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Positionen beziehen

Jugendguides führten erstmals durch Tübingen

Tübingen war eine Hochburg der Nazis – doch die Zeitzeugen der braunen Ära werden weniger. Gestern haben erstmals Jugendguides Interessierte durch die Stadt geführt – künftig sollen sie Gleichaltrigen die NS-Lokalgeschichte näher bringen.

12.11.2012
  • Fabian Ziehe

Tübingen. Dort residierte die Gestapo, im Haus Münzgasse 13. Ein Ort mitten in der Altstadt, von dem aus viele der 101 Tübinger Bürger mit jüdischen Wurzeln ins Exil, ins Lager, in den Tod getrieben wurden. 67 Jahre später erinnert dort nichts mehr daran: „Hier kotzte Goethe“ steht auf dem einzigen Schild, dass heute an dem selbstverwalteten Wohnheim hängt.

„Wäre es damals nicht drin gewesen, etwas zu verhindern?“, fragte Gianna Kavaliov in die Runde der 70 Zuhörer, die auf dem Platz zwischen Alter Aula, Stiftskirche und Münzgasse 13 standen. Eine rhetorische Frage der 23-Jährigen, die nun frisch ausgebildeter Jugendguide ist. Mancher ringsum nickte.

Regen, Regen, Regen – das Wetter meinte es mit den zehn Jugendguides nicht gut. Dennoch waren zu ihrer ersten Tour durch Tübingen viele Besucher gekommen, 70 waren es zu Beginn am Tübinger Güterbahnhof, 40 trotzten dem Regen bis zum Abschluss im Schloss.

„Schön, all das Vorbereitete jetzt vorzustellen“, sagte Clarissa Hall. Die 20-Jährige hatte sich mit Gianna Kavaliov und Alexandra Kittel in die Verbrechen Tübinger Behörden hineingearbeitet. Nun freute die drei das Publikumsinteresse – zumal es lediglich die erste von mehreren Führungen am Samstag war.

Persönlicher Zugang übers Schulwissen hinaus

Vier Monate lang hatte das Tübinger Landratsamt 20 Jugendliche und junge Erwachsene mit Seminaren auf die Rolle des Jugendguides vorbereitet. 50 hatten sich zuvor auf die Ausschreibung vor allem in Jugendhäusern beworben – auch jenseits der Kreisgrenzen.

Die Idee hinter dem Projekt: Eine Tagung hatte 2010 in Tübingen diskutiert, wie die NS-Zeit als „ältere“ Zeitgeschichte künftig vermittelt werden kann. Die Zeitzeugen würden weniger. Und einige Jungendliche sähen ihr historisches Interesse allein durch die Schule nicht gestillt: Sie bräuchten einen eigenen, persönlichen Zugang. „Wir haben die Jugendguides motiviert, eigene Position zu beziehen“, sagte Kreisarchivar Wolfgang Sannwald.

Eigene Positionen, Michaela Buckel und Sabine Schorpp bezogen sie: Im Durchgang zum Schlosshof berichteten sie von den Machenschaften der Rassenhygienischen Forschungsstelle. „Die Arbeit von dort ist zum tödlichen Handwerkszeug geworden“, sagte die 18-jährige Schorpp. Die sieben Jahre ältere Studentin Buckel ergänzte: „Mit den dort entwickelten Methoden rechtfertigten die Nazis den Mord an über sechs Millionen Juden.“

Schorpp hatte sich vorgenommen, mehr als Fakten zu erzählen: „Man redet viel in Zahlen – etwa, dass 86 Menschen für die Skelettsammlung sterben mussten. Aber es ist schwer, die Schicksale dahinter zu zeigen.“ Sie wird künftig den Synagogenverein Horb unterstützen. Auch in Grafeneck und in der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen sind künftig Jugendguides aktiv.

In Tübingen können über das Landratsamt und künftig über die Volkshochschule die Jugendguides engagiert werden. Sie arbeiten mit der Geschichtswerkstatt Tübingen und dem Arbeitskreis Moderne Tübinger Stadtgeschichte zusammen, die beim Auftakt gestern mit dabei waren: Hans-Otto Binder und Martin Ulmer unterstützten die Jugendlichen bei ihrer ersten Tour.

Außerdem stellte Stadtarchivar Udo Rauch den Tübinger Güterbahnhof vor, der Bestandteil der Jugendguides-Touren sein soll. 30 Kriegsgefangene waren von 1942 bis Kriegsende in der Lagerhalle im Einsatz. Untergebracht waren sie auf dem Sidler-Areal. Die Wärter konnten von einem erhöhten Bunker aus die Arbeiter überwachen – und waren zugleich bei Fliegerbomben-Angriffen etwas geschützt.

Landrat Joachim Walter unterstrich die Bedeutung, in Kontakt zur Geschichte zu bekommen. Er selber habe als Student in Freiburg jüdische Rückkehrer kennen gelernt. Er hofft, dass die Jugendguides ähnliche persönliche Anknüpfungspunkte schaffen können im Sinn einer neuen Erinnerungskultur.

Das Landratsamt plant bereits einen zweiten Lehrgang für Jugendguides für das Jahr 2013. Kooperationspartner wie die Akademie der Jugendarbeit und Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten haben bereits zugesagt, das Tübinger Pilotprojekt weiter zu unterstützen. Am 21. Februar ist dafür eine Infoveranstaltung geplant. Beim zweiten Durchgang wolle man die Erfahrungen vom ersten Mal einflechten. „Künftig werden wir noch mehr Möglichkeiten geben, eigene Standpunkte zu entwickeln“, sagte Sannwald.

Jugendguides führten erstmals durch Tübingen
Udo Rauch (rechts) stellte den Bunker im Güterbahnhof vor, künftig können das auch Jugendguides übernehmen. Bild: Faden

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12.11.2012, 12:00 Uhr

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