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In 800 Tagen um die Welt - Reiseerinnerungen nach 40 Jahren

Joachim Funk und Walter Füger fuhren mit dem Rad um die Erde

Wie kommt man von Talheim nach Indien und weiter? Ohne Navi, ohne Handy, ohne Wetter-App? Vor 40 Jahren unternahmen der Mössinger Joachim Funk und sein Kumpan Walter Füger eine Weltreise auf Dreigang-Fahrrädern. Auf Einladung der Chorgemeinschaft ließen sie am Freitag Reiseerinnerungen aufleben.

19.07.2015
  • jürgen jonas

Joachim Funk und Walter Füger fuhren mit dem Rad um die Erde

Mössingen. In Talheim machten sie eine Pause. Von Lustnau losgefahren, tranken sie vor einem Lädchen eine Milch. Ein Mann gab Auskunft, als sie ihn fragten, wie viele Kilometer es auf der Steige nach oben gehe. „Wo wollt ihr denn eigentlich hin?“ Antwort: „Nach Indien.“ Der Talheimer machte ein Gesicht, als habe er zwei Verrückte vor sich. Doch weit gefehlt. Quer über die Alb fuhren Walter Füger und Joachim Funk tatsächlich nach Indien. Über Ulm. Mit vollbepackten Einkaufskörbchen. Nach Wien, Budapest, Jugoslawien, Griechenland. Und weiter. Immer weiter.

Den Fahrradladen, in dem Walle und Joe, wie die beiden Männer genannt wurden, ihre Gefährte erstanden, gibt es längst nicht mehr. Die Quittungen existieren noch, zwei Fahrräder mit Dreigang-Nabenschaltung, die jeweils 284 Mark kosteten, dazu zwei Vorderradträger. Vier Blitzventile à 37 Pfennig, zwei Schlafsäcke, Marke „Apollo“, à 50,90 Mark. Zwölf Kilogramm Gepäck insgesamt, mit Zelt und Ersatzreifen. Über viele Monate hinweg hatten sie sich, Füger gelernter Bankkaufmann, Funk Industriekaufmann, 10 000 Mark zusammengespart, dann bei ihren Arbeitgebern gekündigt, der Baden-Württembergischen Bank und der Tübinger Firma Ackel. Nun waren sie „arbeitslos und ohne festen Wohnsitz“.

Joachim Funk und Walter Füger fuhren mit dem Rad um die Erde

Am 14. Juli 1975 radelten sie in Tübingen los, am Nationalfeiertag der Franzosen, die Truppen waren noch stationiert. Sie hörten im Fahrtwind den stolzen Gesang „Allons enfants de la patrie“ und traten beseelt in die Pedale. Um sagenhafte 42 000 Kilometer zurückzulegen. In zweieinhalb Jahren. „Blauäugig, naiv, übermütig“ sei man seinerzeit wohl gewesen, meinen die zwei Herren. Am Freitag berichteten sie zum Aufbruchsjubiläum im Chorgemeinschaftsraum in der Langgass-Schule. Ihre Fotos können mit neuzeitlichen Hightech-Panorama-Erlebnis-Bild-Shows nicht mithalten, HD-Qualität bedeute hier, sagt Funk, „halbdunkel“. Ohne Handy, ohne Navi, ohne Wetter-App waren sie unterwegs, mit unzulänglichem Kartenmaterial.

Alle acht Wochen schickten sie einen Brief nach Hause. Auch ans TAGBLATT, das aus ihren Berichten eine Serie gestaltete. Der erste vom 8. November 1975 kam per Luftpost aus Damaskus. Überschrift: „Von den Türken überwältigt.“ Es war nur die Gastfreundschaft gemeint, die sie unterwegs auf den Schotterstrecken erlebten. „Lautes Rülpsen nach den Mahlzeiten erhöhte die Sympathiewerte“, sagt Funk, der seinen Rottenburger Partner dabei wie einen „brünftigen Hirsch in der Talaue“ beschreibt. Sie kurvten mit ihren Rädern am Berg Ararat herum, erlebten gewaltige Landschaften.

Joachim Funk und Walter Füger fuhren mit dem Rad um die Erde

Von Istanbul aus fuhren sie über die Bosporusbrücke. In der Osttürkei trafen sie viele streunende Hunde und fremdenfeindliche Leute. Zur Abwehr stieß Funk lautstark schwäbische Flüche und Beschimpfungen aus, das verschaffte Respekt. In Griechenland konnten sie am Wochenende ihre Reiseschecks nicht einlösen, auch hier war die Landbevölkerung gleich dabei, mit Nahrungsmitteln zu helfen, Oliven und Retsina herzuschenken.

Im Libanon gerieten sie in den beginnenden Bürgerkrieg, mitten in eine Schießerei, vor der sie ausgerechnet in einen Sargladen flüchteten. Sie besuchten die Omayaden-Moschee, kamen in Syrien durch die Städte Aleppo, Homs und Kobane, die heute beständig in den Nachrichten auftauchen. Im Iran besuchten sie heilige Städte der Schiiten, wie etwa Ghom, wo auch Ajatollah Khomeini begraben liegt.

Etliche Artikel sind in der langen Zeit in den verschiedensten Blättern über sie erschienen. In einem schweren Buch hat Funk wesentliche Dokumente und Fotos zusammengefasst. Sie führten Tagebuch, die Aufzeichnungen waren Grundlage für die TAGBLATT-Serie.

Belutschistan, Pakistan, schließlich der indische Subkontinent. Sie erlebten sehr unangenehme Sandstürme, religiöse Zeremonien, heilige Männer, unglaubliche Armut, Menschenaufläufe, die die zwei Wunderradler bestaunten. In Goa fanden sie ein Paradies, bauten sich eine Hütte am Strand, wo sie länger blieben und ausruhten. Drei Monate kurvten sie durch Indien, verließen es, satt vom Sehen und Erleben. Machten sich auf Richtung Nepal, „Auf das Dach der Welt und weiter“, wie die Reportage im TAGBLATT hieß.

In der Bergwelt trafen sie einen Führer, der einen Pullover von Rosi Mittermeier trug, die er kurz zuvor gerettet hatte, weil sie die Höhenluft nicht vertug. Und es lief ihnen Sir Edmund Hillary über den Weg, der legendäre Erstbesteiger des Mount Everest im Mai 1953, der sich für die deutschen Radfahrer interessierte. Füger: „Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‚Weiter so!‘“ Sogar den TAGBLATT-Lesern schrieb Hillary ein paar Sätze auf. Denkwürdige Begegnung.

Das Publikum hörte dankbar zu am Freitag – Funk und Füger haben viel zu erzählen: mit welchen Tricks sie die Behörden hintergingen, um ein Visum nach Australien zu bekommen. Wie sie sich als Gehilfen verdingten bei Vermessungen im Busch. Wie sie nach Indonesien, Java und Celebes kamen, zu Tempelfesten und Totenkulten. „Auf Neckermann-Reisen haben wir später nie Lust entwickelt.“

In Südkorea kam das Duo sogar in den Abendnachrichten, noch vor US-Präsident Jimmy Carter. Tokio wurde „eine radlerische Herausforderung“, bevor es nach Honolulu ging, um dann quer durch Amerika dreizugängeln. Mit allem Drum und Dran, vom Grand Canyon bis zu Dallas an der Stelle, wo Kennedy erschossen wurde. In Pennsylvania wurden sie Ehrenmitglied des dortigen Radfahrvereins. Im Oktober 1977 machten sie sich auf die Rückreise, landeten in Zürich, durchradelten den Schwarzwald, kamen über Pfrondorf nach Lustnau. Wohlbehalten, trotz jeder Menge Pannen, Krankheiten, Durchfall, Amöbenruhr, offener Wunden.

Großer Empfang in der Heimat. Radiosendung des SDR mit Claus Kleber. Im Tübinger Rathaus freute sich Oberbürgermeister Eugen Schmid über Besuch von den berühmten Pedalisten. Heute sind beide im Vorruhestand. Sie haben sich auf der Realschule kennengelernt, vor 52 Jahren, zusammen Fußball gespielt. Noch immer sind sie „beste Freunde.“ Funk: „Wir haben uns einen Jugendtraum erfüllt, das können nicht alle Leute von sich sagen.“

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19.07.2015, 12:00 Uhr

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