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Barfuß im Turm

Jürgen Jonas und Tanztheater Treibhaus mit „Hölderlins Strümpf“

Kirchentellinsfurt. Was hat der wahnsinnige Hölderlin eigentlich 36 Jahre lang im Turm am Neckarufer getan? „Der Dichter H. wurde 1806 im Turm geboren und stirbt 1842 im Turm.

27.11.2012
  • Martin Zimmermann

Dazwischen ging er auf und ab“, liest Jürgen Jonas. Dass Hölderlin 1806, als er in den Turm zieht, bereits 36 Jahre alt ist, unterschlägt er. Jonas´ Stück „Hölderlins Strümpf“ beginnt da, wo Peter Härtlings biografischer Roman endet. Im Turm. Wer war Tübingens prominentester Irrer und wenn ja wie viele? Die Antwort des Tanztheater Treibhaus: Sieben. Sieben Tänzer, sieben Persönlichkeiten. Einen Zettelkasten hat Jonas über Hölderlins Gang angelegt, Elke Pfeiffer inszenierte zu seinem Text ein Tanztheater. Nun war es im Rittersaal des Kirchentellinsfurter Schlosses vor 50 Zuschauern zu sehen.

Fünf Frauen und zwei Männer näherten sich tänzelnd, kletternd, stampfend, marschierend, rutschend, sitzend und liegend den gespaltenen Persönlichkeiten des Dichters an. Eine Frau trägt auf dem Kopf eine schwarze Halbmaske, die wie eine Lautsprecherbox aussieht und an die Authenriethsche Maske erinnert, die Hölderlin in der Psychiatrischen Klinik trug. Die Frau ohne Gesicht, Symbol für die unerreichbare Geliebte, Susette Gontard, deren Gesicht in seiner Erinnerung verblasst. Durch das Fenster steigt eine Gestalt in Kochmütze, sie ist auf der Suche nach Zuwendung, die sie nicht findet. „Du bist nicht meine Mutter!“ schreit sie.

Während des gesamten Stücks erklingt aus einem Lautsprecher gleichförmige Musik von Erika Stucky, Ethno-Pop, jodelnd, trommelnd. Ein Tänzer hüpft und tanzt sich durch das Stück als befände er sich auf einem von Bruce Chatwins australischen Traumpfaden. Eine weitere Person marschiert barfuß in einem durchsichtigen Plastikkittel. Eine Pflegerin?

Aus einer Wandnische kriecht eine Tänzerin in Stiefeln. Sie marschiert, rennt, schnauft, stampft trotzig auf und schlittert wie ein Kind auf einer Eispfütze. Das Gehen ist die Flucht ins Nirgendwo. „Jeder Tag ist ein Gang ohne Ausweg“, liest Jonas. Eine Weigerung anzukommen. Weigerung ans Leben und den Tod. Statt dessen geht er. Und bleibt. Gefangener im Elfenbeinturm seiner eigenen Gedanken. Ein Komma von Klopstock gibt ihm Halt, ist sein Spazierstock.

Eine schwarzgewandete Darstellerin sitzt während des ganzen Stücks in verschiedenen Positionen auf einem Stuhl. Eine andere sitzt im schwarzen Kleid an einem Tisch und näht. „Ich bitte dich, dass du die wollenen Strümpfe auch trägst“, schreibt die Mutter. „Das Gehen macht die Strümpfe hin“, antwortet der Dichter. Er lässt die Strümpfe in der Schublade und geht barfuß.

Das Stück schildert das Auf- und Abgehen des Dichters. Monoton und ohne Höhepunkte, weitergehende Handlung oder Figurenentwicklung. Am Schluss steht der Tod des Dichters. Der Obduktionsbericht bringt keine weiteren Erkenntnisse. Fragen bleiben. War der Dichter wirklich nicht mehr ganz dicht oder war sein Wahnsinn ein selbstgewähltes Exil seiner Gedanken?

Jürgen Jonas und Tanztheater Treibhaus mit „Hölderlins Strümpf“
Jürgen Jonas (Vierter von rechts) rollte die Geschichte Hölderlins im Turm mit dem Tanztheater Treibhaus auf.

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27.11.2012, 12:00 Uhr

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