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Gestifteter Tsinterätätä

Josef Eberle spendierte der Stadtkapelle den Schellenbaum

Der große Schellenbaum der Stadtkapelle wird 50. Gestiftet hat ihn Josef Eberle, alias Sebastian Blau. Im Gegenzug wollte Rottenburgs Ehrenbürger seinerzeit den alten Schellenbaum der Bürgerwache für sein Privatarchiv. Den bekam er jedoch nicht.

06.10.2010
  • WALTHER PUZA

Rottenburg. Am Vorabend des Fronleichnamtags tritt die Bürgerwache Jahr für Jahr zum Zapfenstreich auf dem Marktplatz an. Tilmann Hilbert trägt den mit drei Auslegern voll Glocken sowie roten und weißen Pferdeschwänzen versehenen Schellenbaum der Stadtkapelle dem Musikzug der Bürgerwache voran. Auf einem Schildchen ist zu lesen: „Stadtkapelle Rottenburg – gestiftet von Dr. Josef Eberle – 1960.“ Im selben Zug läuft Karl Stemmler mit einem kleineren und älteren Schellenbaum.

Während Hilbert seinen Schellenbaum ruhig trägt, dreht sich der von Stemmler wild im Kreis. Die silbernen Glöckchen schlagen hell. 1813 hat ihn Ferdinand Entreß angefertigt, Goldschmied und Oberfeldwebel der Bürgerwache. Entreß war ein Vorfahre Josef Eberles. So zumindest ist es in seinem Gedicht „Dr Tsinterätätä“ (siehe unten) nachzulesen. „Mei‘ Ähne selig hot dia Pracht / en sei’re‘ Gürtlerswerkstatt gmacht“, heißt es da.

Ein bisschen seltsam kommt dieses Instrument mit seinen „geschlagenen“ Glöckchen schon daher, und wer es sich genauer anschaut, wird um so mehr stutzen. Denn an der Spitze des Schellenbaums von 1813 hängen die beiden Rossschweife an den Sichel-Enden eines Halbmonds. Halbmonde, wenngleich dezenter, sind auch an dem von Eberle gestifteten zu sehen. Tatsächlich wird hier bewusst der arabische Halbmond gezeigt. Schließlich kam der Schellenbaum als Bestandteil der „türkischen Musik“ nach Deutschland.

Während im Mittelalter Trommeln, Pfeifen und Hörner die Soldaten begleiteten, kamen mit den Türken neue Instrumente nach Europa. Im Gepäck befand sich auch der Schellenbaum, dessen Aufbau übrigens militärischen Ursprungs ist. Er ähnelt dem einer römischen Standarte. Deswegen wird er noch heute wie ein Feldzeichen dem Musikzug vorangetragen. Hilbert: „Je mehr Pferdeschwänze er hatte, desto höher war der Rang des Feldherrn.“

Gut 30 Kilogramm wiegt das Ungetüm, das zudem nur eine knappe Grifffläche für die Hände des Trägers frei lässt. Leicht kriege der Schellenbaum deshalb Übergewicht, erklärt Hilbert. „In Rom bei der Benedikts-Parade war es sehr windig; da musste ich mich richtig reinhängen.“

Vielleicht hat deswegen dasselbe Schicksal, das laut Sebastian Blaus Gedicht den alten Schellenbaum getroffen hat, auch schon den neuen ereilt: Er verstaubte auf der Bühne. Erst 1995 sei der damals ja noch gar nicht so alte Schellenbaum restauriert worden und werde seitdem regelmäßig aus seiner überseekoffergroßen Kiste geholt, erzählt Hilbert. Seither werden alle Einsätze auf der Kiste notiert. Meistens steht da Fronleichnam und Zapfenstreich, dazu kommen Landesmusikfeste, Umzüge oder, wie im Frühjahr, eine Parade zu Ehren des Papstes.

Für den Schellenbaum ist übrigens dessen Träger verantwortlich. Hilbert: „Den musst du hegen und pflegen.“ So darf man ihn nicht mit bloßen Fingern, sondern nur mit Handschuhen anfassen, damit durch den Schweiß das Silber nicht angegriffen wird. Zudem gilt: Wer ihn trägt, der putzt!“ Trotzdem hält der 31-Jährige die Tradition schon seit mehreren Jahren aufrecht: „Ich finde es eine besondere Ehre. Ich mach’s gern.“

Josef Eberle würde sich sicher freuen, wenn er heute als Ehrenbürger beim Zapfenstreich in der ersten Reihe stehen würde. Gleich zwei der außergewöhnlichen Instrumente hätte er heute in seinem Sichtfeld. Dabei geht das Gerücht in der Stadt um, Eberle habe den neuen Schellenbaum nur gestiftet, um den kleineren, älteren zu bekommen. Sicher sei, erzählt Hilbert, dass Rottenburgs Ehrenbürger sowohl der Bürgerwache als auch der Stadtkapelle immer sehr verbunden war. Wegen der verwandtschaftlichen Verhältnisse zum Hersteller mag er wohl ein spezielles Auge auf den alten Schellenbaum geworfen haben. Stemmler: „Er wollte ihn in sein Privatarchiv übernehmen.“

Wohl deshalb stiftete er der Stadtkapelle einen neuen Schellenbaum, ohne dafür freilich den alten zu bekommen. Dafür hat Stemmler eine ganz einfache Erklärung: „Der alte gehört der Bürgerwache, der neue der Stadtkapelle. Das hat sich dann erledigt.“

Auch ein Gedicht hat Josef Eberle alias Sebastian Blau über den Schellenbaum geschrieben

Dr Tsinterätätä Was mi aus mei’re‘ Kenderzeit noh heutzutag am meiste‘ freut, ist, wia-n-es wend ond wia-nes dreh -

iatz was? dr Tsinterätätä.

Mei‘ Ähne selig hot dia Pracht en sei’re‘ Gürtlerswerkstatt gmacht: drui ronde Dächlen übrenand aus Messing ond a‘ jedem Rand e‘ Dutzend Glöcklen, graoss ond klei‘, ond drüber ist e‘ Halbmond gsei‘ mit Rosshoorschwänz zom Lob ond Preis

dr alte‘ Stadt en raot ond weiss.

So hot r Freud gmacht tausedfach,

dr Schelleboom vo’r Bürgerwach.

Em Tsinterätätä sei‘ Gschell ist d Hauptsach gsei vo’r Stadtkapell, ond hot ma‘-n hopse‘ lao‘ ond dreht,

noh hend dia Rossschwänz nao so gweht.

Koa‘ Kirchefest, koa‘ Feiertag hot aohne ehn de‘ reachte‘ Schlag: am König ond am Bischof seim Geburtstag, bei de Omzüg, beim Fronleichnamstag ond Kenderfest

konnt zeeste‘-n-er ond noh dr Rest.

E‘ guats Johrhondert hot r so

sein Denst tao‘ aohne bsondre‘ Loh‘.

Zmol sait ma‘ bei dr Bürgerwach, iatz sei r aber altersschwach, r pass au et en ao’ser Welt - ond hot en en de‘ Wenkel gstellt,

ond selt verstaubt r uf dr Behne ...

Iatz i tät woass-et-was drom gea‘, kö’t i nohmol wia früher seah‘

de‘-n-alte Schelleboom vom Ähne.

Aus: Sebastian Blau – Die Gedichte, herausgegeben von Eckart Frahm und Rolf Schorp, Klöpfer und Meyer, Tübingen 2010,

Frahm und Schorp entdeckten dieses Gedicht in einem Konvolut aus dem Nachlass Josef Eberles im Literaturarchiv Marbach. Es wurde nie zuvor veröffentlicht. Wann „Dr Tsinterätätä“ entstand, lässt sich nicht mehr feststellen.

Josef Eberle spendierte der Stadtkapelle den Schellenbaum
Tilmann Hilbert trägt der Stadtkapelle ihren 50-jährigen Schellenbaum voran. Bild: Mozer

Josef Eberle spendierte der Stadtkapelle den Schellenbaum
Überseekoffergroße Kiste: die Einzelteile des von Eberle gestifteten Schellenbaums in ihrem samtenen Transportbehältnis. Bild: Mozer

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06.10.2010, 12:00 Uhr

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