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Katastrophe

„Jetzt müssen wir von vorn anfangen“

Dörfer in Mittelitalien versuchen gerade, die Folgen des sommerlichen Bebens zu bewältigen, da wackelt die Erde wieder und legt Häuser in Trümmer. Tausende sind obdachlos geworden.

28.10.2016
  • BETTINA GABBE

Rom. Nur knapp zwei Monate nach dem verheerenden Erdbeben, das in Mittelitalien knapp 300 Menschenleben forderte, hat ein neues Erdbeben die Region Marken in Angst und Schrecken versetzt. Selbst Menschen in Rom, die den lauen Herbstabend rund zwei Autostunden weiter südlich beim Aperitif in Straßenbars genossen, wurden vom neuerlichen Beben aufgeschreckt. Normalerweise spüren sie die Beben aus dem nahe gelegenen Apennin nur in höheren Etagen.

Die Bewohner der Dörfer rund um das Epizentrum nördlich von Amatrice haben ihre Häuser nach dem ersten Beben am frühen Abend in Panik verlassen. Mancherorts fielen Strom, Telefon und sogar das Mobilfunknetz aus, so dass Betroffene zunächst nicht wussten, wie groß das Ausmaß des neuerlichen Bebens war.

Nach ersten Beben ins Freie

Als das zweite, kräftigere Beben der Stärke 5,9 kurz nach 21 Uhr Häuser und Kirchen zum Einsturz brachte, waren die Gebäude leer. Anders als im 30 Kilometer entfernten Amatrice vor zwei Monaten oder in L‘Aquila 2009 hat es die Bewohner nicht im Schlaf überrascht. Das erste etwas schwächere von drei starken Beben war ihre Rettung, denn es veranlasste sie, sofort die Häuser zu verlassen.

Obwohl niemand unter Trümmern umgekommen oder schwer verletzt worden ist, klingen erste Bilanzen verheerend. „Wir erleben ein Drama, das wir uns nicht hätten vorstellen können“, sagt Mauro Falcucci, der Bürgermeister von Castelsantangelo sul Nera am Epizentrum des Bebens. Die Bewohner waren im Rathaus versammelt, als die Erde unter ihren Füßen zu beben begann.

„Wir waren gerade dabei, Grundstücke für Fertighäuser für die Opfer des letzten Erdbebens zuzuteilen“, sagt Falcucci seufzend. „Jetzt müssen wir noch einmal ganz von vorn anfangen.“

Im benachbarten Bergdorf Ussita haben mindestens 250 Menschen ihre Bleibe verloren. „Es ist eine Katastrophe, unser Dorf ist am Ende“, sagt Bürgermeister Marco Rinaldi. 80 Prozent der Gebäude seien eingestürzt oder gefährdet. „Mit den neuen Beben stoßen die Menschen seelisch an ihre Grenzen.“

Hunderte Nachbeben haben in der Nacht und am Tag darauf auch die erschreckt, deren Häuser stehengeblieben waren. Sie verließen sie aus Angst und verbrachten die in der Bergregion bereits kalte Nacht bei strömendem Regen in ihren Autos oder in umgehend zur Verfügung gestellten Notunterkünften.

„Darunter sind sicher mehr Familien, deren Häuser nicht mehr bewohnbar sind, als solche, die allein aus Angst evakuiert wurden“, vermutet Cesare Spuri vom Katastrophenschutz pessimistisch. „Wir brauchen jetzt schnell alternative Unterbringungsmöglichkeiten, denn mit dem Winteranfang sind Zeltstädte hier keine Lösung.“

Bereits Ende August waren die Nächte für die Menschen, die nach dem Beben von Amatrice ihre Wohnungen verloren hatten, in den dortigen Zeltstädten kalt. In der Bergregion kommt der Winter früh. Selbst wer gestern Nacht einen Platz in der zur Notunterkunft umfunktionierten Mehrzweckhalle von Castelsantangelo sul Nera ergattert hatte, legte sich mit Mantel und Anorak in die eilig aufgestellten Feldbetten.

Möglicherweise werden die Evakuierten in den nächsten Tagen in Hotels an der Adriaküste untergebracht, die jetzt, außerhalb der Saison, ohnehin leer sind. Wenn im nächsten Sommer die Badeurlauber kommen, dürften sie bereits in Fertighäuser umgezogen sein.

Aber ob im nächsten Sommer die Touristen zurückkehren, die vor dem Trubel der Badeorte bislang in die romantisch abgelegene Bergregion geflohen waren? Das wird davon abhängen, wie viele Häuser mit Ferienwohnungen stehen geblieben sind.

Rom ist wegen der häufigen Erdbeben Erschütterungen gewohnt. Unter dem Apennin treffen die Erdplatten aufeinander, die seit jeher zu Beben führen.

Das Kolosseum verdankt seinen heutigen Anblick nicht nur der Nutzung als Steinbruch in den Jahrhunderten nach dem Untergang des römischen Reichs. Teile des römischen Amphiteaters sind auch infolge von Erdbeben eingestürzt. Vor gravierenden Erdbebenschäden schützt jedoch die relativ große Entfernung zu den Bergen.

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28.10.2016, 06:00 Uhr

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