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Es erklingt eine seltene Sopranposaune

Johanneskantorei musiziert an Allerheiligen Purcell, Bach und Biber

Als sich Kantor Wilfried Rombach für Henry Purcells „Funeral Music“ entschied, ahnte er nicht, dass ihm eine wochenlange Recherche bevorstehen würde. Denn die Trompeten-Partie erwies sich als unspielbar. Und plötzlich war er auf der Suche nach einem verschollenen Instrument.

31.10.2012
  • Achim Stricker

Tübingen. Man muss es der Johanneskantorei und ihrem Leiter Wilfried Rombach hoch anrechnen, dass sie sich mit Mut auch zum finanziellen Risiko immer wieder für wenig bekanntes Repertoire einsetzen, statt sich an die gern frequentierten Publikumsmagneten zu halten. Außerdem hat das Programm des diesjährigen Allerheiligen-Konzerts wahrhaft ökumenischen Geist: Henry Purcell war im Dienst der anglikanischen Kirche, Heinrich Ignaz Franz Biber Kapellmeister am Salzburger Dom. Und Bach ist gewissermaßen der protestantische Kirchenkomponist schlechthin – hier vertreten mit der Psalm-Kantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“ BWV 131.

Purcells „Funeral Music“ für die englische Königin Mary ist außergewöhnlich expressive, geradezu avantgardistische Musik. Die drei Anthems auf Sentenzen aus der Begräbnisliturgie erinnern in der Konzeption entfernt an die Schütz- „Exequien“. Genialische Musik mit viel Chromatik, betörenden harmonischen Rückungen und abenteuerlich gegeneinander verschobenen Auflösungen.

Die „Funeral Music“ beginnt mit einem Trauermarsch für Trompeten und Trommel; auch in den Chorsätzen laufen die Trompeten teils mit. Als nun Rombach die Noten aber an einen Stuttgarter Trompeter zuschickte, kam die überraschende Reaktion: Auf üblichen Barocktrompeten ist diese mit Vorzeichen gespickte Musik gar nicht spielbar. Der Stuttgarter schlug vor, stattdessen Zinken zu nehmen. Die wendigen Blasinstrumente aus Holz oder Elfenbein wurden im Barock gern für intonatorisch heikle Partien eingesetzt. Als sich Rombach aber daraufhin an eine Zinkenistin wandte, stellte sich heraus, dass die Partien für Zinken viel zu hoch liegen und um einiges nach unten transponiert werden müssten. Viel zu tief wiederum für Chor und Orgel.

Im Lauf seiner Recherchen zu diesem musikhistorischen Rätsel stieß Rombach dann auf die entscheidende Spur. Zu Purcells Zeiten wurde in England ein besonderes Instrument verwendet: die „flatt trumpet“. Bei dieser Sonderform der Zugtrompete handelt es sich um eine Art Sopranposaune. Entsprechend wird das schwer zu spielende Instrument heute nur noch von einigen wenigen, spezialisierten Posaunisten beherrscht. Durch Ausziehen und Verkürzen des Zugs sowie durch eingesteckte Mundstück-Hülsen und zusätzliche Aufsteckbogen können Stimmung und Tonvorrat stark variiert werden – ein richtiges Baukasteninstrument. Rombachs Suche endete schließlich bei dem Basler Zugtrompeter Nathaniel Wood, der auch selbst flatt trumpets baut. Nachdem das missing link der musikalischen Evolution wiedergefunden war, stimmte Rombach zuletzt die neue Truhenorgel der Johannesgemeinde auf 466 Hertz hoch, damit sie mit den Zugtrompeten harmoniert. Folglich müssen die rund 40 Mitglieder der Johanneskantorei die Chorsätze nun einen Ganzton höher singen als bisher einstudiert. Bei der Probe am Mittwoch im katholischen Gemeindehaus in der Bachgasse gewöhnen sie sich an die neue Höhenlage.

Das Allerheiligen-Programm endet mit Bibers ebenfalls selten aufgeführtem Requiem. Nach den Dur-Requien der Renaissance-Zeit ist es eins der ersten in Moll. Zudem war f-moll seinerzeit eine sparsam verwendete Extrem-Tonart, die der Darstellung seelischer Ausnahmezustände vorbehalten war. Auf der mitteltönig gestimmten Truhenorgel lässt sich nachvollziehen, wie groß auf Barockinstrumenten die Unterschiede zwischen den einzelnen Tonarten waren. Jeder Harmoniewechsel wird zum unvorhersagbaren Ereignis, auf jede neue Tonart reagiert das Instrument wieder anders.

Biber,war der wohl virtuoseste Violinist des Barock, berühmt sind seine „Rosenkranz-Sonaten“. Dafür sind die konzertierenden Violin-Passagen des an der Versailler Hofmusik orientierten Requiems stark zurückgenommen. Erstaunlich oft wiegt sich diese Totenmesse in einem ruhig schwingenden 3/2-Takt: eigentümlich pendelnde, in sich kreisende Figuren.

Statt des seinerzeit üblichen Bestattungspomps dominiert ein tröstlich-elegischer, eleganter Ton. Beim „quantus tremor“ des „Dies irae“ kann man in den zarten Tonwiederholungen das Zittern und Zähneklappern am Jüngsten Tag erahnen, aber eben fein stilisiert. Ein Balanceakt zwischen den Welten, der sich auch in der Gesangsweise niederschlägt. Entsprechend korrigiert Rombach immer wieder die Artikulation: nicht zu weit vorn auf den Lippen, aber auch nicht zu weit in den Körper hineingenommen.

Info Das traditionelle Allerheiligen-Konzert der Johanneskantorei ist morgen um 20 Uhr in St. Johannes. Unter Rombachs Leitung musiziert das Barockorchester St. Johannes auf historischen Instrumenten. Flatt trumpets: Giuseppe Frau und Nathaniel Wood. Vokalsolisten: Kerstin Steube (Sopran), Barbara Stein (Sopran), Wiebke Wighardt (Alt), Johannes Kaleschke (Tenor), Bernhard Hartmann (Bass).

Johanneskantorei musiziert an Allerheiligen Purcell, Bach und Biber
Die Johanneskantorei probt unter der Leitung von Wilfried Rombach im Katholischen Gemeindezentrum. Bild: Sommer

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31.10.2012, 12:00 Uhr

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