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Die Forsteinheit ist futsch

Kartellverfahren zwingt auch Verwaltung im Kreis zu Reformen

Förster wie bisher, die für ihr ganzes Revier zuständig sind, wird es ab dem Jahr 2017 nicht mehr geben. Wie genau die neue Forstwelt aussieht, ist erst in Umrissen zu erkennen. Landrat Joachim Walter rechnet mit steigenden Kosten – für Privatpersonen wie Kommunen.

01.12.2014
  • Mario Beisswenger

Kreis Tübingen. Bislang hatten Förster klare Prioritäten. Erst kam die Rolle des Waldes im Naturhaushalt, dann die Erholung, dann die Wirtschaftlichkeit. Das war offizielles Mantra, und auch bei jeder Waldbilanz erklärten das die Grüngewandeten im Gemeinderat. Grundlage dafür war eine einheitliche Forstverwaltung, die ihre Hand drauf hatte über alle Aktivitäten im Wald. Ansprechpartner für Aufgaben von Waldpädagogik bis Brennholzverkauf war der Revierförster.

Rottenburg als Vorbild nach Berliner Korrektur

Diese Forsteinheit ist wegen der Folgen eines Kartellverfahrens futsch (siehe Info-Kasten). Das baden-württembergische Einheitsforstamt wird bis 2017 verschwinden. Wie die Arbeit in Forstverwaltung und im Wald künftig aussieht, wird neu sortiert.

Seit der letzten Verwaltungsreform kümmert sich der Kreis um den Wald, egal ob im Besitz des Landes oder der Gemeinden. Auch die großen adligen Forstbesitzer schlossen sich der Regie an. Zumindest der Staatsforst, im Kreis etwa 7000 von 20.000 Hektar, muss nun auf jeden Fall eine eigene Vermarktung aufbauen.

Wie die Forstleute mit ihrer bisherigen Zuständigkeit auch für den Staatsforst auseinanderdividiert werden, kann beim Kreis noch niemand beantworten. Dagegen hat Landrat Joachim Walter schon ein klares Wunschbild, wie es mit dem Kreisforstamt weitergeht.

Möglichst viel soll bis auf die Ausgliederung der Staatsförster beim Alten bleiben. Sicher ist schon mal, dass die Kreisförster auf den einheitlichen Vollzug der Forsteinrichtung schauen, also der auf zehn Jahre angelegten nachhaltigen Wirtschaftsplanung.

Wie das gehen soll, ohne dass die Kreisförster auch weiterhin die Bäume aussuchen, die zu fällen sind, ist offen. Unklar ist auch, wie die bisher hoch gehängten ökologischen Vorgaben wie der Erhalt von alten und absterbenden Bäumen für seltene Tiere vom Juchtenkäfer bis zum Großen Abendsegler eingelöst werden.

In Berlin setzt sich der Tübinger Landrat Joachim Walter als Präsident des Landkreistages dafür ein, dass die Große Koalition das Bundeswaldgesetz so ändert, dass mit dem Auszeichnen der zum Fällen bestimmten Bäume ökologisches Augenmerk hoheitliche Aufgabe bleibt. Walter ist im Kontakt mit Entscheidungsträgern aus der CDU-Fraktion. „Was das Waldgesetz angeht, bin ich optimistisch.“

Vielleicht könnte die Stadt Rottenburg Vorbild sein für die zukünftige Arbeit beim Forst. Weil der Stadt mehr als 3000 Hektar Wald gehören, fällt sie schon seit 2007 unter eine Regelung, dass sie ihr Holz selbst vermarkten muss. Das macht ein städtischer Angestellter mit Energieholz und mit Eichen. Das im Kartellverfahren ursprünglich im Mittelpunkt stehende Rundholz von Fichten und Tannen übernimmt ein Beauftragter.

Die Arbeiten vor der Vermarktung übernimmt das Kreisforstamt. „Damit sind wir super zufrieden“, sagt Volker Derbogen, der zuständige Erste Bürgermeister von Rottenburg. Wenn aber die Zukunft so aussieht, dass nur noch die Grundsätze der Betriebsführung bei den Kreisförstern bleiben, müsse sich Rottenburg neu aufstellen.

„Billiger wird das nicht.“ Davon geht Landrat Walter aus. In einem Verfahren, vom Kartellamt gleich mitbearbeitet, geht es nämlich um die Gebühren, die Amtsförster verrechnet haben. Die seien nicht kostendeckend, müssen es in Zukunft aber sein, so das Amtsverdikt. Was da an Kosten auf die Gemeinden zukommt, kalkulieren gerade die Verwaltungen.

Die hochgelobte Arbeit wird teurer werden

Roland Schindler sieht eher Chancen im neu aufgestellten Forst. Zusammenschlüsse von Gemeinden oder Mikrovermarktung sind Stichworte des Dußlinger Forstingenieurs, der auch das Rottenburger Rundholz vermarktet.

Jürgen Ruoff, Sägewerker in Dußlingen, sieht für sich dagegen keine Vorteile durch die marktkonforme Zurichtung der Forstverwaltung. „So geschickt wie bisher kommen wir nicht mehr an Holz.“ Große Sägewerker könnten sich strategische Einkäufer leisten, die mit einer Vielzahl von Anbietern verhandeln. Für die könnte es billiger werden, für ihn eher nicht: „Nein, das glaube ich nicht.“

Kartellverfahren zwingt auch Verwaltung im Kreis zu Reformen
Bislang gab es einen Förster, der einem den Wald erklärte und bewirtschaftete etwa Götz Graf Bülow (links) oder Alexander Köberle. In Zukunft werden sie wohl nicht mehr in einem einheitlichen Forstamt arbeiten. Das steht schon mal fest. Wie sie sich ihre Arbeit in Zukunft aufteilen, noch nicht.

  • In einer Tagblatt-Serie verfolgten wir die Arbeit der Förster beim Kreis. Das Einheitsforstamt übernahm für alle Waldbesitzer vom (adligen) Privatwald, über die Kommunen bis zum Staatswald etwa im Schönbuch alle Arbeiten bis zum Holzverkauf. Die ökologische Funktion des Waldes stand im Vordergrund.
  • >Nach einer Klage von Sägereien beim Bundeskartellamt wird diese Struktur nun zerschlagen. Recht sicher ist, dass der Staatswald eigenständig geführt werden muss. Nach jetzigem Stand dürfen hoheitliche Förster von 2017 an nur noch auf die nachhaltige Bewirtschaftung achten. Möglicherweise wird das Bundeswaldgesetz noch so geändert, dass auch die Baumauswahl nach ökologischer Rolle wieder hoheitlich wird.
  • >Das Kartellamt verpflichtet die Forstverwaltung auch, ihre Dienstleistungen gebührendeckend zu kalkulieren. Damit wird es für Kommunen und Private teurer.

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01.12.2014, 12:00 Uhr

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