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Festspiele

Kartentricks am Bodensee

Die Bregenzer feiern Richtfest und spielen schon ein paar Trümpfe aus: Die Britin Es Devlin hat die Seebühne für die Oper „Carmen“ gestaltet.

27.04.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Bregenz. Es schüttet wie aus Kübeln an diesem Dienstagabend. Aber Michael Diem, der Kaufmännische Direktor, lacht trotzdem. Keine Premiere fällt aus, die Bregenzer Festspiele feiern zunächst mal das Richtfest auf der Seebühne – und der Vorverkauf läuft so gut wie nie. Für die „Carmen“ sind zwei Drittel der rund 200 000 Tickets in 28 Vorstellungen bereits weg. Kolossal. Kartentricks werden dann auch Regisseur Kasper Holten und Bühnenbildnerin Es Devlin zeigen.

Mit dem Bodensee verbindet man eher Felchen statt Stiere. Und die trockene andalusische Hitze? Auf die hoffen die Festspiele im Sommer zumindest. Wie passt nun Georges Bizets Liebesdrama um die verführerische Fabrikarbeiterin Carmen, den ihr so eifersüchtig ausgelieferten Soldaten José und den großspurigen Torero Escamillo aufs Wasser? Zwei Hände ragen daraus hervor, zwischen den Fingern der linken Hand steckt lässig eine Zigarette – also wir reden von einer 21 Meter hohen Hand, die 24 Tonnen wiegt; und die rechte ist 30 Meter von der linken entfernt. Zwischen den Händen wirbeln Spielkarten durch die Luft – wobei eine Karte 7 mal 4,30 Meter misst.

Schicksal also. Im dritten Akt der Oper, in den Bergen um Sevilla, legen die schmuggelnden Zigeuner die Karten. „Carreau! Piquet! – Der Tod!“, für Carmen bedeutet der Blick in die Zukunft nichts Gutes. Und sie kennt sich aus: „Vergebens mische sie; so oft du fragst, du wirst die gleiche Antwort finden.“ Vielleicht hat aber auch eine Riesin mit rotlackierten Fingernägeln den Fächertrick probiert, den rasanten Wechsel der Spielkarten von einer in die andere Hand – jedenfalls ist er misslungen, einige Karten liegen auf dem Boden. 59 Karten sind im Spiel, jede 30 Quadratmeter groß und 2,5 Tonnen schwer. Das sind die Maßstäbe in Bregenz für einen Opernschauplatz. Und man kann ihn schon jetzt, als Tourist, bestaunen. Da geht nicht einfach bei der Premiere am 19. Juli der Vorhang hoch, die Seebühnen-Baustelle ist eine öffentliche Attraktion.

„Es ist der Traum jedes Bühnenbildners, hier zu arbeiten“, sagt Es Devlin. Die Britin hat Opern an der New Yorker Met und Covent Garden in London designt, aber auch Shows für Lady Gaga, Adele und Beyoncé entworfen. Ob Modeschauen für Louis Vuitton oder Zeremonien von Olympischen Spielen: Devlin liebt die spektakuläre Optik.

Sie sei aber geradezu ein „Bregenz-Junkie“, habe alle Opern auf Video gesehen. Nicht nur sie. Sie erzählt vom Rapper-Star Kanye West, der ihr ein Foto von „Andrea Chénier“ (2011) gezeigt habe, mit dem riesenhaften Kopf des erdolchten Revolutionärs Marat: So eine tolle Bühne wolle er auch. Opernkunst meets Popkultur.

„Alles, was ein Bühnenbildner normalerweise macht, wird nach der Show eingepackt, in eine Box gesteckt, verbrannt, recycelt oder abgerissen. Hier ist es ein Stück Architektur, denn es muss Wind und Regen für zwei Jahre standhalten.“ Dass Bregenz der Traum eines Bühnenbildners ist, hat vielleicht auch mit dem Budget zu tun: Fast sieben Millionen Euro geben die Festspiele für die Kulisse aus. Da muss dann auch geliefert werden. Lange habe sie mit Regisseur Kasper Holten nach einer Idee gesucht, aber unter Souvenirs aus Andalusien hätten sich auch Spielkarten befunden . . .

So spektakulär sieht die surreale Kartenspiel-Szenerie zunächst nicht aus. Kein Vergleich mit dem Knochenmann für den „Maskenball“, dem „La Bohème“- Bistro oder dem „Tosca“-Auge. Noch wollen die Bregenzer nichts verraten, man muss aber keine Karten legen, um das Schicksal dieser „Carmen“-Inszenierung zu befragen. Da wird technisch viel passieren, und Es Devlin sagt schon mal, dass Videoprojektionen in Bregenz leider bislang keine große Rolle spielten.

Spät war die Britin vom Flughafen zum Richtfest gekommen, jetzt aber hält sie es vor Neugier nicht mehr aus und will endlich ihre Seebühne sehen. Obwohl es wolkenbruchartig regnet.

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27.04.2017, 06:00 Uhr

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