Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Eine große Tübinger Unbekannte

Katzmann-Verlag publiziert wieder Lilli Zapfs „Die Tübinger Juden“

Verleger Volker Katzmann entschloss sich, Lilli Zapfs Buch über die Tübinger Juden neu herauszubringen. Sie selbst stand stets hinter ihrem Werk zurück. Wer war Lilli Zapf?

05.11.2008
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Am Anfang von Lilli Zapfs Recherchen stand nichts als ihr eiserner Wille. Offiziell begann sie mit ihrer Arbeit im Jahr 1961. Dabei bedeutet „offiziell“ nicht, dass sie in irgendeinem Auftrag recherchierte, sondern nur, dass sie von da an auch mit Ämtern in Verbindung trat.

Kontakt mit Oberbürgermeister Hans Gmelin hatte sie, zumindest in den ersten Jahren ihrer Recherchen, allerdings nicht gesucht. „Es ist unbegreiflich, wie dieser Mann als OB in Tübingen gewählt werden konnte“, schrieb sie Mitte der 1960er Jahre, mit Blick auf Gmelins NS-Vergangenheit, an einen jüdischen Emigranten in der Schweiz. Betrübt fügte sie diesem Brief hinzu: „Natürlich wurde bis jetzt auch nichts unternommen zur Erinnerung an die Zerstörung und Niederbrennung der Synagoge in der Gartenstrasse. (. . .) Sobald ich mit der Dokumentation fertig bin, will ich diese Sache in Angriff nehmen.“

Lilli Zapfs großartige Lebensleistung, das über viele Jahre hinweg im Alleingang recherchierte Buch über die Tübinger Juden, kennen inzwischen viele, zumindest dem Titel nach. Hinreichend bekannt ist auch, dass es im Französischen Viertel eine Straße gibt, die nach ihr benannt wurde. Aber für die meisten Tübinger ist sie eine große Unbekannte. Und wer über Lilli Zapf zu forschen beginnt, wird als erstes feststellen müssen, dass es Lilli Zapf überhaupt nicht gegeben hat. – –

Von Beruf war sie Kindergärtnerin

Jedenfalls nicht in amtlichen Dokumenten. Die Buchautorin wurde nämlich auf den Namen Mathilde Anne Zapf getauft. Geboren wurde sie am 5. Januar 1896 in Nördlingen als das älteste von fünf Kindern eines Reichsbahnbeamten. Sie erlernte den Beruf einer Kindergärtnerin, den sie vermutlich im evangelischen Kindergarten von Nördlingen ausübte. Niemand hat bislang herausfinden können, aus welchem Antrieb sie Anfang 1930 nach Berlin zog und dort als Sekretärin arbeitete.

Spätestens 1932 eröffnete sie in Berlin-Mitte, nicht weit vom Alexanderplatz entfernt, ein Schreibbüro und nannte sich nun Tilly Zapf. Mit ihrer Schreibmaschine erledigte sie Auftragsarbeiten, bevorzugt wissenschaftliche Texte. Politisch fühlte sich Tilly Zapf in Deutschland bereits vor dem Machtantritt der Nazis nicht mehr zu Hause. Denn sie hatte Hitler, als er noch nicht Reichskanzler war, einmal im Berliner Sportpalast erlebt – zugleich das erste und letzte Mal, wie sie einem Korrespondenzpartner anvertraute.

Zu den Kunden der evangelischen Sekretärin gehörten auch viele jüdische Studenten. Sie wurde, weshalb ist nicht bekannt, denunziert und bekam zweimal Besuch von der Gestapo, die ihre Wohnung durchsuchte. Daraufhin entschloss sie sich, in die Niederlande zu emigrieren, wo sie die nächsten 14 Jahre verbrachte. Dass sie nach Den Haag ging, hängt mit Hendrik van Dam zusammen, in dessen Rechtsanwaltsbüro Lilli Zapf bis 1940 arbeitete.

Hendrik van Dam war nach dem Krieg der erste Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er wurde 1906 in Berlin geboren, wo seine Eltern ein Antiquariat betrieben. Nach seinem Jurastudium, zuletzt in Berlin, wechselte er 1933 zur Promotion nach Basel, emigrierte 1934 in die Niederlande und ließ sich in Den Haag nieder.

Wie eng die Freundschaft Lilli Zapfs mit Hendrik van Dam war, lässt sich ohne zusätzliche Informationen nicht sagen. Aber sie war persönlich genug, dass sie bei van Dams Mutter blieb, als er 1940 bei der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen nach England flüchtete und sich dort der niederländischen Exilarmee anschloss. „Seine Mutter und ich blieben zurück. Es waren sehr schwere Zeiten, besonders für mich“, schrieb sie nach dem Krieg einem Freund. „Erst im Frühjahr 1945 wurde ich von den Nazibehörden entdeckt, aber sie hatten andere Sorgen, da endlich für Holland die Befreiung winkte, und so geschah mir nichts.“

Hendrik van Dam beteiligte sich nach dem Krieg im Auftrag der Briten bei der Reorganisation des Gerichtswesens in der britischen Besatzungszone und ließ sich 1950 endgültig in Düsseldorf nieder. Lilli Zapf blieb bis 1949 in den Niederlanden. Danach zog sie zu Friedrich Zapf, ihrem Bruder, der in der Oberpfalz als evangelischer Pfarrer wirkte und sie möglicherweise an seinen früheren Studienort vermitteln konnte.

Im Juli 1953 kam die schmächtige Frau nach Tübingen, arbeitete als Sekretärin zunächst im Paul-Lechler-Krankenhaus, dann noch bis 1958 an der Universitäts-Nervenklinik. Im Oktober 1955 bezog sie im Gertrud-Bäumer-Haus in der Memminger Straße eine bescheidene kleine Wohnung. Und immer zum 8. November gingen Geburtstagsgrüße von Tübingen nach Düsseldorf, adressiert an Hendrik van Dam. Und am 5. Januar ebensolche von Düsseldorf nach Tübingen, adressiert an „Lie“ Zapf.

Völlig unbeachtet geblieben

Vom Kriegsende an gerechnet war das Schicksal der Tübinger Juden in der hiesigen Öffentlichkeit knapp zwanzig Jahre lang völlig unbeachtet geblieben. Gedenken, wenn überhaupt, richtete sich nur ganz allgemein an die Opfer der Gewaltherrschaft. Tübingen war, um es hart zu sagen, in seinem kollektiven Gedächtnis bis in die sechziger Jahre so „judenfrei“ geblieben, wie es der NS-Staat hinterlassen hatte. Zumindest dem äußeren Anschein nach.

Lilli Zapf war in den frühen Jahren des öffentlichen Beschweigens eine große Ausnahmeerscheinung. Da sie regelmäßig die „Allgemeine Wochenzeitung der Juden“ las, hatte sie erfahren, dass es im Gegensatz zu Tübingen in anderen Orten Initiativen gab, die der Erinnerung auch Namen geben wollten und die Geschichte der Juden in ihren Gemeinden auch biographisch aufarbeiteten. Und so begann die Frau, Adressen zu sammeln und Kontakte zu den noch lebenden jüdischen Emigranten zu knüpfen und Brief für Brief nicht nur deren Lebenswege zu dokumentieren, sondern auch die von ermordeten Angehörigen.

In einer von Internet und Email geprägten Gegenwart fällt es schwer, sich vorzustellen, wie unendlich mühsam es war, eine in alle Welt führende Korrespondenz zu führen. Das war nicht nur sehr zeitaufwändig, sondern auch ziemlich teuer. Dazu muss man wissen, dass sich Lilli Zapf von ihrer kleinen Rente nicht einmal eine Schreibmaschine leisten können.

Als ihr Hanna Bernheim – eine Tübinger Emigrantin, mit der sie sich befreundete – einmal ungebeten 50 Mark in den Briefumschlag legte, gestand Lilli Zapf hinterher, dass sie dafür im Schreibwarengeschäft Schimpf für je 15 Mark drei Monate lang eine Schreibmaschine ausgeliehen und den Rest an eine jüdische Jugendorganisation gespendet habe. Hanna Bernheim verhalf ihr dann mit einer weiteren Spende dazu, dass sie sich diese Schreibmaschine kaufen konnte.

Ihre vielen hundert Briefe verwahren das Universitätsarchiv und das Stadtarchiv. Einigen wenigen dieser Dokumente lässt sich aus Nebensätzen die Mühsal der Recherchen entnehmen, aber nur deshalb, weil sie gelegentlich ihren Adressaten begreiflich machen wollte, warum sie nicht immer postwendend antworten konnte.

Die Emigranten, die mehrere Jahrzehnte lang wenig bis gar nichts aus ihrer alten Heimat gehört hatten, waren gerührt von dem Anliegen der einfühlsamen Dame, die ihren Briefen oft noch Tübinger Ansichtskarten beifügte und sich mit zahlreichen Fragen für die einzelnen Schicksale interessierte. Und alle wollten sie weiterhin mit ihr in Verbindung bleiben, manche besuchten sie sogar.

Die Korrespondenz wurde umfassender

Zeitweise kam die kränkelnde Rentnerin mit ihren Antworten nicht nach, weil sie wegen rheumatischer Beschwerden nur unter Schmerzen tippen konnte. So schrieb sie einmal an die Familie Löwenstein: „Schreiben darf ich gar nicht, aber ich tue es trotzdem, sonst geht die Arbeit ja überhaupt nicht mehr voran. Beim Maschineschreiben habe ich keine Schmerzen, aber sie kommen danach, und zwar im ganzen Arm. Wenn ich aber täglich 1–2 Stunden schreibe, dann komme ich wenigstens etwas voran. Denn die Korrespondenz wird immer umfassender.“

Ende 1966, also fast sechs Jahre nach Beginn ihrer Recherchen, schrieb sie an Hanna Bernheim: „(. . .) Ich bin wirklich sehr abgespannt und meine Gesundheit lässt sehr zu wünschen übrig. Und zwar nicht nur die Augen, sondern auch die Leistungsfähigkeit des ganzen Körpers. Ich habe wochenlang nichts tun können an der Dokumentation. Erst heute fange ich wieder ein wenig damit an. (. . .) Dabei liegt ein riesiger Stoß von unerledigter Post da, was mich auch krank macht. (. . .). Natürlich ist die Dokumentation noch nicht fertig. Sie ahnen ja nicht, was für eine Riesenarbeit das ist. Es geht nicht nur um die Einzelschicksale, die zwar auch sehr viel Arbeit heischen, sondern ich bringe doch in fast jedem Kapitel die ganze Geschichte. (. . .). Und dazu muß ich viele Geschichtsbücher durchstudieren und jeweils das Wichtigste daraus entnehmen. Alles muß authentisch sein und chronologisch geordnet. Hunderte von An- und Rückfragen erfordert die Arbeit und oft muß ich länger als ein halbes Jahr auf Antwort warten. Das alles ist nicht so einfach, wie man sich das so ausdenkt und ich habe keine Hilfe und muß jeden Buchstaben selber schreiben und jeden Gedanken selber ausdenken. Aber ich mache die Arbeit trotzdem sehr gerne und möchte alle Emigranten, die die Schreckenszeit überlebten, durch das Buch wirklich erfreuen.(...)“

Als Lilli Zapf erfuhr, dass Prof. Otto Michel Mitglied der SA war, entzog sie dem Gründer des hiesigen Institutum Judaicum das Vorwort. „In diesem Fall muß die Grenze scharf gesetzt werden“, entschied sie. Das Buch erschien dann, nach vielen Komplikationen und Geburtswehen 1974 im Tübinger Katzmann-Verlag. Zwei weitere Auflagen folgten, die dritte und letzte 1981, in jenem Jahr, in dem Tübingen erstmals die noch lebenden einstigen jüdischen Mitbürger einlud. Am Programm konnte Lilli Zapf, altersbedingt und krankheitshalber, nicht mehr teilnehmen. Im April 1982 verlieh ihr die Stadt Tübingen die Bürgermedaille für besonderes bürgerschaftliches Engagement. Am 12. Dezember des selben Jahres ist sie im Alter von 86 Jahren gestorben.

Erst durch Lilli Zapfs Buch wurden die Folgen der Rassenpolitik der Nazis in Tübingen konkret und bis in die biografischen Einzelheiten bekannt. Jahrzehnte lang war darüber geschwiegen worden. Das erste Mal überhaupt war in einem TAGBLATT-Artikel vom 11. November 1965 ausdrücklich berichtet worden, dass auch in Tübingen Juden gelebt haben, die Opfer von NS-Verbrechen wurden. In einem ihrer Briefe hat Lilli Zapf geschrieben: „Ich werde den Tübingern mit meiner Arbeit schon zeigen, was sie an ihren jüdischen Mitbürgern verloren haben.“ Das hat sie in der Tat getan.

Info

Lilli Zapf: Die Tübinger Juden. Eine Dokumentation. 4. Auflage. Tübingen 2008, 288 Seiten, 19,80 Euro. (Ab Samstag im Buchhandel)

Katzmann-Verlag publiziert wieder Lilli Zapfs „Die Tübinger Juden“
Es gibt kaum Fotos von Lilli Zapf. Diese unveröffentliche Aufnahme zeigt sie Anfang der fünfziger Jahre unmittelbar nach ihrer Ankunft in Tübingen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.11.2008, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball