Empfingen · Neuorientierung

Käsespätzle im Urwald

Yvonne Heinzelmann aus Empfingen ist Beamtin, als das Leben ihre Gewissheiten infrage stellt. So schlägt sie einen ganz neuen Weg ein, wird Coach, Kinderbuchautorin, reist – und wird belohnt.

21.12.2019

Von Frank Wewoda

Auf die Spuren der Maya haben sich Yvonne Heinzelmann und ihr Sohn begeben – die Begegnungen mit Einheimischen in Belize, einem Land bei Mexiko, sind unvergesslich. Privatbilder

Auf die Spuren der Maya haben sich Yvonne Heinzelmann und ihr Sohn begeben – die Begegnungen mit Einheimischen in Belize, einem Land bei Mexiko, sind unvergesslich. Privatbilder

Yvonne Heinzelmann lief im Hamsterrad des Alltags wie so viele andere Berufstätige hierzulande. Eine Stelle als Beamtin auf Lebenszeit hatte sie bei der Stadt Sulz, mehrere Hörstürze über die Jahre ließen aber Zweifel wachsen – doch wer würde schon je eine Beamtenstelle aufgeben, zumal als Mutter mit einem Kind? „Ich habe ja meine Richtung nie geändert“, meint die studierte kommunale Verwaltungsexpertin, heute. Immer weniger fühlte sie sich in ihrem alten Leben zu Hause, die Entfremdung verlief schleichend. Innerlich hatte sie sich immer weiter von sich entfernt, ohne es je bewusst wahrzunehmen.

„Mein Umfeld fand es ein gutes Leben, ich hab das ungefiltert übernommen“, erklärt die 33-Jährige sich ihren beruflichen Werdegang heute, der sie – „geradlinig“, wie sie sagt – auf die Hochschule für Verwaltung nach Ludwigsburg und dann auf eine Stelle mit Führungsverantwortung in der Sulzer Stadtverwaltung brachte. Die Geradlinigkeit sei das, was ihr die Eltern mitgegeben hätten, meint sie ohne Groll, blickt in die Ferne. Dann erlebte sie zwei Einschnitte in ihrem Alltag: Mit der Gesundheit ging es schlagartig bergab durch einen Burnout – vor eineinhalb Jahren trennten sich zudem die Wege von ihr und ihrem Mann. Da hat sich die Frage immer klarer herauskristallisiert: „Was will ich eigentlich von meinem Leben?“ Und Yvonne Heinzelmann fand Antworten darauf.

Die Hürden waren jedoch hoch: „Ich musste mich selbst aus dem Beamtenverhältnis entlassen“, berichtet sie, schluckt, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Da gab es eine sehr schöne Entlassungsurkunde“, meint sie mit einiger Selbstironie. Es ist ihr wichtig zu betonen, sehr dankbar für die Erfahrungen zu sein, die sie bei der Sulzer Stadtverwaltung gesammelt hat. Trotzdem stand ihr Entschluss fest, nachdem sie sich von den Auswirkungen eines körperlichen und seelischen Zusammenbruchs erholt hatte: „Es war dann alles sehr klar“, erinnert sich Yvonne Heinzelmann. Finanziell den Rücken frei hatte sie dank eines relativ neu gebauten Hauses. „Ich bin sicherheitsliebend“, stellt sie klar, ins finanziell Bodenlose wäre sie nicht gesprungen, zumal mit einem kleinen Kind. „Ich hätte das alles nicht ohne Ersparnisse machen können“, meint sie.

Nicht warten bis zum Hörsturz

„Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten“, so Heinzelmann. Die Themen Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgestaltung hätten sie nicht mehr losgelassen – „da habe ich mir viel Wissen angeeignet, das ich gerne an andere weitergeben wollte“, so die Empfingerin. „Andere sollen nicht warten, bis der Hörsturz kommt“, findet sie.

Nach Erfahrungen mit psychotherapeutischen Gesprächen in der Reha, mit denen sie wenig anfangen konnte, wollte sie anderen selbst zur Seite stehen und suchte eine qualifizierte Coachingausbildung. Sie schildert ihre Ängste: „Ich wollte auf keinen Fall an ein schwarzes Schaf der Branche geraten!“ Sich im Dschungel der Angebote zurechtzufinden, ist gar nicht so einfach (siehe Kasten rechts). Doch in Berlin fand sie eine Coachingausbildung, die sie überzeugte: „Life Coaching“ vermittelt die „Dr. Bock“-Akademie in einer einjährigen Ausbildung als Kombination aus Blockunterricht und Seminaren vor Ort sowie Fernstudium, „sehr praxisorientiert ist das alles“. Keine blinde Mischung aus Beratung und Coaching sei es, sondern ein klar strukturierter, wissenschaftlich fundierter Ansatz. „Mein Vater würde sagen: Das hat Hand und Fuß“, meint sie, lacht.

Doch regelmäßig packt sie nun auch das Fernweh – mit dem Vater von Louis wollte sie ursprünglich schon viel reisen. Nun suchte sie erst nach Gleichgesinnten im Internet, die ebenfalls mit Kind mitreisen würden, traf aber nur auf Interesse an gemeinsamen Pauschalurlauben. „Ich bin schon immer gerne gereist, wenn auch vorher ohne Rucksack und ohne Einheimischen zu begegnen.“ Nun nahm sie all ihren Mut zusammen, bestärkt auch durch einen Reise-Podcast – einer Art Hörtagebuch einer anderen Mutter, die allein mit ihrem Kind reist. Sie flog mit Louis erst nach Sansibar, dann nach Belize, einem Staat bei Mexiko – und wurde reich belohnt. In Belize buchte sie Unterkünfte über das Internet bei „Air B‘n‘B“, kam so schnell mit Einheimischen in Kontakt. Am Strand lernte sie Abigaile kennen – eine Majafrau mit Sohn. Mütter und Kinder freundeten sich an, bald lud Abigaile ihre deutsche Reisebekanntschaft zu ihren Verwandten in den Urwald ein, die nächste Siedlung hieß Big Falls, benannt nach den dortigen Wasserfällen.

Gastfreundschaft überwältigt

Die Anreise geriet zur abenteuerlichen Tour in einem kleinen Boot und einem öffentlichen Bus. Gut angekommen im Urwald, durften die Empfinger im Ehebett der Familie schlafen, das die Belizianerin und ihr Mann für die Deutschen räumten und auf eine Matratze im Flur umzogen. „Die Gastfreundschaft war unglaublich, das hat mich wahnsinnig beeindruckt.“

Abigaile habe sie gerade zweimal gesehen, lud sie dann schon in das Heim ihrer Familie in den Urwald ein, wo es nur ein Plumpsklo, aber immerhin fließendes Wasser zum Duschen gab. Die Empfingerin bereitet Käsespätzle für ihre Gastgeber zu, die am offenen Feuer kochen. Ihren Wagemut und ihre neu gewonnene Lust am Entdecken und am Neubeginn haben Yvonne Heinzelmanns und Louis’ Leben so dauerhaft zum verändert – zum Besseren.

Aus ihrem Leben als Beamtin brach Yvonne Heinzelmann aus, unter anderem ausgesundheitlichen Gründen. Sie und ihr Sohn Louis, drei Jahre alt, reisen heute um die Welt, so oft es der Geldbeutel, ihr Job, die Lust und die Bedürfnisse beider zulassen.

Aus ihrem Leben als Beamtin brach Yvonne Heinzelmann aus, unter anderem aus
gesundheitlichen Gründen. Sie und ihr Sohn Louis, drei Jahre alt, reisen heute um die Welt, so oft es der Geldbeutel, ihr Job, die Lust und die Bedürfnisse beider zulassen.

Yvonne Heinzelmann hat mit ihrem Sohn Louis als Inspiration und Helfer ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht– der Dreijährige steuerte farbenfrohe Collagen als Hintergrund und Kulisse mit Fingerfarben bei. Das Werk heißt „Lachdrache Louis –Das Zauberwort“. Bild: Frank Wewoda

Yvonne Heinzelmann hat mit ihrem Sohn Louis als Inspiration und Helfer ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht– der Dreijährige steuerte farbenfrohe Collagen als Hintergrund und Kulisse mit Fingerfarben bei. Das Werk heißt „Lachdrache Louis –Das Zauberwort“. Bild: Frank Wewoda

Coaching und Coaches als Begleiter für Entwicklung:
Geschichte und Hintergrund in Deutschland

Die gezielte Weiterentwicklung und die Unterstützung von Menschen dabei, ihre Fähigkeiten zu erweitern, Einstellungen und schließlich das Verhalten zu ändern, ist im beruflichen wie im persönlichen Bereich in den westlichen Industrieländern, ausgehend von des USA, heute stark gefragt. Seit etwa 30 Jahren arbeiten Coaches im deutschsprachigen Raum als Begleiter für Entwicklung. Sie fördern bei ihren Kunden ergebnisorientierte Reflexionen mit dem Ziel bewusster Selbstentwicklung. Seit etwa 1990 ist im deutschsprachigen Raum ein weit gefächerter, kaum überschaubarer Markt verschiedenster Aus- und Weiterbildungen entstanden, bei denen Coaches ausgebildet werden. Verbände und Organisationen, die sich mit Standards und Qualität der Ausbildung beschäftigen, sind unter anderem: die Deutsche Gesellschaft für Coaching (DGfC),der Deutsche Bundesverband Coaching (DBVC), die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv), Deutsche Verband für Coaching und Training (dv ct) und die Systemische Gesellschaft – Deutscher Verband für

systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung.

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Erstellt:
21.12.2019, 01:00 Uhr
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zuletzt aktualisiert: 21.12.2019, 01:00 Uhr

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