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„Jedes Leben zählt“
Vom IS aus der Stadt Sinjar vertriebene jesidische Frauen und Kinder im Nordirak: Ihre Rettung berührte auch ein innenpolitisches Tabu: Ein Kontingent hat eine Obergrenze, und es wählt aus. Foto: afp Foto: AFP
Hilfen

„Jedes Leben zählt“

Vor zwei Jahren hat das Land ein Aufnahmeprogramm für Jesidinnen aufgelegt. Für die Beamten eine heikle Mission – für die Betroffenen der Start in ein neues Leben.

29.12.2016
  • ROLAND MUSCHEL

Stuttgart. Michael Blume, 50, zeigt auf seinem Handy ein Foto, das erst auf den zweiten Blick seine Grausamkeit offenbart. Zu sehen ist eine Stelle mit Schutt und Sand im Nordirak. „Da war ein Forellenteich“, erzählt Blume. Bis die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekommen ist, den Teich nach einer Massenexekution mit den Leichnamen von Jesiden aufgefüllt und dann zugeschüttet hat. Wo Leben war, ist nun Wüste.

Blume ist in den vergangenen zwei Jahren im Auftrag des Landes 14 Mal zwischen Stuttgart und dem Nordirak gependelt. Ende Dezember 2014 hatte ihn Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gefragt, ob er die heikle Mission leiten wolle, durch ein Sonderkontingent 1100 vom IS verfolgte und misshandelte Frauen und Kinder aus dem Nordirak aufzunehmen. Es folgt, was der Referatsleiter im Staatsministerium, „das härteste, aber auch sinnvollste Jahr“ seines Lebens nennt. Heute kann Blume feststellen, dass seine Arbeit Früchte trägt.

Suche nach den Schwächsten

Ende 2014 jedoch betritt der Beamte Neuland. Der Bund lässt Baden-Württemberg machen, aber bei den Kantinen-Wetten im Auswärtigen Amt wird auf ein Scheitern der „Spätzles“ gesetzt. Blume stellt sein Team unter strengster Geheimhaltung zusammen, führt Gespräche mit der kurdischen Regierung, versucht dann vor Ort mit einem Psychologen und einer Vertreterin der Visa-Stelle an seiner Seite die besonders Schutzbedürftigen zu identifizieren: Menschen, die traumatisierende Gewalt durch den IS erlitten und Angehörige verloren haben und als behandelbar gelten. Er hört von einer Achtjährigen, die von IS-Schergen vergewaltigt worden ist. Von Müttern, die zusehen mussten, wie der IS ihre Kinder getötet hat. Das Team wechselt Unterkünfte und Routen. Wäre ein Mitglied gekidnappt oder gar getötet worden, hätte das die Mission infrage gestellt – und Initiator Kretschmann womöglich politisch beschädigt.

Die Tarnung funktioniert. Im März 2015 fliegt die erste Gruppe nach Stuttgart, im Januar 2016 die letzte. Es gibt kein Religions-, Ethnien- oder Nationalitätenkriterium. Auch Christen aus der Region finden Schutz im Kontingent, die meisten Aufgenommenen aber sind Jesidinnen.

Das Schicksal der religiösen Minderheit war der Öffentlichkeit lange unbekannt. Das änderte sich, nachdem Kretschmann 2014 mit Vertreter des Zentralrats der Jesiden in Deutschland zusammentraf. Sie zeigten dem Ministerpräsidenten ein Fotobuch. Kretschmann klappte es schnell zu, so fürchterlich waren die Bilder eines IS-Massakers an Jesiden. Aber losgelassen haben sie ihn nicht mehr. Beim ersten Flüchtlings-Gipfel in Stuttgart im Herbst 2014 verkündete der Grüne dann die Kontingentlösung.

Es hat schon andere Kontingente gegeben, aber in der damaligen Lage kratzte es auch an einem innenpolitischen Tabu. Denn ein Kontingent hat eine Obergrenze – und es wählt aus. In dem Fall schutzbedürftige Frauen und Kinder. Eine Politik mehr oder weniger offener Grenzen hilft eher jungen, mobilen Männern. Die wenigen Kritiker indes arbeiten sich an der Frage ab, ob die Hilfe aus Stuttgart viel bewirken kann. „Jedes Leben zählt“, lautet das Motto von Blumes Team.

Inzwischen macht das Beispiel Schule. Der Landtag von Brandenburg hat sich vor Weihnachten für die Aufnahme von Jesidinnen stark gemacht, Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben je 100 aufgenommen. Kanada will der religiösen Minderheit ebenfalls Zuflucht bieten.

Wenn es nach Farida Khalaf, 20, geht, ist das erst der Anfang. „Ich habe keinen Frieden, solange noch so viele von uns in IS-Gefangenschaft sind“, sagt die Jesidin, die selbst mehrere Monate in der Hand der Terroristen war. Sie hat darüber ein Buch geschrieben: „Das Mädchen, das den IS besiegte.“ Nun kämpft sie für die anderen Frauen, noch immer sollen sich über 3000 Jesidinnen in der Gewalt der Islamisten befinden. „Ich war einige Monate in ihrer Gefangenschaft, andere sind es nun seit über zwei Jahren. Ich weiß, wie schrecklich das ist.“

Farida Khalaf ist 17, als IS-Soldaten ihr Dorf überfallen und viele Männer töten, auch ihren Vater und ihren ältesten Bruder. Sie selbst wird verschleppt, verprügelt, missbraucht, wechselt mehrfach den „Besitzer“. Sie versucht, sich umzubringen, weil sie sich für das schämt, was ihr angetan wird. Irgendwann sagt sie sich, dass sie stärker ist als diejenigen, die sie brechen wollen. Mit fünf anderen Mädchen, die jüngste ist gerade mal elf, gelingt ihr schließlich die Flucht.

Heute lebt Farida Khalaf dank des Sonderkontingents im Badischen. Sie hält Vorträge, wann immer es Jesiden helfen könnte. Ihr Aktivismus ist auch ein Statement: „Wir sind stärker als der IS, wir machen weiter.“ Aber sie weiß auch um die Grenzen. „Ich kann sagen, wie es ist. Aber ich kann nicht jedem helfen, leider.“

Um ihren Hals baumelt eine Kette, darauf steht in ihrer Muttersprache Kurmanci der Name ihres Heimatdorfes, Kocho. Es ist der Ort, aus dem auch Nadia Murad (23) kommt, die als „Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen “ die prominenteste Vorkämpferin gegen den Völkermord an den Jesiden ist. Schon im Nordirak, erzählt Blume, habe ihn Nadia Murad gefragt, ob sie in Deutschland schweigen müsse. Dass die Freundinnen Farida Khalaf und Nadia Murad nun ihre Stimme erheben und weltweit auf das Schicksal der Jesiden hinweisen können, wäre ohne das Sonderkontingent kaum vorstellbar.

Grenzen der Traumatherapie

Während die Mission der jungen Frauen weitergeht, ist das Programm des Landes abgeschlossen. Bei einem Teil verhindere die Trauma-Erfahrung das Vorankommen. Doch insgesamt verlaufe die Entwicklung „positiver als erwartet“, sagt Blume. 93 Millionen Euro waren für das Kontingent bis Ende 2016 eingeplant, die Summe dürfte um 20 Prozent unterschritten werden: Anders als gedacht, können die Jesiden mit individuellen Traumtherapien europäischen Stils wenig anfangen. Die Sehnsucht nach der Wiedergewinnung von Sicherheit wird durch eine Alltagsstruktur, durch Schule, Kochen oder Malerei, besser bedient. „Unsere Erfahrung ist, dass allein der Ortswechsel in den allermeisten Fällen positive Wirkungen hat“, sagt Blume.

Das schönste an Deutschland sei, dass sie niemand nach ihrer Religion oder ihrem Geschlecht beurteile, sagt Farida Khalaf. „Ich kann einfach Mensch sein.“

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29.12.2016, 06:00 Uhr

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