder zuständig ist und wie man sich engagieren kann. Dass sie nicht untätig bleiben konnte, stand für die gelernte Juristin, die mit ihrer Familie in Herrenberg lebt, jedoch sofort fest. Das war vor zehn Jahren. Inzwischen ist der Junge aus dem Film längst festes Mitglied der Familie Stachelhaus, hat das Abitur gemacht und studiert Kommunikationstechnik. Kibrom will später einmal selbst Filme machen, so sein Zukunftsplan.

Regine Stachelhaus nahm Kibrom 2006 als Patensohn an. Der damals 16-Jährige war als Kind mit 13 Jahren allein aus Eritrea geflohen und hatte schon drei Jahre in einer Jugendgruppe in Stuttgart gelebt. Um sich kennenzulernen, kochten sie zusammen, machten Spiele und Ausflüge, besuchten Freunde und Veranstaltungen – also all das, was eine Familie in ihrer Freizeit so macht. War es nicht schwierig, als plötzlich ein fast erwachsenes Kind in die Familie kam? „Nein, es war von Anfang an eine Bereicherung“, sagt die erfolgreiche Managerin, die zuletzt im Eon-Vorstand gearbeitet hat und jetzt in verschiedenen Aufsichtsräten tätig ist.

Die Herausforderungen sind allerdings andere: „Man erlebt auch mit den eigenen Kindern Höhen und Tiefen. Aber die Flüchtlingskinder leiden und haben Todesängste überstanden. Für sie ist die erste Zeit in Deutschland enorm anstrengend. Es sind so viele Dinge, die sie lernen müssen, nicht nur in der Schule. Dazu kommen Heimweh und die Angst, wieder zurückgeschickt zu werden.“ Kibrom kam erst durch die Zeit, die er mit und in der Herrenberger Familie verbrachte, richtig in Deutschland an. „Man braucht Rückendeckung, jemanden, der für einen da ist. Man braucht Familie“, sagt er heute.

Vor einem Jahr nahm Regine Stachelhaus dann ein zweites Patenkind an. Der 13-jährige Borhan aus Afghanistan wurde nach dem Tod seines Vaters Schleppern mitgegeben – in der Hoffnung, dass er von Europa aus für die Mutter und die jüngeren Geschwister sorgen könnte. Borhan aber konnte kaum für sich selbst sorgen. Er erlebte auf seiner ein Jahr dauernden Flucht so Schreckliches, dass er nicht darüber sprechen konnte. Er sagt nur: „Es war so schlimm. Ich würde es nicht noch mal machen.“

Langzeit-Dokumentation

Die Hörfunk- und Fernsehjournalistin Susanne Babila, die schon viele preisgekrönte Filme zu Flucht und Vertreibung, Afrika und Kriegsverbrechen produzierte, hat diese Patenschaft vom ersten Kennenlernen bis zu ihrem vorläufigen Ende ein Jahr lang dokumentiert. Ihr Film zeigt, wie aus dem anfänglich introvertierten und schwer zugänglichen Kind durch die freundliche Zugewandtheit der Patin und ihrer Familie ein Junge wird, der selbstbewusster und eigenständiger durchs Leben geht. „Die Entwicklung ist dramatisch. Die Flüchtlingszahlen gehen zwar momentan zurück, doch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die allein in Deutschland ankommen, steigt stark an. Mein Film zeigt, welche wichtige Rolle eine Patenschaft für den Integrationsprozess dieser Kinder hat“, sagt Susanne Babila.

Für Borhan gibt es ein vorläufiges Happy End: Er wurde als Pflegekind in eine Stuttgarter Familie aufgenommen. In Stuttgart leben derzeit 684 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Kinderheimen und Wohngruppen. Waltraud Stuntenbeck vom Jugendamt: „Wir konnten 13 Kinder in Pflegefamilien vermitteln und 60 Patenschaften anbahnen. Der Bedarf an weiteren Paten ist riesengroß.“

Info Die Reportage „Mensch Leute: Die Patin – Regine und ihre Flüchtlingskinder“ läuft heute um 18.15 Uhr im SWR.

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10.10.2016, 06:00 Uhr

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