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Einer wählt Merkel

Kabarett Inflagranti feiert Silberhochzeit

Das Kabarett Inflagranti ist ein erstaunliches Phänomen. Vor 25 Jahren von Studenten gegründet, haben sie auch im Berufsleben nicht losgelassen. Die Jubiläumsfete am Samstag in der Rottenburger Zehntscheuer ist schon dicht. Aber am 29. November sind sie auch wieder in Tübingen zu sehen, im Sudhaus. Wir sprachen mit ihnen (Christian Mickler war nicht abkömmlich).

01.10.2014
  • Interview: Peter Ertle

TAGBLATT: In welchem Radius seid ihr heute über die Welt verstreut und wie schafft ihr es da, gemeinsame Auftritte, Proben und neue Programme zu organisieren?

Christoph Noth: Ungefähr alle acht Wochen gibt es ein gemeinsames Wochenende, in das auch meist ein Auftritt eingeschlossen ist. Dann kommt wieder eine lange Pause mit Mailkontakten, eventuell kleinen Regionalkonferenzen und Heimarbeit (texten, komponieren, Auftritte organisieren, Stücke umschreiben und aktualisieren). Rein räumlich waren wir in Studizeiten viel weiter auseinander, in Berlin, München, Göttingen, Freiburg. Jetzt leben bis auf den Leipziger Pianisten wieder alle rund um Tübingen in kleinen Eigenheimen. Weil jetzt alle Familie und Beruf haben, ähnelt die Flexibilität einem lustigen Rudel von Weinbergschnecken.

Wie viele Kinder gibt es in der Inflagranti-Großfamilie? Und was halten die von Inflagranti?

Kabarett Inflagranti feiert Silberhochzeit
Von links: Christoph Noth, Christian Mickler, Stephan Fuchs, Gabriele Hoffmann, Mathias Kotowsky, Clemens Malecha.

Christoph Noth: Es müssten insgesamt elf sein. Auch der letzte Inflagranti ist vor kurzem noch unter die Haube gekommen und hat auch gleich Nachwuchs gezeugt.

Gabriele Hoffmann: Hm, angesichts der zu beobachtenden Entwicklung der Gesellschaft wäre es angemessen darüber zu diskutieren, wen man denn als eigenes Kind bezeichnen kann/darf, ob angeheiratete auch dazu gehören, enge Freunde der Kinder, die irgendwie immer dabei sind … Ich habe mal zumindest zwei zur Welt gebracht.

Stephan Fuchs: Ich für meinen Teil habe schon neben einem Kind im Osten auch zwei am Lacus Lemanus anerkannt. Mit anderen Kindern in anderen Regionen habe ich nichts zu tun!

Gabriele Hoffmann: Meine können fast alle Liedtexte. Ich schwöre: ich habe ihnen die CDs immer wieder weggenommen, aber sie haben sie sich zurück gestohlen. Sie hören gern beim Proben zu und stehen zumindest politischen Diskussionen mit ihren 10 und 8 Jahren recht aufgeschlossen gegenüber. Der fulminante Ausbruch unseres Jüngsten kurz vor der letzten Bundestagswahl setzte deutliche Zeichen: Als er ein klares Verbot bekam und sich schrecklich darüber aufregte, schrie er uns an: „Und nur damit ihr es wisst, ich wähl die die Merkel, ich wähle die CDU!!“ Vielleicht haben wir in der Erziehung durch inflagranti falsche Signale gesetzt?!

Ihr seid heute Consulting-Manager, Rechtsanwälte, Ärzte. . . Hat das Einfluss auf eure Themen?

Kabarett Inflagranti feiert Silberhochzeit
Christoph Noth (links) und Mathias Kotowsky bei einem Auftritt gegen den geplanten Stausee bei Tübingen-Bühl 1990. Der Stausee kam übrigens nie.

Mathias Kotowski: Die Themen haben natürlich viel mit unserer konkreten Lebenswirklichkeit und -erfahrung zu tun. Aus Studenten-WG, heißer Liebe und Jobsuche sind mittlerweile Carport, Beziehungsstress und moderne Arbeitswelt geworden. Und natürlich spielt sich das alles in einer anderen Zeit ab: in einer Zeit, die unpolitischer, unpersönlicher, schneller, egoistischer und gleichgültiger geworden ist. Während wir früher eher die Differenz aufs Korn genommen haben, ist es heute eher die Indifferenz.

Midlife-Crisis?

Gabriele Hoffmann: Ich bin eigentlich seit meiner Pubertät in der Midlife-Crisis…

Stephan Fuchs: Wir haben heftige Gruppenprozesse durchlaufen und alle zu unterschiedlichen Zeiten sehr viel dafür gegeben, als Gruppe weiterzubestehen, zu „überleben“; Clemens hat mal die Intensität und das Ringen um Verbindlichkeit einer Ehe mit unserer Situation als Kabarettgruppe verglichen, das halte ich keineswegs für übertrieben. Leider ist Deutschland ja noch weit von der offiziellen Gruppenehe entfernt inclusive Ehe-Gruppen-Splitting. Ich meine wir hätten dieses Steuermodell verdient.

Christoph Noth: Ich finde, es gibt immer weniger Krisen, wir sind nicht nur älter und schwerer, sondern auch gelassener geworden. Früher haben wir Türen geknallt, sind während der Sitzungen aufgesprungen, haben gebrüllt, den Raum, das Wochenende verlassen. Aber das Türenknallen kommt einem jetzt einfach zu laut vor. Bis wir heute aus dem Stuhl kommen, haben wir uns beruhigt und das ganze schon wieder gedanklich verarbeitet. Wir bleiben jetzt einfach sitzen.

Wenn ihr an euer erstes Programm zurückdenkt: Leuchtende Augen? Erstaunt, was ihr alles hingekriegt habt? Ein Gefühl der Peinlichkeit?

Mathias Kotowski: Verwunderung darüber, mit welcher grottenschlechten Performance unser Publikum damals zu begeistern war. Und ja: Leuchtende Augen, weil wir damals nur nach unserem Geschmack gefragt haben und nicht nach dem Geschmack des Publikums. Später wurde letzteres immer wichtiger, befördert durch den Wettbewerbsdruck durch Slapstick-Kabaretts und Mainstream-Comedy. Und mittlerweile fällt es immer schwerer, unseren eigenen Geschmack zu finden.

Euer bislang größter Reinfall, größter Erfolg, schönstes Erlebnis?

Clemens Malecha: Der größte Erfolg, dass wir zumindest drei Paare zusammengebracht haben, von denen eins noch hält: Mathias und Gabriele! Oder als ich mal bei einem Weihnachtsfeier-Auftritt für die Gynäkologie der Tübinger Uniklinik dem Chefarzt die Salatsoße über die Hose gesungen habe.

Stephan Fuchs: Ein schönes Erlebnis war in jedem Fall, auf dem Evangelischen Kirchentag in München mit vielen hundert jungen Christen unseren Ohrwurm mit Anfassen „Wir nehmen uns jetzt miteinander an“ zu singen. Textlich ging das dann ungefähr so weiter: „Wir nehmen uns jetzt zueinander mit, wir nehmen aufeinander ab“ – oder so ähnlich und das ganze Publikum hat beseelt und in tiefer Harmonie mit uns mitgesungen.

Gabriele Hoffmann: Toll war „Uschis Asche“ in der Kulturreihe des Beerdigungsinstitutes Rilling zu spielen, da hatten wir sofort die richtige Atmosphäre. Der größte Erfolg ist eigentlich, dass wir immer noch zusammen sind

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01.10.2014, 12:00 Uhr

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