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Die Dialektik des alten Antonio

Jörg Conrad und Harald Fischer lasen bei der Gutenachtgeschichte in Nehren

Zwei im Vorlesen versierte Theologen machten die TAGBLATT-Gutenachtgeschichtein Nehren zum Hörerlebnis. Barbara Schott (Geige) und Erhard Petzold (Akkordeon) sorgten für musikalische Zwischenhochs, Jürgen Jonas dafür, dass der Abend lang, aber niemals langweilig wurde.

05.09.2014
  • Susanne Mutschler

Nehren. Als die Stadt Los Angeles am 4. September 1781 von 49 Siedlern gegründet wurde, „da war Nehren schon 681 Jahre urkundlich erwähnt“, hatte Jürgen Jonas, TAGBLATT-Mitarbeiter, Autor und Künstler als passendes Parallelereignis zum Lesedatum herausgefunden. Das Nehrener Publikum erfuhr außerdem, dass die Erfindung der Currywurst am Donnerstag exakt 65 Jahre zurückliegt und dass Albert Schweitzer und George Simenon an einem 4. September gestorben sind.

Auf dem „Bürgerthron“, wie Jonas den altmodischen Ohrensessel rühmte, nahm der Nehrener Pfarrer Jörg Conrad Platz. Er las aus den „Geschichten vom Alten Antonio“, verfasst vom geheimnisumwitterten zapatistischen Rebellenführer „Subcomandante Marcos“. Conrad, der 1997 ein prägendes Jahr lang in Costa Rica und El Salvador studiert hat, stellte die Geschichten als Lehrstücke der Guerillabewegung vor. „Eng verquickt mit den Mythen der alten Maya-Kultur“, sagte der 41-Jährige.

Der blinde Maulwurf schlägt den Löwen

Wenn man sich verirrt, „hilft es, nach hinten zu schauen“, bringt Antonio seinem vorpreschenden Begleiter bei. Den richtigen Weg könne man nicht mit Kompass und Landkarte finden, „man muss ihn machen“, übersetzt er für ihn die Taktik des politischen Widerstands in eine Parabel. „Nur durch Gehen kommst du an“, sagten die alten Götter. Antonio, der die Dialektik ebenso beherrscht wie den Kampf, vergleicht den Weg der Zapatisten mit dem einer Maya-Doppelgottheit, die erst in Bewegung kommt, nachdem sie ihre inneren Gegensätzlichkeit überwunden hat, und er preist den blinden Maulwurf, der sich selbst ins Herz schaut und sich deshalb nicht dem todbringenden Blick des überlegenen Löwen ergibt. „Er schlägt zurück und haut kleine Wunden“, lautet die Botschaft des Alten Antonio.

Als Pfarrer ist Harald Fischer im Ruhestand, aber als Landesmeister im Spätzle-Schaben und Autor von Mundartgedichten und -geschichten mehr als aktiv. Neben einigen Gedichten der Rottenburgers Josef Eberle, alias Sebastian Blau, trug Fischer auch selbst verfasste, zum Teil noch unveröffentlichte schwäbische Lebensweisheiten vor. Dass es „Schwabenkrimis“ auf Hochdeutsch gibt, fand der 70-jährige Theologe „eine Schand‘“ und schrieb daraufhin sein eigenes Kriminal-Debüt „Kurze Ruh“ in reinstem Dialekt. Eine kurze Einlesephase genüge, um den Roman flüssig zu lesen, versicherte er seinen Zuhörern. Als bühnenreifer Vorleser bewies er, dass er sich auch mit anderen Akzenten und selbst im Hochdeutschen perfekt auskannte. Die Hauptperson seiner Geschichte – wie könnte es anders sein – ist der Gemeindepfarrer Grischdian (Christian) Bernauer. Weil der Senior, den er eben beerdigt hat, wahrscheinlich ein Mordopfer ist, ermittelt der schwäbische Pater Brown im Wirtshaus „Löwen“ und im Altersheim. Zunächst fällt der Verdacht auf einen angeblichen Pater Egidius, der hörbar aus Osteuropa stammt. Ob sich das bewahrheitet, war nur durch einen Kauf am Büchertisch zu klären.

Jörg Conrad und Harald Fischer lasen bei der Gutenachtgeschichte in Nehren
Der Nehrener Pfarrer Jörg Conrad war am Donnerstagabend Hausherr und Vorleser zugleich: Er las im bis auf den letzten Platz gefüllten evangelischen Gemeindehaus-Saal aus Subcomandante Marcos „Geschichten vom Alten Antonio“. Über 100 Gäste hörten zu.Bild: Rippmann

Nehren war die letzte Station der Gutenachtgeschichte im Steinlachtal – veranstaltet wie immer von TAGBLATT und Osiander, hier gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde und dem Kulturforum. Eine letzte Veranstaltung gibt es in diesem Jahr noch, und zwar am kommenden Dienstag, 9. September, vor dem Bürgerhaus Weiler (bei Regen drinnen). Dessen Förderverein übernimmt die Bewirtung und ist auch Mitveranstalter. Beginn ist um 19 Uhr. Warme Kleidung nicht vergessen.

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05.09.2014, 12:00 Uhr

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