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Im Internet provoziert, dann real geprügelt

Jugendliche Schläger kamen mit Bewährungsstrafen davon

Showdown am Rottenburger Baumarkt hieß es vor knapp zwei Jahren, als dort zwei Gruppen Jugendlicher aufeinandertrafen. Das hatte nun ein Nachspiel vor dem Jugendschöffengericht. Dabei mitverhandelt: das Niederschlagen eines Unbekannten an der Agip-Tankstelle.

27.08.2010
  • WALTHER PUZA

Tübingen / Rottenburg. Es begann mit schriftlichen Provokationen zweier Jugendlicher in einem der sozialen Internet-Netzwerke. Einer der beiden zog einen Freund hinzu, um den anderen noch besser provozieren zu können. Der Hinzugezogene, mittlerweile 20, tat das auch dermaßen gut, dass er selbst zum Hauptgegner avancierte. Die Sache artete aus: Bilder von Schlagringen und blutigen Messern wurden über die Gästebücher der Internet-Profile ausgetauscht. Schließlich verabredeten sich die Kontrahenten Mitte Oktober 2008 zu einer klärenden Aussprache in der realen Welt.

„Man wollte groß und stark wirken. Das ist schief gelaufen“, sah nun der 20-Jährige ein, als er am Mittwoch vor dem Jugendschöffengericht als Zeuge aussagen musste. Statt sich in einem Café zu treffen, verabredeten sich die Jugendlichen nämlich zu nächtlicher Stunde auf dem Baumarkt-Parkplatz. Zwar betonten beide, sie hätten nur reden wollen. Doch hatten sowohl der damals 18-Jährige als auch der damals 16-Jährige zur Sicherheit so viele Leute wie möglich mitgebracht – Gleichaltrige, die mit der eigentlichen Sache rein gar nichts zu tun hatten. Während der Ältere gezielt Freunde ansprach, fanden sich im Schlepptau des Jüngeren Leute, die er zufällig vorher in einer Bar getroffen hatte. Der Staatsanwalt meinte, der 16-Jährige habe „sich einen Bärendienst erwiesen, gerade diese Gruppe mitzunehmen.“

Es dauerte nämlich allein eine Stunde, die Vorstrafenregister zu verlesen: Von Fahren ohne Fahrerlaubnis über Betrug, Diebstahl, Betäubungsmittel, Sachbeschädigung bis zu sexueller Nötigung war alles dabei. Gefährliche Körperverletzungen fanden sich ebenfalls im Repertoire. Um die ging es dann auch am Mittwoch. Denn als die beiden Kontrahenten vor dem Baumarkt das Gespräch eröffneten, schlug einer der Freunde des 16-Jährigen plötzlich den Älteren; mindestens zwei weitere stiegen mit ein, unter anderem eine jetzt 19-Jährige. Tritte folgten, selbst dann noch, als eines der Opfer bereits auf dem Boden lag.

Tritte noch, als das Opfer am Boden lag

Als gemeinschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung wertete das Gericht dies. Wegen vorheriger Verurteilungen kamen nicht alle der sechs Angeklagten um Jugendstrafen herum. Die reichten von sieben Monaten bis hin zu zwei Jahren, da allerdings unter Einbezug einer weiteren Tat, der sich einer der Baumarkt-Schläger im vergangenen Jahr noch vor der Agip-Tankstelle schuldig gemacht hatte. Mit zwei anderen (sie bekamen dafür sieben Monate sowie, unter Einbezug vorheriger Strafen, ein Jahr und neun Monate) war er da spätabends mit dem Taxi vorgefahren, um Alkohol-Nachschub zu besorgen. Ein ebenfalls ziemlich Betrunkener, inzwischen 18, lief den Dreien am Eingang über den Weg. Nach kurzer Provokation schlugen ihn zwei zusammen. Der Dritte mag nur eingriffsbereit daneben gestanden haben, was ihn laut Gericht jedoch nicht entschuldigt.

Klaus Wieczorek von der Jugendgerichtshilfe überlegte angesichts des in beide Straftaten verwickelten erst 18-Jährigen: „Wie kann man ihn jetzt noch unterstützen?“ Eine Bewährung sei eigentlich nur denkbar „mit viel, viel Hoffnung versehen und unter Zudrücken aller Augen, die man hat.“ Doch gab auch das Gericht bei allen die Hoffnung noch nicht auf und gewährte eine Bewährung, wenn sich die Jugendlichen in den nächsten sechs Monaten weiter stabilisieren.

Seit den Vorfällen haben sie sich weiterentwickelt, haben zu arbeiten begonnen, nicht zuletzt, um Strafen und Schulden abzubezahlen, haben Ausbildungsplätze in Aussicht gestellt bekommen oder Halt in einer neuen Familie gefunden. Denn, so klischeehaft es klingen mag: Praktisch alle Angeklagte stammen aus zerrütteten Familien, sind zum Teil schon in der siebten oder achten Klasse von der Hauptschule geflogen, hätten schon in jungen Jahren für sich selbst die Verantwortung übernehmen müssen.

Strenge Auflagen sollen ihnen nun helfen, dies tatsächlich zu schaffen. Psychotherapien (in einem Fall wegen Drogenproblemen), gemeinnützige Arbeit, regelmäßige Berichte an Gericht, Betreuer und Bewährungshelfer sowie Zuverlässigkeit bei der Arbeit oder dem Besuch der Abendrealschule sind von den inzwischen jungen Erwachsenen gefordert. „Ich setze alles daran, meine Auflagen einzuhalten“, versprach der eine.

„Es war scheiße“, meinte der andere rückblickend. „Ich möchte mein Leben jetzt in den Griff kriegen“, gab der mit dem größten Strafkonto an. Einer, der die vergangene Woche bereits im Gefängnis verbringen durfte, weil er Auflagen vorheriger Strafen nicht eingehalten hatte, erklärte, warum das wichtig ist: „Das war das Schlimmste überhaupt. Schlafen fällt mir schwer. Man ist 23 Stunden in der Zelle und denkt darüber nach, was man getan hat.“

Info: Richterin: Christiane Barth; Schöffen: Ingrid Kübler-Eith und Dennis Diedler; Staatsanwaltschaft: Thomas Trück; Jugendgerichtshilfe: Klaus Wieczorek; Verteidigung: Hartmut Benz, Andreas Einspanier, Christian Niederhöfer, Holger Rothbauer und Hans-Christian Wolff

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27.08.2010, 12:00 Uhr

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