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Ein Fest für die exemplarischen Menschen

Katholiken feiern Allerseelen schon an Allerheiligen

An Allerheiligen, dem 1. November, gedenkt die katholische Kirche aller Heiligen. Tags darauf, an Allerseelen, gedenken die Gläubigen all derer, die gestorben sind. Obwohl beide Feiertage eng miteinander verwoben sind, sind es doch zwei getrennte christliche Feste. Allerheiligen wurde ursprünglich nicht im trüben November gefeiert, sondern im Frühjahr, am 13. Mai.

01.11.2012
  • Hete Henning

Rottenburg. Dass die Gläubigen bereits am Nachmittag von Allerheiligen auf den Friedhof zu den Gräbern ihrer Verstorbenen gehen, hat laut Diözesankonservator und St. Moriz-Diakon Wolfgang Urban einen einfachen Grund: Während Allerheiligen in Baden-Württemberg, einigen anderen Bundesländern und vielen europäischen Staaten ein gesetzlicher Feiertag ist, an dem öffentliche Tanzunterhaltungen von 3 bis 24 Uhr verboten sind, ist Allerseelen ein normaler Arbeitstag. Seit Jahrzehnten, so Urban, sei Allerheiligen deshalb in katholisch geprägten Gegenden der klassische Tag für Friedhofsbesuche: Vormittags wird in den Gottesdiensten der offiziellen sowie der unbekannten Heiligen gedacht, nachmittags geht es dann an die Gräber. Lutheraner gedenken ihrer Toten am Totensonntag, der dieses Jahr am 25. November ist.

Allerheiligen war einst ein Frühlingsfest

Katholiken feiern Allerseelen schon an Allerheiligen
Das um 1492 entstandene Gemälde des Augsburger Malers Thomas Burgkmair im Diözesanmuseum zeigt drei Heilige: Links Odilia von Hohenburg, die blind zur Welt kam und durch die Taufe sehend wurde. Der Zirkel in ihrer Hand weist sie als Wissenschaftlerin aus. In der Mitte Maria Magdalena, die Jüngerin Jesu, rechts eine jungfräuliche Märtyrerin.

Dabei sind Allerheiligen und Allerseelen zwei getrennte christliche Feste. Der Ursprung von Allerheiligen liegt im Jahr 609 oder 610: Damals, am 13. Mai, weihte Papst Bonifatius IV., das Pantheon in Rom, das zuvor ein Tempel für alle römischen Götter war, der Jungfrau Maria und allen Märtyrern. Dieses Kirchweih-Fest wurde fortan jährlich am Freitag nach Ostern gefeiert. Die Verlegung von Allerheiligen auf den 1. November war, wie Urban erläutert, eine Idee irischer und englischer Geistlicher im 8. Jahrhundert, die 835 von Papst Gregor IV. für die gesamte Westkirche übernommen wurde: Der 1. November war der Beginn des keltischen Jahres und zugleich Winterbeginn. Auf Englisch heißt Allerheiligen „All Hallows“, und der Vorabend, der 31. Oktober, heißt „All Hallows Eve“. Dieser Begriff wurde im Laufe der Zeit zu „Halloween“ verschliffen.

Mit Tristesse hat der Feiertag nichts zu tun

Mit November-Tristesse hat Allerheiligen wenig zu tun, im Gegenteil, sagt Diakon Urban begeistert: „Da wird eine Freudenpredigt gehalten, das hat nichts mit Tod zu tun, sondern mit der ewigen Freude. Da gehen wir ran, mit 20 Ministranten, Fahnen und dem Rauchfass und feierlichem Singen des Evangeliums.“ Bis zu drei Gottesdienste gab es an diesem Tag einst in der St. Morizkirche, die über einen eigenen Allerheiligenaltar verfügt, eine Früh-, eine Haupt- und eine Spätmesse, und die Kirche war laut Urban immer voll. Übrig geblieben ist davon noch ein Gottesdienst um 10 Uhr.

Zu den Rottenburger Spezial-Heiligen, die am 1. November gefeiert werden, gehört der heilige Meinrad, der Ende des achten Jahrhunderts im Sülchgau geboren wurde, später als Mönch und Priester im Inselkloster Reichenau wirkte und sich laut Helmut Hinkels Heiligenkalender schließlich als Einsiedler in den „Finstern Wald“ zurückzog. Dort fiel er Räubern zum Opfer, die ihn ermordeten, der Legende nach aber von zwei Raben verraten wurden.

Doch nicht nur die offiziellen Heiligen, sondern gerade auch die heimlichen, die unbekannten Heiligen stehen im Zentrum des Feiertags. Urban spricht von jenen, „die in ihrem Lebensbereich das Leben lebenswert machen“, die von sich selbst absehen und für andere da sind: Altenpflegerinnen zum Beispiel, Soldaten, die im Erschießungskommando den Befehl verweigern und selbst ihr Leben riskieren, oder Greenpeace-Leute, die sich vor die Walfänger werfen. „Der Heilige“, sagt Urban, „ist der exemplarische Mensch.“

Darf ein Priester an Allerheiligen zwei Heilige Messen lesen, dürfen es an Allerseelen sogar drei sein. Schließlich geht es nach katholischen Glauben darum, den Seelen der Verstorbenen im Fegefeuer Erleichterung zu verschaffen. Wobei es, wie Wolfgang Urban scherzhaft erläutert, im Fegefeuer „eigentlich schön“ ist, denn wer als nicht vollkommener Mensch nach dem Tod dort gelandet ist, kann sicher davon ausgehen, dass er nach seiner Läuterung am Jüngsten Tag in den Himmel kommt – oder vielleicht schon vorher ins Paradies, das ebenso wie das Fegefeuer „eine Durchgangsstation“ auf dem Weg in den Himmel ist. Anders die Hölle: Dort enden, so Urban, „die ganz Verworfenen“, die, die ohne Reue für ihre Sünden sterben.

Rosenkränze wie Rettungsringe

Katholiken feiern Allerseelen schon an Allerheiligen
Altartafel Fegefeuer, unbekannter Künstler, Oberschwaben, um 1510, Diözesanmuseum Rottenburg.

Einen Einblick ins Fegefeuer bietet eine Altartafel von etwa 1510 im Diözesanmuseum in Rottenburg: Das Werk eines unbekannten oberschwäbischen Künstlers zeigt von Flammen umzüngelte Männer und Frauen und auch einen Bischof. Von oben schweben drei Engel herunter und bringen, so der Diözesankonservator, „Rosenkränze wie Rettungsringe“ zur Läuterung der amen Seelen.

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01.11.2012, 12:00 Uhr

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