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Journalist Lucius Teidelbaum sortierte rechte Hetze in Dettenhausen in die Szene Baden-Württembergs
Beim Vortrag zum Rechtsextremismus im Land und rechten Umtrieben im Ort war das evangelische Gemeindehaus in Dettenhausen übervoll. Bild: Sommer
Reagieren, auch wenn es wenige sind

Journalist Lucius Teidelbaum sortierte rechte Hetze in Dettenhausen in die Szene Baden-Württembergs

Hassparolen gegen Flüchtlinge, Plakataktionen, kleine Flugblätter mit rechten Parolen, Hakenkreuz-Aufkleber: Mit all dem macht eine „Bürgerinitiative Dettenhausen“ auf sich aufmerksam. Die Umtriebe nahmen die beiden großen christlichen Kirchen zum Anlass, einen Infoabend zu organisieren. Mit Lucius Teidelbaum, einem unter Pseudonym arbeitenden Tübinger freien Journalisten, luden sie einen ausgewiesenen Kenner der rechten Szene ein.

18.11.2016
  • Mario Beisswenger

Weit über 200 Interessierte kamen am Mittwochabend ins evangelische Gemeindehaus. Viele, auch mehrere Gemeinderäte, mussten draußen bleiben, weil der Saal überfüllt war. Da es nach weiterer Hetze der BI so aussah, als ob es zu Störungen kommen könnte, war das DRK vorsorglich mit einem Rettungswagen zur Stelle. Eine Polizeistreife schaute vorbei.

Zu Vorfällen kam es nicht. Die Aktionen vor Ort „heißen auch nicht, dass Dettenhausen eine Nazi-Hochburg ist“, stellte Teidelbaum fest. Für ihn ist es ein Beispiel für eine bundesweite Entwicklung. Er blätterte mit hiesigen Beispielen das Spektrum der rechten Szene auf, von Neonazis bis zu Antisemiten in der Landes-AfD.

Wer rechtsextrem ist, sammelt in sich Menschenfeindlichkeit, die sich auf mehrere Gruppen bezieht. Juden, Muslime, Obdachlose, Schwule nannte der Journalist als Beispiel. Dazu kommt die Selbstinszenierung als Opfer und die völkische Vorstellung, dass deutsch nur sein könne, wer deutsches Blut habe. Solche Rechtsextremisten gibt es für Teidelbaum etwa mit Wolfgang Gedeon auch in der Stuttgarter Landtagsfraktion der AfD. Die rund 500 bei den Jungen Nationaldemokraten organisierten Neo-Nazis beschrieb er, oder die Konkurrenz des „III. Wegs“. Freie Kameradschaften zählte er auf, verwies auf die etwa zehn Köpfe starke Tübinger Ortsgruppe der „Identitären Bewegung“ oder einen selbsternannten Reichspräsidenten in Bebenhausen. Zur rechten Szene im Kreis rechnete er neben einzelnen „subkulturellen Nazis“ einen NPD-Stammtisch, eine Handvoll Online-Gruppen, manche Burschenschafter. Wichtige überregionale Ideologie-Lieferanten seien der Rottenburger Kopp Verlag und der Tübinger Grabert/Hohenrain Verlag.

Bei der Fragerunde meldete sich auch SPD-Bundestagsabgeordneter Martin Rosemann. Ob sich das nachvollziehen ließe, wie verbale Gewalt im Netz zu realer Gewalt werde? Teidelbaum erinnerte an das verbotene Netzwerk der Oldschool-Society, die sich im Netz bis zu Anschlagsplänen auf Flüchtlingsheimen radikalisierte.

Ein Besucher behauptete, dass die Antifa-Bewegung gegenüber Rechtsextremen „keinen Deut besser ist, wenn nicht sogar schlimmer“. Teidelbaum entgegnete, er wisse allein von 183 Morden mit rechtsextremem Hintergrund seit den 1990ern. Eine vergleichbare Zahl von den Linken sei ihm nicht bekannt.

Was tun gegen die rechte Ecke?

Bei den Fragen nach dem Vortrag von Lucius Teidelbaum ging es viel darum, was gegen rechte Umtriebe zu tun wäre, ja „wie die rechte Ecke in einem selber“ (Pfarrer Martin Kreuser) oder rechte Meinungsmache im Freundeskreis angegangen werden kann.

Mit „das tut erst mal niemand weh“, dürfe man Plakataktionen oder Straßenschmierereien nicht abtun, riet Teidelbaum. Schnell wegräumen sei naheliegend, besonders geschickt, die Sache durch den Kakao zu ziehen. „Eine Hassparole in was Nettes ändern, ärgert die wohl am meisten.“ Es helfe, sich klar zu machen, dass in Dettenhausen wohl nur eine Einzelperson oder wenige hinter den Aktionen stehen, sagte Teidelbaum. Der Unterstützerkreis für Flüchtlinge will in Zukunft selber alle Vorfälle protokollieren und sich der Mühe unterziehen, die auch anzuzeigen. Teidelbaum hält immer noch ruhig vorgetragene Fakten gegen stereotype Aussagen für am besten. Der harte Kern von Rechtsextremen sei so nicht erreichbar, „aber vielleicht die weiche Schale“. Gut funktioniere auch die emotionale Ebene. Statt Vorurteile über Flüchtlinge durchgehen zu lassen, die Leute mitnehmen, damit sie welche kennen lernen.

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18.11.2016, 01:00 Uhr

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