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Jugendfarm bietet Ferientage nah an der Natur
Nach einem richtigen Piraten sieht hier bisher nur die Jugendfarm-Betreuerin Bianca Bubici aus (auf dem Tisch sitzend, mit Augenklappe und Strickleiter); die Jungs (rechts Ricardo, Zweiter von links Lukas) üben sich noch in der Piraten-Mimik. Bilder: Pfeil
Erst Pirat sein, dann den Stall ausmisten

Jugendfarm bietet Ferientage nah an der Natur

Ferientage am Waldrand mit Platz zum Toben, Spielen, Basteln – und dazu mit Tieren, fast wie auf einem kleinen Bauernhof: Das bietet die Kusterdinger Jugendfarm, ein im Kreis Tübingen einmaliges Projekt. Jetzt hat sie wieder mittwochs und samstags geöffnet.

16.08.2012
  • Ulrike Pfeil

Piraten sind das Thema dieser Sommersaison in der Jugendfarm. „Damit können alle Kinder etwas anfangen“, sagt die Betreuerin Bianca Bubici: Augenklappe aufsetzen, Kopftücher und Flaggen bemalen, Messer schnitzen, Säbel aussägen. Ein richtiges Piratenschiff ist schon vorhanden, das sich bestens für Rollenspiele eignet: Es thront auf einem Hügel, und man erreicht es über eine hölzerne Hängebrücke, die eine Art Mini-Schlucht überspannt.

Das Schiff mit Rumpf und Bug, Mast, Baum und Segel, einem Steuerrad (mit Fahrradspeichen, aber das vergisst man gleich) und sogar einem keinen Gefängnis haben IBM-Mitarbeiter in einem sozialen Projekt für die Jugendfarm aus Holz gebaut. „Mein Papa war dabei“, verkündet Paul stolz von der Reling herunter, ehe er mit Oskar und den Zwillingsbrüdern Jakob und Jonathan in See sticht. Später müssen die Piraten mal kurz die Rollen wechseln und Konrad beim Aufstellen einer Palisadenwand helfen. Konrad war selbst ein Jugendfarm-Kind; jetzt in der zehnten Klasse ist er für ein Sozialpraktikum wiedergekommen.

In den Sommerferien hat die Jugendfarm immer mittwochs und samstags „offenes Haus“. Alle Kinder können „einfach so“ kommen, mal sind es 15, mal 30, die meisten zwischen sechs (Mindestalter) und zwölf Jahren. Zwar ist die Mehrzahl aus Kusterdingen und den Härten-Orten, aber der Ruf der Jugendfarm reicht bis Kirchentellinsfurt, Wannweil und Tübingen.

Gut versteckt liegt sie hinter einem bunten Holzzaun nahe der kleinen Waldsiedlung neben der Straße nach Kirchentellinsfurt. Vor etwa acht Jahren wurde sie von Eltern gegründet, die nach dem Waldkindergarten für ihre Schulkinder eine naturnahe Aufenthaltsmöglichkeit schaffen wollten.

Nicola Otto gehört zu den Gründern, die dem Projekt immer noch verbunden sind; inzwischen ist bereits eine zweite Elterngeneration aktiv dabei. 25 bis 30 Familien bilden den Trägerverein. „Auch die Erwachsenen kommen gern“, sagt Otto, denn hier können sie mit ihren Kindern etwas machen und erleben, und es bilden sich Freundschaften zwischen Familien. Gern werden hier Kindergeburtstage gefeiert, Schulklassen nutzen den Grillplatz für Abschlussfeste, und einmal die Woche fährt der Tübinger Waldkindergarten mit dem Bus zu seinem „Tiertag“ herauf.

„Die Jugendfarm“, erklärt Mitglied Sebastian Heusel die pädagogische Idee hinter dem Projekt, „ist ein Angebot für Kinder ohne Voraussetzungen: Man muss hier nicht sportlich sein, muss kein Musikinstrument spielen – und wenn beim Hämmern der Nagel krumm wird, ist es auch egal.“

Zum Werkeln, Basteln, Malen sind immer die nötigen Utensilien vorhanden. Am Tisch in der geräumigen Schutzhütte hantieren die Mädchen mit Stoff und Farben. An sehr heißen Tagen wie gestern, als auch das Kusterdinger Ferienprogramm in der Jugendfarm zu Gast war, wird ein Planschbecken mit einer Wasserrutsche aufgestellt. Für Regentage gibt es Tischkicker, einen Pingpongtisch und Brettspiele. „Aber viele Kinder halten sich auch bei Regen gern draußen auf, weil sie das ja vom Waldkindergarten her gewöhnt sind“, sagt Bianca Bubici. Auf dem Gelände finden sie verschiedene Unterschlüpfe: in einem bunt bemalten Bauwagen, einem Hochsitz, im Stall.

Ohne Tiere wäre die Jugendfarm keine richtige Farm: Anna und Zoe übernehmen die Führung, vorbei an den Hasen Emma und Flixi. „Piccolo, Luke, Nino“, stellen die Mädchen die drei dunklen, behörnten Zwergschafe vor, mit denen sie gern „Gassi gehen“. Die Schafe bekam die Jugendfarm von einem Züchter, der für männliche Tiere keine Verwendung hatte.

An den beiden „Deutschen Edelziegen“ Elsa und Dora lernen die Kinder, dass man Ziegen und Schafe nicht immer an der Größe unterscheiden kann; hier sind die Ziegen die größeren. An dieser Stelle muss auf jeden Fall die Geschichte der normal großen Ziege Paula erzählt werden: Die war nämlich, als sie noch einem Bauern gehörte, die Lieblingsziege von Karla. Als Paula zum Schlachter sollte, hat Karla Geld gesammelt, um sie dem Besitzer abzukaufen und in der Jugendfarm am Leben zu erhalten.

Im Stall riecht es angenehm nach Heu; das haben Mitglieder der Jugendfarm auf der benachbarten Wiese selbst geerntet und auf dem Boden eingelagert. Auf der anderen Seite sind die Stroh-Vorräte. „Viele Kinder können ja heute Heu und Stroh nicht mehr unterscheiden“, sagt Heusel und lacht: „Das ist der Bildungsauftrag der Jugendfarm!“

Bei den Tieren können die Kinder Gefühle ausleben, die sie ungeschützt nicht zeigen. Ein Junge, der sich gerade noch mit anderen „Piraten“ gebalgt hat, kann im nächsten Moment zärtlich eine Ziege streicheln. Sie lernen aber auch Verantwortung: An jedem Wochentag hat eine andere Mitgliedsfamilie Fütterdienst nach Plan.

Kürzlich verabschiedete die Gemeinde Kusterdingen einen Bebauungsplan, mit dem die Jugendfarm Erweiterungsmöglichkeiten auf dem angrenzenden Wiesengelände bekommt. Dort könnten ein naturnaher Ballspielplatz entstehen, ein Tipidorf, Barfußpark, ein Nutzgarten, Unterstände für weitere Tiere. „Zur Zeit sind das nur Visionen“, betont Nicola Otto. Aktuelle Erweiterungspläne hat die Jugendfarm nicht. Immer wieder werden ihr zwar Tiere angeboten, die sonst keine Bleibe finden, doch im Moment sehen sich die Mitglieder mit der Sorge für die vorhandene Menagerie ausgelastet.

Der Bebauungsplan, sagt Sebastian Heusel, der auch Mitglied des Kusterdinger Gemeinderats ist, sei vor allem notwendig geworden, um den Bestand zu sichern. Und um aktiven Familien in der Zukunft Möglichkeiten offen zu halten, die Jugendfarm nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

Jugendfarm bietet Ferientage nah an der Natur
Zu einer richtigen Farm gehören Tiere, und wo Tiere sind, muss ausgemistet werden. Während Ziege Paula von Sebastian gestriegelt wird, fegt Joni schon den Stall aus, dass es nur so staubt. Was man nicht sieht: Es duftet hier richtig gut nach Heu.

Jugendfarm bietet Ferientage nah an der Natur
Annas Werk: ein Piratentuch, das sie selbst mit bunten Motiven bemalt und bedruckt hat.

Während der Sommerferien ist die Jugendfarm samstags von 10.30 bis 16.30 Uhr und mittwochs von 13.30 bis 17 Uhr geöffnet. Die Kinder sollten für Vesper und Material mittwochs zwei Euro, samstags drei Euro mitbringen (mittwochs gibt es einen Snack, an den Samstagen ein Mittagessen, das von
Eltern gekocht wird).
Der Weg: Die Jugendfarm erreicht man, indem man am Ortsausgang von Kusterdingen von der Kreisstraße nach Kirchentellinsfurt links in die Heusteig straße einbiegt. Dann bei nächster Gelegenheit rechts in die Alfred-Krämer-Straße zur Waldsiedlung, am Waldrand wieder links und bis zum Ende der Siedlung.

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16.08.2012, 12:00 Uhr

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