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Kampf für die eigene Kultur
Fotos, Bücher, Schriftstücke: Alexander Flügler versucht die Erinnerungen an die Geschichte der Jenischen aufrecht zu erhalten am liebsten in einem Kulturzentrum in Singen. Foto: dpa
Minderheit

Kampf für die eigene Kultur

Sie waren ursprünglich ein Fahrendes Volk, viele von ihnen sind allerdings mittlerweile sesshaft geworden: die Jenischen. Viele von ihnen leben in Singen, wo sie nun ein Gemeindezentrum bauen wollen.

09.01.2017
  • DPA

Singen. Wer Alexander Flügler besucht, merkt sofort: Dem Mann sind Familie und Herkunft wichtig. Die Wände des Büros im Keller seines großen Wohnhauses sind übervoll mit Fotos. Flügler mit seiner Frau, Flügler mit seinen Kindern, Verwandte hier, Freunde dort, alte Menschen, junge Menschen, große und kleine lachen von der Wand. Und wenn man den Inhaber einer Reinigungsfirma aus Singen (Kreis Konstanz) fragt, wer er ist, sagt er erst mal: „Ein Jenischer.“ Und danach: „Ein Singener und ein Unternehmer.“

Die Antwort ist aus Flüglers Sicht nicht selbstverständlich: Viele Angehörige der Jenischen outeten sich nicht, sagt der 59-Jährige. Sie hätten Angst vor Benachteiligung: „Das merkst Du geschäftlich und privat.“ Denn die Jenischen seien nicht nur in der Vergangenheit immer wieder ausgegrenzt und diskriminiert worden – auch heute noch gebe es Vorurteile und Misstrauen. Er erlebe das selbst, sagt Flügler, der sich nach eigenen Angaben vom Fensterputzer zum Unternehmer hochgearbeitet hat und inzwischen in einer Art Villa wohnt. „Bei mir heißt es auch: Wie kann ein Jenischer so ein Haus haben? Ich sage dann: Um fünf Uhr aufstehen und schaffen bis um acht.“

In der Schweiz anerkannt

Doch wer die Jenischen sind, ist nicht leicht zu beantworten. Die wissenschaftliche Deutung sei schwierig, sagt die Ethnologin Anna Lipphardt von der Uni Freiburg. So seien die Jenischen etwa in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt, in Deutschland aber nicht. Wie viele Jenische heute noch hier leben – auch dazu gibt nur Schätzungen. Die Bundesregierung spricht laut Flügler von 8000 Menschen, er geht von deutlich mehr aus.

Auch über die Herkunft gibt es viele Theorien. Was man weiß: Die Jenischen waren ursprünglich ein Fahrendes Volk. Das spüre man heute noch, sagt Flügler. „Der Jenische will seine Freiheit.“ Früher waren sie oft Korbmacher oder Scherenschleifer. Berufe, die fast ausgestorben sind. Inzwischen seien viele Jenische sesshaft geworden – und ihre Geschichte und Herkunft den meisten gar nicht mehr bekannt.

Dagegen will Alexander Flügler etwas unternehmen: Gemeinsam mit einem Förderverein will er ein eigenes Kulturzentrum in Singen errichten. Denn in der kleinen Stadt mit knapp 47 000 Einwohnern leben zahlreiche Mitglieder der Gruppe. Und nicht immer klappt das Zusammenleben mit anderen gut. „Der Jenische tut sich schwer, sich an die Gesellschaft anzupassen.“

Das kennt auch Ursula Garz. Die Leiterin einer Singener Förderschule hat bereits viele jenische Kinder unterrichtet. Derzeit liege ihr Anteil und derer der Sinti bei 25 Prozent. Viele Familien hätten das Reisen längst aufgegeben und lebten vom Jobcenter, sagt Garz. Trotzdem fehlten die Kinder in der Schule, machten oft keine Hausaufgaben und hätten generell Schwierigkeiten, sich im Klassengefüge zu behaupten.

Fest als Chance

Die Idee des Kulturzentrums untersützt die Direktorin, die sich mit Flügler im Förderverein engagiert: Durch die Begegnung mit anderen Familien könnten die Kinder neue Wege kennenlernen - und merken, dass nicht alle Jenische von Hartz IV lebten. Das ist auch Teil von Flüglers Motivation: „Wir brauchen jenische Vorbilder.“ Zugleich will er Ausstellungen in dem Zentrum organisieren, Beratungen anbieten, die jenische Sprache vermitteln, Workshops auf die Beine stellen und beispielsweise Musikveranstaltungen möglich machen.

Im Singener Rathaus bleibt man bei den Plänen verhalten: Ein früheres Konzept wurde vom Gemeinderat verworfen, weil es zum einen zu weit außerhalb der Stadt lag, zum anderen störten sich die Räte an der Idee von zehn Wohneinheiten für Familien aus der Gruppe der Jenischen und der Sinti als festen Bestandteil des Projekts. Es bedürfe einer Neujustierung der verschiedenen Bausteine, sagt ein Stadtsprecher. „Diesen Prozess wird die Stadt Singen, wie in den vergangenen Jahren, konstruktiv begleiten.“

Im Mai plant der Förderverein ein jenisches Kulturfest in der Stadt. Wenn das gut laufe, stiegen auch die Chancen für ein Kulturzentrum, sagt Flügler. Das sieht auch die Stadt so: Der Verein könne das Fest nutzen, um „den Gesprächsfaden zu den Mitgliedern des Gemeinderates wieder aufzunehmen und für ein gemeinsames Beschreiten des Weges zur Realisierung einer Stätte der jenischen Kulturvermittlung zu werben“. Kathrin Drinkuth, dpa

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09.01.2017, 06:00 Uhr

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