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Die Mikwe wird vermessen

Jüdische Architektur wird zum Forschungsprojekt

Die Mühringer Mikwe, ein jüdisches Ritual-Bad, im Haus Haigis/Wurster ist in den Fokus der Wissenschaft geraten.

31.08.2012
  • Philipp Eichert

Mühringen. Drei Studenten der Technischen Universität Braunschweig kamen vorige Woche für zwei Tage in den Horber Stadtteil Mühringen (1000 Einwohner, gleich hinter Felldorf gelegen). Sie wollten die Mikwe im Hause Haigis/Wurster vermessen – unter Anleitung von Ingenieurin Dr. Katrin Keßler und Diplom-Ingenieur Mirko Prsystawik.

Auslöser für den Besuch war ein gemeinsames Forschungsprojekt der Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa der Technischen Universität Braunschweig und der Uni Haifa. Das Projekt beinhaltet die Katalogisierung sowohl zerstörter als auch erhaltener Mikwen aus der Zeit vor 1945. Das Projekt läuft drei Jahre, am Ende soll eine Publikation stehen mit einer Übersicht über die bisher bekannten Mikwen.

Bereits vor Wochen wurden zusammen mit dem Partner aus Haifa, Prof. Ronny Reich, verschiedene Mikwen angesehen und dokumentiert. Es wurden 28 Ritual-Bäder besichtigt und vermessen. Gleichzeitig wurden Pläne gezeichnet und der ursprüngliche Zustand so weit wie möglich rekonstruiert.

Das Besondere an dem Mühringer Objekt sei, dass es hier dauernd sprudelndes glasklares Wasser gebe, erklärte Keßler. Allerdings sei hier auch besonders viel zu rekonstruieren gewesen, da die Mikwe erkennbar irgendwann umgebaut worden sei – die Becken seien einst nicht so groß gewesen.

Dass die Mühringer Mikwe (gleichbedeutend mit Sammlung der Wasser) nicht mehr als Original zu sehen ist, ist in Mühringen bekannt, da sie durch Bohrungen eines Mineralwasserunternehmens zerstört wurde. Mühringens Diakon Ewald Wurster hat mit der Restaurierung vor zehn Jahren begonnen und in vier Jahren entsprechend einer noch komplett erhaltenen Mikwe im bayerischen Ichenhausen auf eigene Kosten ein Abbild im Kellergewölbe des Hauses Haigis/Wurster geschaffen.

Original ist das teilweise vorhandene Heizsystem und die stetig sprudelnde Quelle der Mikwe im einstigen jüdischen Schulhaus und Rabbinat – 1845 beantragte die jüdische Gemeinde Mühringen, eine Schule in das ehemalige Gasthaus Hirsch einzubauen. Wann die Mikwe tatsächlich eingebaut wurde, ist nicht festgehalten.

Diakon Ewald Wurster freut sich, dass die Mühringer Mikwe für die Forschung ausgewählt wurde. Aber es bedurfte einer Erklärung, weshalb man gerade in dem kleinen Ort Mühringen im Hause eines katholischen Geistlichen eine Mikwe besichtigen kann.

Der Diakon erklärte, dass ihm der jüdische Glaube sehr sympathisch ist und er sich intensiv mit ihm beschäftigt hat. Er habe rund 200 Bücher darüber gelesen. Er halte Vorträge über den jüdischen Glauben und das jüdische Leben, sagte der Katholik.

Er wolle zum gegenseitigen Verständnis beitragen und dazu, dass sich die Glaubensgemeinschaften gegenseitig respektieren. „Man kann nur gut miteinander leben, wenn man einander kennt.“ Wichtig war ihm festzuhalten, dass beide Glaubensrichtungen, aber auch die Muslime, an einen Gott der Liebe glauben.

Jüdische Architektur wird zum Forschungsprojekt
Eine Forschungsdelegation aus Braunschweig hat vorige Woche die Mühringer Mikwe vermessen. Bild: Eichert

Eine Mikwe ist mit Blick auf die Begriffe Reinheit und Unreinheit im jüdischen Glauben zu betrachten. „Unrein“ ist eher als „nicht tauglich“ zu verstehen. Auch Gegenstände konnten unrein werden und wurden neben Menschen in der Mikwe rituell gereinigt. Als unrein galten Menschen, die mit Toten in Berührung kamen, auch Frauen nach der Monatsblutung oder Männer nach Geschlechtsverkehr. Zur Wiederherstellung der Reinheit war für die Gläubigen ein Besuch der Mikwe, in der stets frisches, fließendes und klares Wasser vorzuhalten war, unumgänglich.

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31.08.2012, 12:00 Uhr

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