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Jennifer Teege erzählte in Orschel-Hagen ihre bewegende Familiengeschichte
Die 46-jährige Autorin Jennifer Teege las am Dienstagabend im Jubilate-Gemeindehaus aus ihrem Buch „Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“.Bild: Haas
Vom Gift befreit

Jennifer Teege erzählte in Orschel-Hagen ihre bewegende Familiengeschichte

Per Zufall hat Jennifer Teege entdeckt, dass sie die Enkelin des sadistischen KZ-Kommandanten Amon Göth ist. Am Dienstagabend sprach die dunkelhäutige Autorin im Jubilate-Gemeindehaus in Orschel-Hagen über ihr Buch „Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“.

14.04.2016
  • Maik Wilke

Orschel-Hagen.Zwischen einem Werk von Erich Fromm und einem Ratgeber mit dem trivialen Titel „In der Krise liegt die Kraft“ entdeckt Jennifer Teege das Buch mit dem roten Einband. Das Gesicht der Frau auf dem Cover kommt ihr bekannt vor. Die damals 38-jährige Teege zieht das Buch aus dem Regal in der Psychologieabteilung der Hamburger Zentralbibliothek. Der Titel: „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“. Der Autor, Matthias Kessler, sagt ihr nichts, doch das Bild der Frau lässt sie nicht los. Schnell blättert sie von Seite zu Seite. In den Händen hält sie den Schlüssel zu ihrer schrecklichen Familiengeschichte. Die Frau auf dem Cover ist ihre leibliche Mutter, Monika Göth.

Sachlich und ruhig, aber dennoch bewegend las Jennifer Teege am Dienstagabend vor 100 Zuhörern im Jubilate-Gemeindehaus in Orschel-Hagen aus ihrem Buch „Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“. Spätestens seit dem Hollywood-Drama „Schindlers Liste“ ist die Geschichte vom wahllos mordenden KZ-Kommandanten Amon Göth weltweit bekannt. Jennifer Teege ist Göths Enkeltochter. Nur per Zufall hatte sie von der Vergangenheit ihrer Familie erfahren. Ihre leibliche Mutter wollte sie vor diesem Geheimnis beschützen. „Sie dachte, wenn sie mir nichts davon sagen würde, würde es mich nicht betreffen. Aber solche Geheimnisse wirken immer nach“, erzählt Teege. Jahrelang habe sie unter Depressionen gelitten, ohne zu wissen, was ihre Traurigkeit auslöste. „Das Familiengeheimnis hatte eine toxische Wirkung.“

Als Teege sieben Jahre alt war, gab ihre leibliche Mutter Monika Göth sie zur Adoption frei. Erst als Teege von ihrer Verbindung zu Amon Göth erfuhr, versuchte sie wieder Kontakt zur Mutter aufzunehmen: „Ich wollte nicht mit ihr abrechnen, sondern hatte einfach sehr viele Fragen.“ Doch nach nur wenigen Treffen brach Monika Göth den Kontakt zu Teege wieder ab. Ihren leiblichen Vater, einen Nigerianer, besuchte sie vor einigen Jahren. Teege wollte ihm ersparen, dass er wie sie selbst über ein Buch von ihrer Verbindung zu Amon Göth erfahre.

Bei einer Pflegefamilie in München wuchs Teege in einem behüteten Umfeld auf. Den Film „Schindlers Liste“ hat sie während ihres Studiums in Israel gesehen, in der Engels-Straße in Tel Aviv. „Aber es war nur ein Film und hatte nichts mit mir zu tun“, erzählt Teege. Erst nach ihrem Fund in der Bibliothek habe sie sich intensiv mit Amon Göth, dem sadistischen Kommandanten des Konzentrationslagers in Plaszow bei Krakau, beschäftigt. Sie liest alles über den Holocaust und kommt sich dabei vor, wie „in einem Gruselkabinett“. Ein Jahr später reist Teege mit der Journalistin Nikola Sellmair zum ehemaligen Wohnhaus ihres Großvaters nach Polen, besichtigt das KZ in Plaszow. Der Titel des ersten Kapitels in ihrem eigenen Buch: „Ich, die Enkelin eines Massenmörders“.

Auch sie habe auf ihre ersten Schulhefte den Namen Göth geschrieben. Bei ihrer Namensänderung nach der Adoption sei schlicht ein Dokument gelöscht worden. Doch bis sich Teege mit ihrer neuen Identität abfindet, vergeht viel Zeit. In ihrem Buch stellt sie die Frage: „Kann ein Toter immer noch Macht über die Lebenden haben?“ Dabei ist es gar nicht so sehr Großvater Amon, der in ihrem Kopf spukt. „Von meinem Großvater konnte ich mich irgendwann distanzieren. Aber die Auseinandersetzung mit meiner Oma hat länger angehalten.“

Denn Ruth Irene Kalder habe sie im Kinderwaagen geschoben und ihre Hand gehalten, schreibt Teege in ihrem Buch, in dem sie die Frau Amon Göths als Bindeglied zu dem 1946 gehängten KZ-Kommandanten bezeichnet. „Sie hat mir als Kind Sicherheit gegeben. Doch dann musste ich mich fragen: Darf ich dieses kindliche Gefühl der Liebe bewahren? Oder verschließe ich mich der Wahrheit, dass meine Oma mit einem Sadisten zusammengelebt hat?“ Bei ihrer Recherche habe Teege Gründe gesucht, warum Kalder bei Amon Göth geblieben ist. Bedroht habe er seine Frau aber nie. „Er war wohl einfach ihre große Liebe.“

Bis zu ihrem Selbstmord 1983 hat Kalder sich nie bei den Juden entschuldigt. In ihrem Abschiedsbrief wurden die Opfer ihres Mannes mit keiner Silbe erwähnt. „Das war eine Art Entzauberung“, sagt Teege. Dennoch fällt auf: Während ihrer Lesung bezeichnet Teege Amon Göth nie als Opa, sondern ausschließlich als Großvater. Ruth Irene Kalder nennt sie Oma.

Ihr Buch sei keine Therapie gewesen, erklärt die 46-Jährige, die mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Hamburg lebt. Aber es habe geholfen, ihre Gedanken zu strukturieren. Die Freundschaft mit ihren Freunden aus Isreal sei durch die Enthüllung, wer ihre Vorfahren sind, stärker geworden – das Verhältnis zu ihrer Adoptivfamilie authentischer. Das schreckliche Familiengeheimnis zu entdecken, habe sie befreit.

Lesung zur Ausstellung zum „Entjudungsinstitut“

Die Lesung von Jennifer Teege gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung zum „Entjudungsinstitut“, die noch bis zum 24. April im Jubilate-Gemeindehaus in Orschel-Hagen (Nürnberger Straße 192) zu sehen ist. Auf 14 Tafeln beschreiben Schüler der Martin-Luther-Gymnasiums in Eisenach die Institution, die von 1939 bis 1945 den jüdischen Einfluss aus der Kirche zu beseitigte. Dabei wurden im Gesangbuch „Großer Gott wir loben dich“ oder in der Weihnachtsgeschichte alle Passagen gestrichen, in der Jesus als Jude bezeichnet wurde, erklärt Frieder Leube, der Geschäftsführer der Evangelischen Bildung.

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14.04.2016, 01:00 Uhr

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