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Kämpfen um jedes Mikrogramm
Alarm-Pause: Solche Anzeigen wird es in den nächsten sechs Monaten nicht geben. Foto: dpa
Feinstaub

Kämpfen um jedes Mikrogramm

Nach 85 Alarmtagen seit Mitte Oktober ist in Stuttgart bis Herbst erst mal wieder Ruhe. Nun geht es im Rathaus an die Auswertung der Pilotprojekte, die die Luft sauberer machen sollen.

15.04.2017
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. An diesem 15. April ist der Spuk erst mal wieder vorbei. In Stuttgart ging die Saison des Feinstaub-Alarms zu Ende. Im Sommerhalbjahr wird kein Alarm ausgelöst, weil die stärkere Sonneneinstrahlung einen besseren Luftaustausch im Kessel ermöglicht, auch wird kaum geheizt.

Erst in sechs Monaten muss in der Landeshauptstadt wieder mit Feinstaub-Alarm gerechnet werden. Dann werden Autofahrer wieder aufgerufen, die Innenstadt zu meiden. 13-mal ist das in dieser Saison seit Mitte Oktober der Fall gewesen. 85 Tage kamen zusammen, 48 entfielen aufs laufende Jahr. Allein zwischen Neujahr und Ende März wurde der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft am Neckartor mindestens 35-mal überschritten; so oft wie im gesamten Kalenderjahr erlaubt. Besonders schlimm ist es nach einer Mitteilung der Stadtverwaltung zwei Wochen lang Ende Januar gewesen – mit zum Teil 180 Mikrogramm. Der Grund war ein hartnäckiges Hochdruckgebiet.

Erfasst wird auch der Stickstoffdioxid-Gehalt der Luft. Der Grenzwert von 200 Mikrogramm wurde bislang an drei Stunden in der Hohenheimer Straße und an zwei Stunden am Neckartor überschritten. Erlaubt sind 18 Stunden im Jahr. Im Gegensatz zum Feinstaub sind auch im Sommer Überschreitungen möglich. Am Neckartor lag das Jahresmittel 2016 bei 82 Mikrogramm. Der Grenzwert liegt bei 40.

Mooswand weckt Hoffnungen

An diesem 15. April endet aber auch eine Feinstaub-Alarm-Saison, in der viel versucht wurde, um den Schmutz loszuwerden. „Wir kämpfen um jedes Mikrogramm, das runtergeht“, betonte der Oberbürgermeister Fritz Kuhn Anfang März. Kurz zuvor war das Betriebsverbot von Komfortöfen an Alarmtagen in Kraft getreten. Ein städtischer Mitarbeiter kontrolliert seither, ob sich die Bürger dran halten, arbeitet aber bislang nach dem Motto „Information vor Sanktion“. „Wir setzen auf die Gesetzestreue und die Vernunft der Stuttgarter“, sagt Stadt-Sprecher Sven Matis.

Anfang März startete zudem ein Versuch mit Kehrmaschinen, die die gröberen Vorprodukte wie Reifenabrieb aufnehmen sollen, bevor sie durch zigtausende drüberfahrende Autos zu Feinstaub zermahlen werden. Ergebnisse kündigen die Stadt und die Dekra, die die Testkoordination leitet, für Ende April, Anfang Mai an. Der Stadtklimatologe Ulrich Reuter jedenfalls hält einen positiven Effekt für denkbar. In der jüngsten Zeit hätten sich die Feinstaubwerte erheblich verbessert – wegen des Wetters und möglicherweise auch der Straßenreinigung.

Am meisten Aufsehen erregt hat die Mooswand. Nur wenige Tage nach den Kehrmaschinen wurde die bepflanzte 100-Meter-Mauer an der B 14 präsentiert. Auch von ihr erhofft man sich Linderung, denn im Labor hat sich gezeigt, dass Moos Feinstaubpartikel binden kann. Aussagen über Sinn oder Unsinn der Aktion können laut der Stadtverwaltung erst Ende des Jahres getroffen werden.

Stadt und Land investieren in den Moos-Versuch mehr als 500 000 Euro, insgesamt werden für Projekte aus dem Aktionsplan „Nachhaltige Mobilität für Stuttgart“ 20 Millionen in die Hand genommen. Grundsätzlich sieht man sich im Rathaus auf einem guten Weg. „Wir haben schon einige Erfolge vorzuweisen. Die Belastungen mit NO2 und Feinstaubpartikeln sind in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen“, sagt Matis, wohl wissend, dass die Werte nach wie vor über den gesetzlich zulässigen liegen. Von den neuen Maßnahmen erhofft man sich viel, „beides ist erfolgversprechend“.

Für Peter Erben von der Bürgerinitiative Neckartor ist das zu kurz gedacht. Zwar seien die Menschen nun fürs Thema Feinstaub sensibilisiert, man müsse die Diskussion aber aufs Thema Stickoxidbelastung ausdehnen. „Wir haben kein Feinstaubproblem, wir haben ein Smogproblem“, sagt er, daher müsse man an die Verkehrszahlen ran.

Ein schlechtes Zeugnis stellt auch der BUND aus. Die Feinstaubalarme bezeichnet der Landesverband als „Flop“, da man mit Freiwilligkeit das Mobilitätsverhalten kaum ändere. Lediglich drei bis fünf Prozent weniger Autos seien unterwegs gewesen. Stuttgart müsse „die Daumenschrauben anziehen“, also mittelfristig die Blaue Plakette einführen, die ältere Diesel-Modelle ganzjährig aussperrt.

Auch andere Kommunen sind gespannt, welchen Effekt Stuttgarts Kampf gegen den Feinstaub hat. Rathaus-Sprecher Matis: „Stuttgart steht wie kaum eine andere Stadt im Fokus.“

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15.04.2017, 06:00 Uhr

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