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Bühnenreife mit Cointreau

Joachim Meyerhoffs neue Lebensgeschichte "Ach, diese Lücke . . ."

Er ist Burgschauspieler und Bestsellerautor. In seinem neuen Roman schreibt Joachim Meyerhoff über die Großeltern und seine Zeit an der Schauspielschule: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke".

14.11.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Was hat Theodor Fontane mit einem Nilpferd zu tun? Eben. So geht's auch dem jungen Joachim Meyerhoff an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule. Die Anfängeraufgabe lautet: eine Stelle aus "Effi Briest" vortragen, aber als Tier mit Glupschaugen und Stummelbeinen. "Mein Gott, was für ein Scheiß, dachte ich. Wenn man etwas Unförmig-Nasses mit etwas Gespreizt-Staubtrockenem kreuzt, kann das nur ohne Rückfahrkarte in die Katastrophe führen."

So manches Debakel erlebt der Schauspielschüler. "Alles, was ich sagte, hörte sich falsch an, wie auswendig gelernt, und es kam mir so vor, als würde ich nicht nur auf der Bühne unecht klingen, auch im Leben schien alles nur noch toter Text zu sein." Heute freilich gehört Meyerhoff zu den Stars des deutschsprachigen Theaters, seit 2005 als Ensemblemitglied des Wiener "Burg"; demnächst hat er dort wieder Premiere, als Argan in Molières "Der eingebildete Kranke" (Regie führt Herbert Fritsch).

Aber mehr noch: Der 1967 geborene Meyerhoff ist auch ein ausgezeichneter Schriftsteller geworden, und er hat jetzt ein wunderbares, so humorvolles wie aufschlussreiches Buch übers Schauspielerwerden geschrieben - und eines über die Liebe eines Enkels zu seinen Großeltern. "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ist der dritte Teil von Meyerhoffs Lebensroman "Alle Toten fliegen hoch", den er auch in einem Theater-Solo erzählt.

Sein Held ist zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Psychiatrie aufgewachsen und beantwortet die Frage, was normal ist, ganz anders. Und ein Austauschjahr in Amerka liegt hinter ihm, ebenso wie der Unfalltod seines Bruders - man weiß das aus den Romanen "Alle Toten fliegen hoch. Amerika" und "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war".

Nun ist der Erzähler 20 Jahre alt und bald Zivildienstleistender in einem Krankenhaus in München, als ihn unerwartet die Schauspielschule der Kammerspiele aufnimmt. Er wohnt bei seinen großbürgerlichen wie skurrilen Großeltern in einer Villa am Nymphenburger Schloss. Die Großmutter war eine berühmte Schauspielerin und gibt noch immer die Diva ("Herrschaftszeiten!"), der Großvater tritt als ehrwürdiger Philosophie-Professor im Ruhestand auf. Unterschiedlicher könnten die Welten nicht sein: Zu Hause galoppiert der liebenswürdige Irrsinn, wenn die uralten Großeltern mit strengen Ritualen und in fünf Etappen den Tag bewältigen: von Champagner zum Frühstück über Weißwein zum Mittagessen, 18-Uhr-Whiskey und Rotwein-Abendbrot bis zum finalen Cointreau. Aber in der Schauspielschule zerfällt dem mit sich und seiner Umgebung überforderten jungen Meyerhoff das Ich.

Moment mal, wer ist jetzt wer? "Roman" heißt das alles, was Meyerhoff, dieser großartige Beobachter und Fabulierer, aufgeschrieben hat. Aber es ist sein Leben - pointiert. Von 1989 bis 1992 war Meyerhoff an der Falckenberg-Schule, als der Regisseur und Intendant Dieter Dorn die Kammerspiele regierte. Die fortgeschrittenen Schauspielschüler kamen im Sechs-Stunden-"Faust" zum Einsatz - in der Walpurgisnacht-Szene mit umgeschnallten Gummigenitalien, was Großmutters "Lieberling" ziemlich peinigte: "So hab ich gleich in meiner ersten Aufführung das getan, was eine meiner ganz großen Stärken werden sollte: mich auf offener Bühne zu verstecken." Auch besagte Großmutter ist echt: Inge Birkmann. Mit ihr drehte Meyerhoff noch als Schauspielschüler seinen ersten Film - der Enkel war derart verschüchtert, dass man seine Stimme synchronisierte. Auch ein Albtraum.

Womit wir beim Titel des Romans wären - Meyerhoff entlehnte ihn Goethes "Werther": "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle!" Im "Werther", befand der Schauspielanfänger in Kassel, "stand alles, was mich umtrieb. Immer war da von dieser Lücke die Rede, dieser Sehnsucht nach Welt, nach echten Gefühlen." Dieser Werther sah sich selbst, wie er, beim Leben zu. Endlich hatte er eine Figur gefunden, "die ihr eigenes Lachen hört und lächerlich findet, eine Figur, die nichts lieber täte, als loszuheulen, es aber nicht kann, eine Figur, die ihre eigene Stimme hasst." Werther spielen ist halt wahrhaftiger als ein Fontane rezierendes Nilpferd.

Joachim Meyerhoffs neue Lebensgeschichte "Ach, diese Lücke . . ."
Zum Star gereift: Joachim Meyerhoff als Arnolphe in Molières "Die Schule der Frauen" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (mit Karoline Bär). Foto: Thomas Aurin

Joachim Meyerhoffs neue Lebensgeschichte "Ach, diese Lücke . . ."
Akteur und Autor: Joachim Meyerhoff. Foto: Jim Rakete

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14.11.2015, 12:00 Uhr

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