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Ex-Freund ist nun angeklagt

Junge Frau mit Kindern beinahe mit Auto verunglückt

Erst war die Staatsanwaltschaft von einem versuchten Tötungsdelikt ausgegangen. Doch gestern wurde ein 28-Jähriger aus Schopfloch „nur“ der vierfachen versuchten Körperverletzung angeklagt. Durchschnittene Bremsleitungen und gelockerte Radschrauben wären einer jungen Mutter und ihren Kindern beinahe zum Verhängnis geworden.

08.09.2010
  • cornelia addicks

Rottweil/Kreis Freudenstadt. Ich habe gemerkt, dass irgendwas klackerte“, erinnert sich die Opferzeugin an den frühen Morgen des 18. Dezember 2008. Sie wollte wie immer ihre Kinder zur Schule und in den Kindergarten bringen. „Ich hab dann versucht zu bremsen, habe durchgedrückt, aber es ging gar nicht!“

Geistesgegenwärtig fuhr die junge Mutter das neue Auto in ein Schneeruder. Glücklicherweise war sie noch nicht in die zur Bundesstraße hin „ganz, ganz steil“ abfallende Keplerstraße eingebogen. „Ich habe den Autohändler angerufen und ihn zur Sau gemacht, was er mir da verkauft hat“, gibt sie unumwunden zu.

Das Auto wurde abgeschleppt, kurz darauf kam der Rückruf: „Setzen Sie sich dringend mit der Polizei in Verbindung! An Ihrem Auto wurden Brems- und ABS-Schläuche durchtrennt!“ Das „Klackern“, das die Autofahrerin gewarnt hatte, kam wohl von den 16 Radschrauben, die gelöst worden waren. Sogar das Seil der Handbremse wies Zeichen einer Manipulation auf.

Der materielle Schaden hielt sich in Grenzen: „70 Euro Abschleppgebühr, 300 Euro Eigenbeteiligung und die Hochstufung bei der Autoversicherung“, zählte die Zeugin auf. Ganz anders sieht die Sache bei den psychischen Folgen aus. Besonders die mittlere Tochter, damals noch im Kindergartenalter, habe danach nichts mehr gegessen, vier Kilo abgenommen, nur noch geweint. Bei der großen Tochter hätten die schulischen Leistungen nachgelassen.

Der Verteidiger des Angeklagten hat Zweifel daran, dass dies auf den Beinahe-Unfall zurückzuführen ist. Er besteht auch darauf, dass die von der Nebenklägerin genannten „47 schlaflosen Nächte“ doch eher Nächte mit unterbrochenem Schlaf gewesen seien. Die vom Nebenklagevertreter genannten Schmerzensgeldforderungen hält der Freudenstädter Strafverteidiger für „völlig überzogen“.

Penibel genau befragte der Anwalt die junge Frau nach ihren „Männerbekanntschaften“ seit der Trennung von ihrem Ehemann im August 2008. Und liefert sich ein hitziges Rededuell mit der 30-Jährigen darüber, was denn nun wichtig sei und was nicht.

Den Angeklagten hatte die Opferzeugin bei einer Schulung einer Vermögensberatung kennen gelernt. „Wir waren richtig gut befreundet, hatten auch ein einziges Mal Sex miteinander“, sagte sie. Als sie dann aber mitbekam, dass er wegen einiger Delikte von der Polizei abgeführt wurde, wollte sie „nichts mehr mit ihm zu tun“ haben.

Dass der 28-Jährige das Auto in dem offen zugänglichen Carport manipuliert hat, folgert die Zeugin daraus, dass sie sonst niemanden wisse, der es getan haben könnte. Ihr gegenüber habe er mehrmals von den „zwei Seelen“ in seiner Brust gesprochen. Aggressiv habe sie ihn nie erlebt. Seltsam sei nur sein Verhalten am Telefon gewesen, als sie ihn auf Bitten der Kripo noch einmal anrief und ihm von dem Vorfall berichtete. „Er war völlig desinteressiert an der Sache“. Die Polizei hatte versucht, den abgetauchten Verdächtigen bei einem Treffen mit der Frau festzunehmen.

Der Angeklagte selbst wollte keine Angaben zu dem Tatvorwurf machen. Er war jedoch bereit, Fragen zum Lebenslauf zu beantworten. Als kleines Kind nach Deutschland gekommen, wuchs er in Böblingen und Horb auf. Die abgeschlossene Lehre in einem renommierten Baiersbronner Hotel ließ Tilmann Wagner, den Vorsitzenden Richter der 1. Großen Strafkammer, staunen: „Da wird ja nicht jeder genommen.“

Von der Bundeswehr war der Angeklagte nach kurzer Zeit unehrenhaft entlassen worden: Nach drei kleineren Prozessen stand damals die erste Haftstrafe an: Fünf Jahre wegen schweren Raubs. Im September 2003 hatte der damals 21-Jährige in Sindelfingen einem Sportwagenfahrer eine Luftdruckpistole der Marke Beretta an den Hals gehalten und ihn gezwungen, ihm das Auto zu überlassen. Bei der waghalsigen Flucht vor der Polizei gefährdete der Räuber andere Verkehrsteilnehmer – und entkam.

Er schraubte zuvor in Horb gestohlene Nummernschilder an den Fiat und fuhr munter 8000 Kilometer damit. Zwei Tankbetrügereien gingen auch auf sein Konto. Geschnappt wurde er erst, als er sich in der Kaserne mit der Waffe brüstete.

Im März 2009 wurde der Angeklagte vom Amtsgericht Freudenstadt wegen 17 Delikten zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Mit den schon Anfang 2008 gestohlenen Dokumenten eines Freudenstädters hatte er Geld abgehoben, sich zwei Autos zur Probefahrt geben lassen und nie zurückgebracht, und er hatte wieder eine Tankstelle betrogen. Auch zahlreiche Fahrten ohne Fahrerlaubnis wurden geahndet. In Rottweil stahl er Nummernschilder von einem Auto. Als er schließlich nach einer „halsbrecherischen Fahrt“ von einer Streife gestellt wurde, widersetzte er sich der Festnahme und verletzte zwei der drei Polizisten. Derzeit sitzt er diese Haftstrafe ab.

Neben zwei Polizeibeamten sagten gestern auch ein Autohändler und ein anderer Bekannter der 30-Jährigen als Zeugen aus.

Info: Die Verhandlung wird am Freitag um 9 Uhr mit dem Gutachten des Auto-Sachverständigen fortgeführt.

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08.09.2010, 12:00 Uhr

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