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Jeder kennt ihn, keiner mag ihn: Der Innere Schweinehund im schonungslosen Interview
"Ich weiß, was gut ist"

Jeder kennt ihn, keiner mag ihn: Der Innere Schweinehund im schonungslosen Interview

Endlich richtig Sport machen, nur noch gesunde Sachen essen, die Karriere vorantreiben und überhaupt . . . Warum gelingt das so wenigen von uns? Selbst dann nicht, wenn wir wirklich willig sind. Es gibt einen Schuldigen: den Inneren Schweinehund - und der stellt sich zum ersten Mal in seiner langen Karriere in einem exklusiven Interview.

23.04.2016
  • THOMAS BLOCK, IRMI STÄDELE

Heute schon joggen gewesen?

Sie spinnen wohl. Noch so eine Frage und ich bin raus.

Wieso? Joggen kann doch etwas sehr Schönes sein.

Wissen Sie eigentlich wie ungesund das ist? Die Knie, die Gelenke, die Bänder - und dann diese unschöne Figur, die man vom Joggen bekommt. Ausgemergelt, keine weiche Stelle am Körper. Das kann doch keiner schön finden. Vom Gestank gar nicht zu reden. Nein, Joggen halte ich für hochgradig irrational.

Was machen Sie dann sonst den ganzen Tag.

Ich arbeite mit Menschen. Im Grunde bin ich Dienstleister. Ich erfülle meinen Klienten ihre eigentlichen, unmittelbaren Wünsche. Nicht diesen ganzen Langfrist-Mist: ein Haus, ein ausgeglichener Kontostand, ein angeblich gesunder Körper, eine gesellschaftskonforme Karriere. Das ist ja alles ganz nett, aber wenn Sie morgen tot umfallen, haben Sie davon nichts. Dann gehen Sie von dieser Welt mit Gliederschmerzen und Achselschweiß.

Wie wäre eine Welt ohne Schweinehund?

Stinklangweilig. Alles funktioniert, es gibt keine Überraschungen, nichts Unvorhergesehenes. Der Mensch braucht jemanden, der ihn bremst und ihm Raum für Kreativität schenkt. Fragen Sie mal Oscar Wildes Schweinehund! Wir sind subversive Streiter für den Moment, für das Leben, für die Kunst, für den Genuss im Hier und Jetzt.

Klingt gut. Wie wird man zu sowas?

Durch harte Arbeit.

Im Ernst?

(lacht) Natürlich nicht. Nein, man ist einfach da, ohne diesen ganzen Assessment-Center-Quatsch. In eine Schweinehund-Existenz wird man ungefragt hineingeschleudert.

Was sind Ihre klassischen Einsatzgebiete?

Sportverhinderung, Ordnungsverhinderung - vor allem im Hinblick auf Fensterputzen -, Bildungs- und Karriereplanungsverhinderung. Und natürlich Ernährungssuboptimierung. Ohne mich wären die meisten Fast-Food-Ketten und Leberkässemmel-Dealer längst bankrott.

Ein weites Spektrum. Respekt! Ist für jeden Sektor eine eigene Technik erforderlich?

Nein. Ich vergleiche es gern mit einem Instrument. Darauf können Sie tausende Melodien spielen; es muss nur immer die richtige für den Menschen und den Moment sein.

Können Sie das ein bisschen genauer erklären?

Nehmen wir Sport - und schließen die paar Leute aus, die das wirklich gerne machen. Meine Zielgruppe sind Menschen, die meinen, sie müssten, weil es ja so gesund sein soll. Das entscheidende Wort ist "Kopf". Da setze ich an.

Wie denn nun genau?

Ablenkung, Verdrängung, Verwirrung, Abschreckung, Verwöhnung - am liebsten arbeite ich mit einem ausgewogenen Methoden-Mix: Dem unwilligen Sportler fällt ein, dass er noch schnell etwas anderes machen muss - Verwirrung und Verschiebung. Er räumt ein Messer in die Spülmaschine; dann postet er ein Selfie davon und wartet eine halbe Stunde auf Kommentare - Ablenkung. Danach könnte es theoretisch losgehen, doch dann schaut er aus dem Fenster und sieht den kalten Nieselregen - Abschreckung. Am Ende streckt sich der noch so ehrgeizige Möchtegern-Sportler im schönen warmen Sessel - Verwöhnung. Und irgendwann, herrje, ist es eh zu spät noch rauszugehen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Und das lässt sich auf alles anwenden?

Ja. Die Fastfood-Melodie ist ganz ähnlich: Gesund essen kann ich morgen. Einmal ist keinmal. Was ist das überhaupt für ein Leben, wenn man sich nie was gönnt?!

Das geht doch nicht auf. Erst behaupten Sie, ein Streiter für die Kunst und das Leben zu sein und dann bringen Sie die Menschen dazu, bei McDonalds zu essen.

Ja und? Wer legt denn bitte fest, was gut und was nicht gut ist? Wieso soll ein Döner schlechter sein als Rohkost, das Dschungel-Camp schlechter als ein Martin-Walser-Roman, Wagner besser als Helene Fischer? Das ist doch alles elitäres Gewäsch. Ich weiß am besten, was für meine Klienten gut ist.

Wie würden Sie eigentlich ihre Figur beschreiben?

Barock.

Zurück zu Ihrer Zielgruppe. Wen schließen Sie da aus?

Die Leute mit echtem Spaß an der Sache hatte ich ja schon erwähnt. Dann gibt es noch die notorisch verbiesterten Ehrgeizlinge. Wahrscheinlich sind die schon als Babys auf perfektes Funktionieren gedrillt worden. Mit ihnen zu arbeiten, wäre Zeitverschwendung. Und obendrein unendlich fad.

Arbeiten Sie lieber mit Männern oder mit Frauen zusammen?

Eindeutig mit Frauen. Da ist der Output intensiver. Männer gehen nicht zum Sport und haben zwei Stunden später wieder vergessen, dass sie überhaupt zum Sport gehen wollten. Frauen hingegen gehen nicht zum Sport und machen sich dann drei Tage lang Vorwürfe. Sie hassen, sie geißeln, sie zerfleischen sich - so macht meine Arbeit Spaß.

Schauen Sie manchmal Sport?

Seltsamerweise ja. Es ist ein bisschen wie Horrorfilm-Gucken.

Was halten Sie von den Sozialen Medien?

Herrlich. Die könnten glatt von mir erfunden worden sein.

Sind Ihre Einsatzfelder auf der ganzen Welt?

Das wäre ja noch schöner. Einen gewissen Wohlstand setze ich schon voraus. Es gibt Gegenden, in denen ich leider schon lange nicht mehr war. In Babylon habe ich in den alten Tagen gerne gearbeitet, da konnte man schweinehunden wie nirgends sonst, das waren die goldenen Jahre. Oder Pjöngjang. Da können Sie heute gar nicht mehr hin, und wenn, dann nur ins Regierungsviertel. Richtig traurig.

Wo lohnt sich das Schweinehund-Business gerade besonders?

Schwaben ist das neue Babylon, nur weniger lustig - muss an diesem grausigen Pietismus-Erbe liegen. Trotzdem stimmen hier die Grundvoraussetzungen. Wohlstand und eine gesteigerte Bereitschaft, sich selbst gegenüber zugereisten Hungerleidern benachteiligt zu fühlen. Da muss man als Schweinehund gar nicht viel machen.

Mag Sie eigentlich irgendjemand?

Ratgeber-Autoren und ihre Verlage lieben mich. Die machen ein Vermögen mit mir. Und wie erwähnt die Ernährungsindustrie.

Ist es nicht anstrengend, so berühmt zu sein?

Ich kann damit umgehen.

Wir haben das Gefühl, dass sie eher unbeliebt sind. Laut Wikipedia ist ein Schweinehund ein grobes Schimpfwort, das auf den bei der Wildschweinjagd eingesetzten Sauhund zurückgeht.

Mir doch egal.

Waren Sie irgendwann nützlich?

Frechheit. Ich habe jetzt lang und breit erklärt, dass ich das immer noch bin. Ohne mich wäre Ihre Art nie so weit gekommen.

Inwiefern?

Stellen Sie sich einen Steinzeitmenschen vor, der nach der Jagd noch ins Fitnessstudio geht. Der hätte keine Energie mehr zur Fortpflanzung gehabt.

Träumen Sie manchmal vom Ruhestand?

Wieder so eine Idiotenfrage! Natürlich nicht. Schweinehund ist nicht irgendein Job. Es ist eine Lebensaufgabe. Mich wird es immer geben. Wissen Sie was? Gehen Sie doch einfach joggen!

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23.04.2016, 06:00 Uhr

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