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Meister der Bedeutsamkeitsvermeidung

Jürgen Wertheimer über das Kulturphänomen Ertle und sein Buch „Der Mond im Ei“

Tübingen. Glühwürmchen, Särge, Tiefgaragen, eine Wimper, ein Schneebesen, ein Zugabteil – manche Sachen haben einfach Glück und Ertle kommt gerade vorbei, liest sie auf und macht was draus. Nichts Großes. Eher etwas Witziges.

03.11.2014

Hier ein verwehter Gesprächsfetzen, dort ein morsches Gesprächsfädchen, an dem vielleicht irgendein Schicksal hängt und schon nimmt das Verhängnis seinen Lauf und der Verfasser dieser kleinen Minidramen in Prosaform spinnt den Faden auf seine Art weiter: Lichtenberg, Karl Kraus, Enzensberger, Valentin – illustre Namen werden bemüht, wenn diverse Laudatoren sich über dieses Ei aus der Feder Peter Ertles beugen, um den ganz speziellen Ton, die Art, mit den Dingen umzugehen, zu beschreiben.

Der Rezensent jetzt könnte die Galerie der möglichen Vorbilder und Vorgänger mühelos erweitern und den Wiener Kaffeehausliteraten Peter Altenberg anführen, der damals im guten alten Jung-Wien (nachdem ihm Ärzte wegen „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einem geregelten Berufsleben nachzugehen, attestiert hatten) etwas Ähnliches unternahm und Hunderte, Tausende kleiner Prosaskizzen, teilnahmslose Momentaufnahmen produzierte, die nur eines gemeinsam haben, nämlich den Blickwinkel: den des „wie ich es sehe“.

Und so ein nicht ganz unnarzisstisches „Wie ich und nur ich es sehe“–Grundgefühl ist natürlich auch bei Ertle zu spüren. Wenn so was in Gestalt loser Blätter verzettelt, dann und wann als Glosse getarnt, in irgendeiner Zeitung erscheint, ist es nicht weiter auffällig. In dem Moment, wo es sich zwischen Buchdeckel klemmt, vorne Bausinger-geleitet, hinten Enzensberger-gelobt, wird gleich was ganz Anderes daraus. Schlimmstenfalls ein Kompendium der gesammelten Lebensweisheiten eines Menschen in mittleren Jahren.

Schlimmstenfalls – aber nicht in diesem Fall. Peter Ertles „Geschichten für Menschen in mittelhohen Häusern“ sind glücklicherweise nicht in Gefahr, im Schaufenster unter der Kategorie Lebenshilfe abgelegt zu werden. Obwohl alle hierzu relevanten Themen abgehandelt werden, Lesen und Leben, Arbeit, Quote, Inklusionen, Serviettenknödel und Eiertänze. Die Versuchung, daraus etwas – subkutan – doch irgendwie Lebenskluges zu machen, war sicherlich verdammt groß. So etwas “Mensch-werde-endlich-wesentlich“- Artiges oder dieser „Auch-und-gerade-die-kleinen-Dinge“-Gestus. . .“ Auch Worte zum Sonntag heben bekanntlich mit einer scheinbar – aber nur scheinbar – nebensächlichen Alltagsbeobachtung an und dann landen wir doch nach einer kleinen Kurve bei Jesus. Gerade dies aber geschieht – gottlob – bei Ertle nicht, auch nicht, wenn er einmal en passant nicht nur über die Welt, sondern auch über Gott fantasiert.

Als Meister der Bedeutsamkeitsvermeidung verdient das kleine Kompendium unser aller Aufmerksamkeit. Worte zum Donnerstag allenfalls. Und wenn schon, dann so wunderbar salbungsvoll-hinterfotzig, dass es beim besten Willen nicht möglich ist, darauf aufzubauen ohne auszurutschen. In diesem Sinne „freue ich mich über das unerklärliche Gute in der Welt. Diese Freude will ich heute mit Ihnen allen teilen. Danke.“

Selbst ein spektakulärer Sonnenuntergang bleibt halt doch nur ein Lichtspiel und endet dort, „wo der Himmel unten aufhört“. Mit der Publikation dieses Bandes beginnt aus dem tagblättlichen „Kulturphänomen“ seinerseits ein Kulturphänomen zu werden. Der Feuilletonist als Kulturphänomenologe – warum eigentlich nicht? Wenn er so unprätentiös-präzise schreiben kann wie dieser. Übrigens: Je knapper, desto besser sind sie für mein Gefühl, diese dichten Prosaskizzen, die Mythen, Ikonen und Idole auch unseres Hi-Tech-Alltags im Vorbeigehen in die Hand nehmen, sprachverspielt ein paar Mal herumdrehen und anschauen, um sie weder besonders behutsam noch besonders lieblos wieder ins Regal zurückzustellen. Ganz ohne Ding-Mystik, ohne symbolhafte Aura, einfach so – und so witzig und überraschend wie möglich.

Info: „Der Mond im Ei – Geschichten für Menschen in mittelhohen Häusern“, Klöpfer & Meyer, 256 Seiten, 22 Euro.

Jürgen Wertheimer über das Kulturphänomen Ertle und sein Buch „Der Mond im Ei“
Unser Gastrezensent: Jürgen Wertheimer, Professor für Komparatistik. Archivbild: Metz

Jürgen Wertheimer über das Kulturphänomen Ertle und sein Buch „Der Mond im Ei“

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03.11.2014, 12:00 Uhr

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