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Damals wäre alles noch ganz einfach gewesen

Jugendensemble wirft düsteren Blick zurück

Am Ende des Stückes ist der 8. November 2050, die Uhr zeigt zehn vor zwölf. Fast alle sind tot, und Lia könnte eigentlich ihren 18 Geburtstag feiern. Allerdings gibt es in dieser Zukunftsvision nichts mehr zu feiern. Alle Chancen wurden vertan: gestern, heute, jetzt.

10.12.2012
  • Fred Keicher

Reutlingen. Die Bühne im Theaterpädagogik-Zentrum in der Heppstraße gleicht einem Rollstuhlparcours. Aber es gehört zu der höchst kniffligen Verfremdung dieses Stücks, dass offensichtlich nicht alle, die Rollstuhl fahren, auch Rollstuhlfahrer sind. Die Frau im roten Kleid beispielsweise hat eindeutig viel zu lange Beine für den kleinen Rollstuhl. Und die andere, die hat elegant die Beine übereinandergeschlagen. Ganz beiläufig erhält der Zuschauer Gelegenheit, sein Verhältnis zu Behinderten zu überdenken.

Sein Verhältnis zur Umwelt zu überdenken, erhält er keine Gelegenheit mehr. Denn hier ist er Täter und Angeklagter. „Ihr Rindfleischesser!“, werden sie angemacht. Und Autofahrer und andere Umweltverschmutzer vertun genau jetzt die letzte Chance, das Klima zu retten. Denn in der Zukunft, in der das Stück spielt, rollen Stürme über die Menschen hinweg. Wer kann, hat sich einen Schutzbunker gebaut. („Immer wenn draußen Chaos ist, ab in die Erde.“) Das behält er aber tunlichst für sich, weil sonst andere Menschen Schlange stünden davor.

„2050 – ein Tag im November“, heißt das Stück, das sich fünf Spieler (Stina Elsen, Swantje Elsen, Rieke Habfast, Leoni Schmidt-Enke und Simon Schmidt) unter Anleitung der Theaterpädagogin Frauke Huhn erarbeitet haben. Das Projekt mit behinderten und nicht behinderten Mitspielern wurde von der Aktion Mensch gefördert.

Die Handlung ist einfach: Lias Vater baut einen Schutzbunker für sich und seine Tochter. Die ist allerdings in Milan verknallt. Der wiederum ist ein Rebell. Er entzieht sich der Überwachung durch die Regierung und hat den Verdacht, dass deren Mitglieder heimlich Riesenautos fahren und Benzin verschwenden. Dann ist da noch Semra, Lias Freundin, die der Regierung ganz naiv vertraut.

Das Projekt hat das Stück aber verkompliziert. Lia ist in zwei Figuren aufgespalten, gespielt von den zwei Schwestern Stina und Swantje Elsen. Und zu der Überwachungs- und Kontrollthematik ist noch der Behindertenaspekt getreten. PAC heiß so nicht einfach Personal Assistant Computer, der am Handgelenk getragen jederzeit die Kontrolle gewährleistet, sondern jetzt auch Personal Assistant Chair, der Rollstuhl.

Sie reden in einer Art künstlichen Jugendsprache miteinander, wo der Gegensatz von „tight“ und „thermo“ der von gut und böse ist. Simon Schmidts Rolle hätte in der Vorlage eine Sprache ohne Artikel gehabt. So wollte der Latein-Student auf der Bühne aber nicht reden und hat sie sich wieder eingefügt.

Aus der Sicht von 2050 liegt die einzige Hoffnung in der Wirkung des „M-Felds“ von der Zukunft zurück in die Gegenwart. Das morphologische Feld, das der geniale Esoteriker Rupert Sheldrake erfunden hat, um die Grenzen der Fühlbarkeit zu verschieben: „Nur wer spürt, was er erlernt, verändert sein Verhalten“, heißt es im Stück. Seine Botschaft ist „Werdet Klimaretter!“ Und zwar heute und sofort: Weil alles noch ganz einfach ist. Dies zumindest aus der Sicht von 2050.

Hoch anzurechnen ist den jungen Spielern (sie sind zwischen 18 und 21 Jahre alt), dass sie ihre moralische Botschaft in eine richtig garstige Publikumsbeschimpfung auswachsen ließen. An den beiden Vorstellungen am Wochenende bekamen sie für Engagement und Können reichlich Applaus.

Jugendensemble wirft düsteren Blick zurück
Eine moralische Botschaft im Theaterpädagogik-Zentrum: „2050 – ein Tag im November“ Bild: Haas

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10.12.2012, 12:00 Uhr

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