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Über Bord gegangen

Jürgen Steinhilber trat bei den Piraten aus

Unter Piratenflagge ist Jürgen Steinhilber am 25. Mai in den Tübinger Gemeinderat gewählt worden. Jetzt ist er aus der Partei ausgetreten - und keiner weiß warum.

05.07.2014
  • sabine lohr

Voll gebläht waren die Segel nicht, mit denen Jürgen Steinhilber bei den Kommunalwahlen am 25. Mai in den neuen Gemeinderat kam: Mit 4275 Stimmen fuhr er das schlechteste Ergebnis aller Kandidaten ein. Was für ein Glück, dass er die Piratenflagge gehisst hatte! Denn bei keiner anderen Liste, die bei der Tübinger Wahl antrat, hätte er mit diesem Ergebnis einen Sitz ergattern können.

Das liegt am neuen Auszählverfahren, das den kleinen Listen Vorteile gegenüber den großen Parteien verschafft. Nur zum Vergleich: Christoph Lederle von AL/Grünen bekam 11 485 Stimmen, landete damit auf Platz 13 seiner Liste – und bekam keinen Sitz.

Für die Piraten-Unterstützung im Wahlkampf zeigte sich Steinhilber jetzt aber nicht erkenntlich: Kaum gewählt, trat er aus der Partei aus. Ja, beim Klabautermann, geht’s noch? Sich aufs Piratenticket zum Stadtrat wählen lassen und dann mir nichts, dir nichts einfach desertieren?

Und das auch noch klammheimlich sozusagen, ohne ein Wort. „Er hat die Austrittserklärung per Einschreiben geschickt“, bestätigte der Vorsitzende des Piraten-Kreisverbands Reutlingen/Tübingen Steffen Jung das umhergehende Gerücht. Warum Steinhilber ausgetreten ist? „Das wissen wir auch nicht so genau, es ist für uns auch nicht nachvollziehbar.“

Steinhilber selber sagt auch nichts. War er vor der Wahl stets auf dem Handy erreichbar – auch fürs TAGBLATT –, meldet sich seit Tagen nur die Mailbox. Kein Rückruf bisher, auch nicht auf die drängendsten Bitten. Vielleicht hat der Meuterer ja sein Handy verloren. In der Firma ist das Telefon so dauerbelegt wie bei einer Hotline. Und das Festnetztelefon klingelt und klingelt und klingelt.

Das ist eigentlich nicht Steinhilber-typisch, plädiert der selbstbewusste Stadtrat doch immer sehr für Transparenz. Was, wie Jung findet, auch das Piratigste an Steinhilber sei.

Ja doch, der Stadtrat habe durchaus „viel gemacht, was piratig ist“, sagt Jung. Aber Steinhilber sei halt kein Teamplayer, eher einer, der für sich alleine entscheidet, was er als Pirat sagt oder nicht sagt.

Jedenfalls sind die Piraten verärgert über den Abtrünnigen. Jung selbst hält sich zurück: „Ich bin nicht so ganz begeistert von seinem Austritt“, sagt er. Etliche andere Parteimitglieder seien aber – tja was? Sauer? „Ich muss genau überlegen, wie ich das für die Presse formuliere“, hirnt Jung und sagt dann: „Enttäuscht.“

So ganz aufgegeben hat der Käpt’n den über Bord gegangenen Steinhilber noch nicht. Darum will er ihn auch nicht verärgern. „Wir müssen sehen, ob und wie wir mit ihm weiter zusammenarbeiten können, ich bin da für alles offen.“ Schließlich hätten die Wähler ja ihre Stimme für die Piraten abgegeben, das verpflichte.

Andererseits lässt Jung anklingen, dass er Steinhilber nicht so ganz vertraut: Es sei schließlich nicht das erste Mal, dass der Stadtrat die Fraktion wechsle. Stimmt. Sowohl bei der Wahl 2004 als auch 2009 schaffte es Steinhilber bei den Unabhängigen Freien Wählern (UFW) nicht auf Anhieb ins Gremium, sondern rückte jeweils nach. So wurde er im Herbst 2010 UFW-Stadtrat, blieb es aber nicht lange. Im Februar 2012 stieg er aus der Fraktion aus und versuchte, sich als Fraktionsloser im Gemeinderat durchzusetzen. Fünf Monate später überraschte er mit seinem Beitritt zur Piratenpartei. Und wenig später sorgte er zusammen mit der UFW-Vereinsvorsitzenden Ilona Raiser, die inzwischen auch fraktionslos war, sogar für landesweites Aufsehen: Die beiden bildeten zusammen die Piratenfraktion im Tübinger Gemeinderat – die erste Piratenfraktion im ganzen Land. Pressekonferenzen gab es und Interviews – die Piraten waren mächtig stolz auf ihre beiden Stadträte. Auch wenn die mehr oder weniger ihr eigenes Ding durchzogen und nicht weiters darauf achteten, was einen echten Piraten ausmacht.

Und jetzt das. Ilona Raiser wurde erst gar nicht mehr gewählt und Steinhilber verlässt einfach, kurz nach der Wahl und sogar noch vor der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats am 28. Juli die Partei. „Ohne davor mit jemandem mal drüber zu reden“, ärgert sich Steffen Jung nun doch ganz offen. „Er hatte einfach nicht die Persönlichkeit, zu sagen, was ihn bewegt, sondern hat es uns schriftlich mitgeteilt.“

Steinhilber hätte, findet Jung, auch einfach zurücktreten können. Dann wäre Nummer Zwei an die Reihe gekommen – Ilona Raiser. Aber Jung will nicht vorgreifen. Zunächst stehe eine Mitgliederbefragung an. Und wie die ausgehe – naja. Wie gesagt, viele seien reichlich verärgert.

Wir jedenfalls sind gespannt, ob Jürgen Steinhilber tatsächlich fraktionslos bleibt. Denn wie aus den bekannten gut unterrichteten Kreisen zu vernehmen war, hat der Pirat vor der Wahl bei gleich mehreren Listen um Aufnahme gebeten und wurde nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Als Partner kommt nun eigentlich nur noch der zweite gewählte Einzelkämpfer in Frage: Der Satiriker Markus Vogt von „Die Partei“. Die beiden könnten jedenfalls gut eine Fraktion der „Witzigen“ gründen.

Jürgen Steinhilber trat bei den Piraten aus
Die Piraten sind ihm jetzt egal: Jürgen Steinhilber. Archivbild: ST

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05.07.2014, 12:00 Uhr

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