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Schwäbische Willkommenskultur

Kabarettist Alois Gscheidle bei der Mühlener Arbeiterwohlfahrt / 200 Besucher haben in sein Programm „Rei’gschmeckt“ neigschmeckt

Zu ihrem 60. Geburtstag hatte die Mühlener Arbeiterwohlfahrt (Awo) in die Turnhalle geladen: Gut 200 Besucher kamen und wurden von Hausmeister Marcus Neuweiler alias Alois Gscheidle mit seinem Programm „Rei’gschmeckt“ schwäbisch-freundlich empfangen – beziehungsweise zeigte Gscheidle unverfälschte schwäbische Willkommenskultur.

16.11.2015
  • Philipp Eichert

Mühlen. Vielseitiges Kabarett zum Lachen und mitunter auch zum Mitmachen bot Alois Gscheidle bei seinem Auftritt in der Mühlener Turnhalle. „Rei’gschmeckt“ lautete der Titel des aktuellen Programms von Marcus Neuweiler aus Westernhausen im Hohenlohischen. Mit bekannt schwäbischer Zurückhaltung übernahm er gleich zu Beginn als Hausmeister verkleidet den Part des Empfangschefs und mischte sich unter die Zuschauer, um erst mal nach dem Rechten zu schauen, Dabei suchte er den Dialog mit den Gästen, indem er in bester Hausmeistermanier an ihnen herumnörgelte. Einmal waren es die Handtaschen der weiblichen Besucher, die ihm ein Kopfschütteln abnötigten. Dann wieder das „Geschirrtuch-Hemd“ eines Besuchers. Die einen Schuhe waren zu dreckig und versauten seinen Hallenboden und die Stöckel der Damenschuhe zu spitz, machten sie doch dem Linoleum-Boden den Garaus.

Und dann waren da noch die nicht Aufrechtsitzenden, die mit ihrer verwerflichen Haltung die Lehnen der Stühle abdrückten, die er dann wieder reparieren könne. „Hemmer Auswärtige oder Rei’gschmeckte do?“, fragte er – und schon hatte er genügend weitere Opfer gefunden. Sie wurden aufs Korn genommen, indem der Urschwabe Gscheidle die Unterschiede zwischen gebürtigen Schwaben und Zugereisten thematisierte. Aber auch zu vielen wichtigen und unwichtigen Dingen des täglichen Lebens gab er seinen Senf dazu und verschmähte auch nicht den einen oder anderen Witz.

Nach kurzer Umziehpause stand Gscheidle mit Hornbrille, Schildmütze und lommeligen Hosenträgern auf der schwäbisch-spartanisch ausgestatteten Bühne, um sich gleich wieder unters Volk zu mischen. Seine Hose war heruntergerauscht. Ohne seinen unschwäbischen Redefluss zu unterbrechen, ließ er sich diese von einer Besucherin hochziehen. Dass der Reißverschluss hierbei klemmte, sollte kein Problem sein, hatte er doch anklingen lassen selbst nicht verklemmt zu sein.

Gscheidle sorgte mit aus dem Leben gegriffenen Eigenheiten für manchen Lacher und hatte als Einheimischer zu vielen Themen eine originelle Meinung. Dem Schwaben genüge ein spärlicher Wortschatz, um viel zu sagen, sinnierte Gscheidle. Zumindest dem Mann genügen täglich zehn Worte, um sich ausreichend zu artikulieren. Und es gibt die „Selle“ und die „Sellige“. Womit er bei der spontanen Übersetzung des Wortes Pädagoge angelangt war, nachdem er die Mühlener Schulleiterin in ein Gespräch verwickelt hatte. „Päda“ komme aus dem Griechischen, wie er aus seiner Schulzeit wisse – womit auch nachgewiesen wäre, dass er selbst die höhere Schule besucht hat. Nebenher rechnete er aus, wie viele Tage Lehrer pro Jahr arbeiten. Dabei war ihm kein vereinfachender Rechenweg fremd und er war sichtlich zufrieden, als die Rechnung in seinem Sinne aufging und wenigstens irgendwas herauskam. Was macht es da schon aus, dass es auch schon mal Minus-Tage waren.

Schwäbische Müllsortierung

Immer wieder bezog der Kabarettist die Gäste ins Programm ein, indem er sie wahllos aufforderte auf der Bühne oder von ihrem Platz aus mit zu agieren. Er lästerte über den ellenlangen Beipackzettel bei seinem „Allerheilsmittele“, das bei allen Wehwehchen hilft – oft schon während des Hinunterschluckens. Als Putzfrau Dolly verkleidet sortierte er den Müll, beziehungsweise ließ sich dabei helfen, nachdem er einen Sack auf der Bühne ausgeleert hatte. „Komboschd“, „Bio“, „Babier“ und „Blaschdig“ kamen in den jeweiligen Behälter, wenn Gscheidle nicht gerade der Meinung war, das eine oder andere noch gebrauchen zu können: schwäbische Müllsortierung eben.

Gscheidle ließ die Gäste auch an seinem Hobby teilhaben: dem Singen im Gesangverein. Seine Singstunden würden profihaft mit „Goscha-Gymnastik“ und „Atemübonga“ zum „Druckablassa“ beginnen. Dabei zeigte er nicht nur, wie dies gemacht wird, sondern zelebrierte dies zusammen mit dem Mühlener Feuerwehrkommandanten und der ganzen Turnhalle, bis am Ende alle gemeinsam das Volkslied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ sangen.

Das begeisterte Publikum forderte nicht unerwartet eine Zugabe. Der Künstler bedankte sich entsprechend bei allen Akteuren namentlich und bei den Rei’gschmeckte entsprechend der Herkunft. Nur die Dame aus „Kalsruh“ (schwäbisch ohne „r“ geschrieben) war ihm offensichtlich entfallen. Andererseits ein Beleg dafür, dass Alois Gscheidle ein echter Schwabe ist, denn die können halt mit ihren badischen Landsleuten nicht recht.

Kabarettist Alois Gscheidle bei der Mühlener Arbeiterwohlfahrt / 200 Besucher haben in sein
Ließ die Hosen runter: Kabarettist Alois Gscheidle in Mühlen.Bild: lpe

Warum die Awo Mühlen zum Abschluss ihres Jubiläumsjahres den Kabarettisten verpflichtet hatte, begründete der Vorsitzende und Ortsvorsteher Jochen Renk bei der Begrüßung: Am 6. Januar 1956 stieg die erste Awo-Familien- und -Altenfeier im Gasthaus Löwen. Der Beginn einer Tradition mit Theaterspiel und Tombola. Immer um den Dreikönigstag bis 1993. Anfänglich im „Löwen“ dann im „Adler“ und schließlich ab Mitte der 1960er Jahre im Gasthaus „Lamm“. Die Nachfolgeveranstaltung ist seit 1997 das Awo-Herbstfest. Ebenfalls mit Theaterspiel oder Sketchen der Hobby-Theatergruppe. „Dies schien uns eine Verpflichtung zum 60. Geburtstag zu sein“, sagte Renk.

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16.11.2015, 12:00 Uhr

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