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Job-Killer Elektroantrieb
ZF-Chef Stefan Sommer: Nicht die Verbraucher läuten das Ende des Verbrennungsmotors ein, sondern Verwaltungen und Regierungen. Für den Antriebebauer eine große Herausforderung, aber keine Bedrohung. Foto: Bildquelle
ZF

Job-Killer Elektroantrieb

Vorstandschef Stefan Sommer rechnet mit dem Wegfall von bis zu 100 000 Stellen allein in der Getriebeproduktion. Der Zulieferer bereitet sich auf den Technologiewechsel vor.

08.12.2016
  • THOMAS VEITINGER

Friedrichshafen. Dichter und Musiker rühmen Paris seit Jahrhunderten als die schöne Stadt an der Seine. Derzeit dürften die Poeten aber verstummen: Die Seine ist kaum zu sehen. In der französischen Hauptstadt herrscht massiver Smog. Jedes zweite Auto muss stehenbleiben, hat die Verwaltung verfügt. Für Stefan Sommer ein Beispiel für kommende Zeiten. „Bald werden die ersten Innenstädte emissionsfrei werden“, prophezeit der Chef des Autozulieferers ZF (Friedrichshafen). Möglicherweise in Tokio zu Olympia 2020, in einer skandinavischen Stadt mit hoher Elektroautodichte – oder eben in Paris.

An der Seine gibt es Pläne, im nächsten Jahrzehnt keine Diesel mehr in die Innenstadt zu lassen. „Kein Franzose kauft aber ein Auto, mit dem er nicht nach Paris fahren kann“, glaubt Sommer. „Das könnte das Ende des Diesels beschleunigen.“ Nicht die Verbraucher läuten das Ende des Verbrennungsmotors ein, sondern Verwaltungen und Regierungen. Doch wann das geschieht, ist unklar. „Europa ist für uns die größte Unsicherheit im Bereich der Emissionsgesetzgebung“, sagt der Chef des drittgrößten deutschen Autozulieferers. Manche Länder und Hersteller sind progressiv, andere konservativ. China mit der relativ klaren Regierungsposition hin zu Elektromobilität und Fünfjahresplänen lasse sich „viel besser einschätzen“. Selbst aus den USA kommen positive Signale: „Unter Trump ist anzunehmen, dass die USA zunächst aus Automobilsicht ein relativ konservativer Markt bleiben.“

Extreme Auswirkungen

Für die Auto-Branche hätte ein plötzlicher Schwenk zu Elektroautos extreme Auswirkungen. Allein an der dann weitgehend überflüssigen Getriebe-Produktion hängen zusammen mit zuliefernden Firmen im In- und Ausland rund 100 000 Arbeitsplätze – nur bei ZF. Zuletzt hatte das Unternehmen vom Bodensee 135 000 Mitarbeiter. Viele Berufe sterben aus. Schon jetzt übertragen Autobauer für sie unwirtschaftliche Komponenten wie Handschaltung auf ZF. Die Zahl der Arbeitsplätze wird durch die Elektrifizierung mit ihrer geringeren Zahl von Teilen schrumpfen. „Das ist eine große Herausforderung“, resümiert Sommer, „aber keine Bedrohung.“

Die gute Nachricht: Weltweit dürfte der Umstieg noch dauern. In den kommenden 10 bis 15 Jahren könnten Verbrennungsmotoren durch eine höhere Effizienz sogar sehr gefragt sein und die Beschäftigung steigen lassen. Anschließend will ZF die Zahl der Mitarbeiter verkleinern, wenn möglich über nicht wieder besetzte Stellen. Weil die Zahl der Geburten lange Zeit gefallen ist, sind aber auch weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt. An die Schließung von Werken wird derzeit nicht gedacht.

ZF bereitet sich schon länger auf den Technologiewechsel vor. Bereits heute werden Elektromotoren für Plug-In-Hybride geliefert. „Wir fertigen reine batterieelektrische Antriebe in Serie“, sagt Sommer. Weil Qualität über die alles entscheidende Reichweite der E-Autos entscheide, baue das Unternehmen einen Elektromotor. Dessen Pläne sollen an die Autohersteller geliefert werden, die die Antriebe überall auf der Welt nachbauen können. Für ZF sind auch Nutzfahrzeuge und Busse ein Thema. Sommer: „Jetzt kommen Elektro-Busse. In China fahren schon viele davon.“ Die Batterieleistung reicht für eine Schicht. Zwar ist der Antrieb nicht wirtschaftlich, dennoch werden mehr und mehr E-Busse durch die Metropolen rollen. In Deutschland soll es 2017 soweit sein.

Auch beim autonomen Fahren sieht sich ZF gerüstet, es dauere aber noch „Dekaden, bis vollautonome Fahrzeuge rollen“. „Ich glaube nicht, dass künftig nur unkonventionelle Fahrzeuge gekauft werden. Wer nicht selbst fährt, stört sich mehr an Schläge durch Gullydeckel. Der Anspruch wird eher höher“, sagt der Vorstandsvorsitzende.

Auch Mobilitätslösungen wie Car-Sharing verändert die Beziehung zum Auto nicht. „Das wäre auch schlimm, denn mit Ledersitzen und Metallic-Lackierung verdienen die Hersteller gutes Geld.“

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08.12.2016, 06:00 Uhr

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