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Nur die Brille macht besoffen

Jugendtreffs präsentierten sich mit einer Rush Hour

Jugendtreffs sind – zumindest für Erwachsene – unbekannter als so manch ferner Kontinent. Und die Aura von Lasterhöhlen haben sie manchmal auch. Zeit, etwas fürs Image zu tun: 40 Jahre nach ihrer Gründung lud Tübingens Offene Jugendarbeit zu einem Tag der offenen Tür.

15.10.2012
  • WOLFGANG ALBERS

Tübingen. Tag der offenen Tür sagen nur die Erwachsenen. Für die Jugendlichen hieß das Rush Hour. Pendelbusse liefen im Halbstundentakt neun Jugendtreffs an, die alle etwas Besonderes boten.

Beim Jugendtreff Lustnau etwa stand Michael Weyhing, der in der städtischen Fachabteilung Jugendarbeit sich besonders um die Alkoholprävention kümmert.

An seinem Infopavillon hatte er so eine Art Skibrillen dabei – aber ein Fabrikat, das Privatpersonen gar nicht verkauft bekommen. Drunk Buster hat eine amerikanische Firma ihre Erfindung getauft: Wer hindurchguckt, hat die optischen Empfindungen eines Betrunkenen.

Und muss sich so manche Bemerkung von Michael Weyhing anhören. „Hoppla, was ist den mit den Füßen los?“ Die treten gegen die Hütchen eines Slalomkurses. Ist aber auch gar nicht so einfach, sie zu vermeiden: Die Brille Drunk Buster Nighttime, die 1,3 Promille und Dunkelheit simuliert, zeigt die Hütchen doppelt.

Aber auch 0,8 Promille sind tückisch. Michael Weyhing gibt dafür den Jugendlichen die Alkopop-Brille: „Entspricht vier Gläsern Sekt.“ Mit der Brille fühlt man sich wie auf der Skipiste – so steil fällt der Boden ab. Wer will, kann Roller fahren – und erlebt auf der Ebene, was Alkohol-Absturz wortwörtlich bedeutet.

Dann doch besser ein Rausch der Farben. Den ermöglichte der Jugendtreff Mixed Up in der Südstadt. Der hat einen Vorplatz mit Wänden, an denen sich Sprayer verwirklichen können. Das hat den 16-jährigen Fabian angelockt. Ein erfahrener Sprayer, der mühelos und sehr gekonnt eine ganze Wand mit den fließenden Buchstaben seines Sprayernamens Nask füllt.

Kristin Ruopp und Dirk Ridder, die Treffverantwortlichen, haben noch etwas fürs Ambiente getan. Ein Holzfeuer in der Tonne strahlt gegen die Herbstkühle an, aus einer Box labert ein Rapper „Darauf scheiß ich.“

Innen spielen Angela Steubert und ihr neunjähriger Sohn Daniel am Tischkicker. „Ich find es sehr schön hier“, sagt die Mutter. „Ich denke, Daniel wird das Angebot nutzen, und er darf von mir aus auch kommen.“

Das hört Kristin Ruopp gerne: „Die Leute denken, in einem Jugendtreff ist alles verraucht und versifft – so ein Infotag kann auch Vorurteile abbauen.“

Weiter, der Bus steuert die nächsten Ziele an. Etwa die Musikwerkstatt im Sudhaus, wo Jugendliche proben können, bis sie einen Auftritt meistern. Oder den Jugendtreff Derendingen, der jüngste in Tübingen, für den sich die Derendinger Eltern sehr engagiert haben.

Es ist nicht mehr so wie vor 40 Jahren, als mit der Paula und dem Epple-Haus gerade mal zwei eher zentrale Angebote entstanden. Vor dem Epple-Haus, der Mutter aller Jugendtreffs, hat Saskia Ritter ihre „trink:bar“ aufgebaut. Janine, Nizam und Tim mixen dort Barbados Fruit Punch mit vielen Obstsäften oder den Coconut Kiss: Kokos-Sirup mit Sahne, Ananas- und Orangensaft.

Und natürlich mit viel Eis – aber ohne Alkohol. Ist das cool? „Es gibt schon ein paar, die da blöde Bemerkungen machen“, sagt Janine, „aber wenn sie erst mal probieren, merken sie, wie toll das schmeckt.“ 50 Jugendliche haben sich zur Barfrau oder zum Barkeeper ausbilden lassen – wozu auch das Nachdenken über den eigenen Umgang mit Alkohol gehörte.

Alkohol – das war schon ein Thema im Jufo, dem Jugendforum Waldhäuser-Ost. „Wir haben hier schon mal ein Mädchen gehabt, die hat fünf Promille überlebt“, erinnert sich Michael Munding, lange einer der Verantwortlichen im Jufo und jetzt Vize in der städtischen Abteilung Jugendarbeit.

„Und geraucht wurde auch heftig“, weiß Manfred Sturm, heute noch auf WHO verantwortlich. Fotowände voller Jugendlicher mit wilden Mähnen erinnern an die Zeit, als es beim Rauchen nicht nur um Nikotin ging, Zeitungsausschnitte rufen alte Skandale wach – und viele Bilder zeigen die legendären Jufo-Fahrten etwa ins damals noch existierende Jugoslawien.

Noch immer ist viel los im Jufo, das prächtiger denn je da steht, fast schon wie ein edler Jugendclub. Da staunten die Ehemaligen, verheiratet, mit Kindern, die vorbeischauten. „Eine Chill-Ebene mit Fangnetzen hatten wir nicht“, sagt Katinka Helber, zu deren Zeit das Jufo noch eine fensterlose Höhle war. Aber das passt schon: „Das Jufo geht halt mit der Zeit. Wenn das für die Kids okay ist, ist es in Ordnung.“

Jugendtreffs präsentierten sich mit einer Rush Hour
Janine, Nizam und Tim (von links) mixten in der „trink:bar“ vor dem Epple-Haus trinkbare Drinks ganz ohne Alkohol. Bilder: Albers

Jugendtreffs präsentierten sich mit einer Rush Hour
Farbrausch im Mixed Up: An den Wänden um den Vorplatz des Südstadt-Jugendtreffs tobte sich der 16-jährige Fabian aus.

500 bis 600 Kinder und Jugendliche nutzen im Schnitt pro Woche die offenen Tübinger Jugendtreffs.
Ein Renner, hat der städtische Jugendarbeiter Michael Munding beobachtet, ist dabei das gemeinsame Kochen: „Im Prinzip wird das in allen Jugendhäusern einmal pro Woche gemacht.
Gerade durch die Tischkultur ist das attraktiv. Das merken auch die Jugendlichen: Es ist schon was anderes, als neben dem Fernsehen irgendwas runterzuschlingen“, sagt Munding.

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15.10.2012, 12:00 Uhr

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