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Tübinger Anwaltskammer erinnert zum Jubiläum an verfolgte jüdische Kollegen

Kanzlei in der Uhlandstraße

Am 11. Dezember 1946 gründete sich die Tübinger Rechtsanwaltskammer und wählte den späteren Staatspräsidenten von Württemberg-Hohenzollern, Lorenz Bock, zum Vorsitzenden. 65 Jahre später, am kommenden Montag, ehrt sie verfolgte jüdische Kollegen aus der Uhlandstraße.

10.12.2011

Tübingen.Es war eine bittere, aber noch nicht die bitterste Stunde im Leben des Tübinger Rechtsanwalts Simon Hayum. Denn die Änderung, die der 66-Jährige in der Nacht vom 31. August auf den 1. September 1933 an seinem Haus in der Uhlandstraße 15 vornehmen musste, war tiefgreifend. „Schweren Herzens“, schreibt er in seinen Memoiren, entfernte er an der Fassade und im Hausflur die Geschäftstafeln seiner Kanzlei. "Rechtsanwälte Doktores Hayum I, Katz und Hayum II“, war dort angezeigt.

In den 41 Jahren seiner Tübinger Anwaltstätigkeit hatte der Senior seine Kanzlei zur größten in der Stadt ausgebaut. Nach verschiedenen anderen Partnern hatte er 1913 seinen Neffen Julius Katz als Sozius aufgenommen, 1929 zusätzlich noch seinen Sohn Heinrich.

Simon Hayum war erfolgreicher Geschäftsmann und engagierte sich ein knappes Vierteljahrhundert als sozialliberaler Kommunalpolitiker: in der Kaiserzeit in der Demokratischen Volkspartei (DVP) und in der Weimarer Zeit in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).

Noch unmittelbar bevor die Nazis am 30. Januar 1933 die Macht im Staat übernahmen, sah man Hayum als DDP-Fraktionsvorsitzenden im Tübinger Gemeinderat. Und nicht zuletzt wirkte er als Repräsentant überregionaler jüdischer Organisationen, bis 1935 als Präsident der israelitischen Landesversammlung Württembergs.

Für Tübingen bewusst entschieden

Geboren 1867 in Hechingen, sechstes Kind einer in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie, hatte Simon Hayum in Berlin, Tübingen, Leipzig und wieder in Tübingen Jura studiert, nach den beiden Staatsexamen und der Promotion 1892 an der Ecke der Kirchgasse/Kronenstraße seine erste Kanzlei eröffnet.

Für Tübingen hatte er sich ganz bewusst entschieden, denn er wollte schnellstmöglich unabhängig sein und war davon überzeugt, dies an einem relativ kleinen Landgericht leichter und obendrein früher erreichen zu können. Tübingen hatte damals rund 20.000 weit überwiegend evangelische Einwohner. Sieben Anwälte praktizierten damals in der Stadt, Hayum zählte bald zu den profiliertesten.

1899 übernahm er, nach einem Interim in der Wilhelmstraße, von seinem jüdischen Kollegen Ludwig Kiefe die Kanzleiräume in der Uhlandstraße 15. Kiefe war mit einer Schwester seiner Schwiegermutter verheiratet und trat in den Ruhestand.

Vielleicht wäre unter anderen politischen Verhältnissen auch Simon Hayums Tochter Dorothee in die Kanzlei eingetreten, die 1935 noch promovieren, aber kein juristisches Staatsexamen ablegen durfte.

Am 29. Mai 1933 traf bei Familie Hayum die Nachricht ein, dass Sohn Heinrich als Folge des „Reichsgesetzes über die Zulassung von Rechtsanwälten“ zum 1. September 1933 aus der Anwaltschaft ausgeschlossen werde. Dank der persönlichen Fürsprache des Tübinger Landgerichtspräsidenten Landerer ließ das württembergische Justizministerium am 14. April 1934 mitteilen, dass Heinrich Hayum unter der Voraussetzung wieder als Anwalt zugelassen werde, dass sein Vater alsbald seine Tätigkeit einstelle.

Noch am selben Tag erklärte Simon Hayum seinen Verzicht.

Vertretung übernahm Erich Dessauer

Die verbliebenen jüdischen Anwälte konnten nur noch unter entwürdigenden Umstände ihren Beruf ausüben. Julius Katz ertrug die Situation bis zum 1. Oktober 1935, dann schied er aus der Kanzlei aus und emigrierte in die Schweiz.

Dem verbliebenen Heinrich Hayum gelang es, vorübergehend im Berliner Bankhaus eines Verwandten unterzukommen. Seinem Antrag vom Januar 1936, für die Zeit der Abwesenheit einen Stellvertreter beschäftigen zu dürfen, wurde mit der Einschränkung entsprochen, dass es sich um keinen bereits entlassenen Anwalt oder Richter handeln dürfe, sehr wohl aber um einen in Stuttgart ansässigen, noch praktizierenden jüdischen Anwalt.

Diese Vertretung übernahm fortan Erich Dessauer, ein gebürtiger Tübinger. Als Sohn des Optikers Dessauer war er in der Uhlandstraße aufgewachsen, hatte an der Eberhard-Karls-Universität studiert und promoviert und dann in Cannstatt eine Kanzlei eröffnet, in der er zwei Kollegen aufnahm. Er wurde gezwungen aufzugeben, und konnte in Tübingen die Vertretung übernehmen bis zum 5. September 1938, dem Tag, als Heinrich Hayum seinen Wohnsitz in Tübingen auflöste und nach Seattle/USA emigrierte.

Simon Hayum flüchtete im Februar 1939 mit seiner Frau in die Schweiz und fand 1941 in den USA den endgültigen Wohnsitz. Erich Dessauer wurde nach der Pogromnacht 1938 erstmals verhaftet, ein weiteres Mal 1941. Dennoch hatte sich der Rechtsanwalt nicht zur Emigration durchringen können.

Im Juni 1943 wurde er ins KZ Theresienstadt, von dort 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.

Info: Die Tübinger Rechtsanwaltskammer wird am Montag, 12. Dezember, um 11 Uhr am Gebäude der Uhlandstraße 15 eine Gedenktafel enthüllen, die an die ehemalige Kanzlei und die jüdischen Kollegen erinnern soll.

Kanzlei in der Uhlandstraße
Das Haus rechts, letztes Gebäude vor dem Anlagenpark, beherbergte bis 1938 die Anwaltskanzlei Hayum. Heute residiert darin das Staatliche Schulamt.

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10.12.2011, 12:00 Uhr

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