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Die Erfinder-AG baute einen Wakeboardschulungsfrühgleiter

Jungfernfahrt auf dem Neckar

Wenn Oliver Breuer von den Projekten seiner Erfinder- und Konstruktions-AG erzählt, bekommt er leuchtende Augen. Sie sind nicht nur motivationsfördernd für die Schüler, sie funktionieren auch. Der Lehrer an der Graf-Eberhard-Schule in Kirchentellinsfurt hat jetzt mit seiner AG einen „Wakeboardschulungsfrühgleiter“ gebaut. Kaum überraschend: „Der fährt.“

27.10.2014
  • Manfred Hantke

Kirchentellinsfurt. „Wakeboarden“ wurde im Kreis Tübingen spätestens im August dieses Jahres vielen bekannt. Da tauchte plötzlich ein Video auf, auf dem ein Wakeboarder eine flotte Spritztour auf der Ammer hinlegte – allerdings mit Hilfe einer Seilwinde.

Mit dem Brett übers Wasser gleiten können jetzt auch die Schülerinnen und Schüler der Graf-Eberhard-Schule (GES). Ihr Gewässer ist jedoch der Neckar bei Esslingen (dort darf man das). Und statt einer Seilwinde lassen sie sich von einem „Wakeboardschulungsfrühgleiter“ ziehen. Das Wort kennen zwar nicht einmal die Suchmaschinen im Internet, aber die Schüler wussten, was sie brauchen. Sie haben schließlich in Oliver Breuer einen Techniklehrer (Sport unterrichte er auch), der immer für eine ungewöhnliche Projektidee gut ist, die aber einen praktischen Nutzen hat.

So begann der 43-Jährige Anfang 2012 das Sportboot mit seiner Erfinder- und Kon struktions-AG zu bauen: Die drei Rümpfe bestehen aus zwei außenliegenden Regattabrettern, sind mit dem Tandemboard in der Mitte verzapft. Am Aluminiumrahmen ist der flexible Teleskop-Steuerstand angebracht, zwei ausfahrbare Gummireifen schützen das Boot vor Beschädigung durch eine Hafenmauer. Dazu gibt’s noch eine Sitzbank und einen 30-PS-Motor – fertig ist das Leichtgewicht, komplett zusammenklapp- und mit dem Auto transportierbar. „Extrem leicht“, sagt Breuer, ohne Motor wiegt es knapp 60 Kilo, ein herkömmliches Boot für den gleichen Zweck bringt mindestens 150 Kilo auf die Waage.

Was aber in wenigen Zeilen erklärt ist, hat über zweieinhalb Jahre gedauert: Ideen mussten gefunden, Konstruktionszeichnungen erstellt, das Material beschafft werden. Im praktischen Teil lernten die Schüler das Arbeiten mit unterschiedlichen Materialien wie schichtverleimtes Holz, Aluminium und Kunstharz. Sie flickten die Rümpfe, machten Winkelbohrungen, veränderten auch den Motor, verlängerten Gas- und Lenkzug. „Von der Praxis zur Theorie“, so Breuers Ansatz. Zeigt sich ein praktisches Problem, wird es zunächst theoretisch gelöst.

Nach Versuchen im heimischen Schwimmbad ließen Breuer und seine Schüler im Sommer das komplette Boot erstmals im Neckar beim Motorsportclub Esslingen zu Wasser. Eine Genehmigung für den Kirchentellinsfurter Baggersee erhielten sie nicht, dort dürfen keine Motorboote fahren.

Doch auch die Esslinger Anlaufstelle hat ihre Nachteile: Dort darf die AG nur sonntags ab 13 Uhr einlaufen. Da geht also die Freizeit für Schüler und Lehrer drauf. Dem Engagement tat’s keinen Abbruch. Die Schüler bleiben aus eigenem Antrieb eh immer länger in der Nachmittags-AG, als sie müssen.

Die Jungfernfahrt mit dem Boot klappte. Während ein Schüler unter Breuers Augen das Boot steuerte, zog der 30-PS-Motor den Wakeboarder kraftvoll aus dem Wasser und ließ ihn bei einer Geschwindigkeit von gut 30 Stundenkilometern auf den Neckarwellen tanzen. Das selbst gebaute Boot hat im Sommer sogar das internationale Bootskennzeichen erhalten.

Breuer kann sich über eine mangelnde Schülerzahl in seiner AG nicht beschweren. Zwischen 24 und 28 junge Erfinder und Kon strukteure aus den Klassen 5 bis 10 hat er stets in seinem Team. Alle bekommen am Ende des Schuljahres ein Testat.

Der „Wakeboardschulungsfrühgleiter“ ist das dritte Projekt, das die AG erfolgreich abgeschlossen hat. Über den Winter will die AG den Steuerstand optimieren und kleinere Reparaturarbeiten vornehmen. Dann kommt das nächste Projekt, ein paar Ideen hat Techniklehrer Breuer auch schon.

Jungfernfahrt auf dem Neckar
Alles selbst entworfen, alles selbst gebaut: Der Wakeboardschulungsfrühgleiter. Techniklehrer Oliver Breuer (links) erklärt seinen Schülern das Wakeboard. Bild: Förderverein

Das erste Projekt von Oliver Breuer und seiner AG war eine Modellrennbahnanlage. Auf der 24 Meter langen Bahn können auf vier Spuren zwölf Rennautos gleichzeitig fahren. Dafür hat die AG auch eine Schwenkbühne gebaut, sie wiegt eine halbe Tonne. Seitdem sie 2006 fertig wurde, werden alljährlich Schulmeisterschaften über alle Klassenstufen hinweg ausgetragen. Mit dem zweiten Projekt, dem Windsurfschulungstrimaran, können zwei bis drei Schüler gleichzeitig das Surfen lernen. Das Boot besteht aus drei Rümpfen und fährt wie ein Segelboot. Für beide Projekte erhielt die AG die Artur-Fischer-Medaille. Gefördert wurden alle drei Projekte von der Baden-Württemberg-Stiftung. Reicht das Geld nicht (was stets der Fall ist), springen Kreissparkasse, Volksbank und die Firma Spectra aus Reutlingen ein.

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27.10.2014, 12:00 Uhr

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