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Große Hilfsbereitschaft der Nachbarn

Kaum Kritisches zur Flüchtlingsunterkunft Schellingstraße

In die Schellingstraße 9-11 ziehen von Mitte Dezember an rund 100 Flüchtlinge ein. Karlheinz Neuscheler, beim Landratsamt zuständig für die Flüchtlingsunterbringung, lud deshalb am Freitag zu einer Infoveranstaltung für die Nachbarn. Rund 100 von ihnen kamen – und zeigten große Hilfsbereitschaft.

16.11.2015
  • Sabine Lohr

Tübingen. Im Behördengebäude in der Schellingstraße 9-11 war zuletzt das Mobile Einsatzkommando der Polizei, seit Monaten aber steht es leer. In der Landesliegenschaft bringt das Landratsamt nun Flüchtlinge unter – als so genannte „Erstunterkunft“. Alle von ihnen haben bereits einen Asylantrag gestellt und wurden dem Landkreis Tübingen vom Land zugewiesen.

In der Erstunterkunft bleiben sie, so lange ihr Verfahren läuft. Höchstens aber zwei Jahre. Was nicht nur daran liegt, dass das Gesetz es so vorschreibt, sondern auch daran, dass das Gebäude bereits weiter verplant ist: Ende 2017 wird es ein Notariat. Trotz der begrenzten Zeit greift das Landratsamt gerne auf das Gebäude zu. „Wir brauchen es unbedingt“, sagte Karlheinz Neuscheler vom Landratsamt. Zur Zeit müsse der Landkreis jede Woche rund 100 Flüchtlinge aufnehmen und unterbringen.

Eine Etage für Familien, eine für Einzelpersonen

Im Erdgeschoss des Gebäudes gibt es keine geeigneten Wohnräume, weshalb dort Büros für Sozialarbeiter und ein Lagerraum eingerichtet werden. In den drei Stockwerken darüber sind Zimmer. Voraussichtlich werden auf einer Etage ausschließlich Familien leben, in den anderen Stockwerken Einzelpersonen in Drei- bis Vierbett-Zimmern. Im ersten und zweiten Stock ist Platz für jeweils 40 Menschen, im dritten Stock für 25. Auf jeder Etage gibt es eine Gemeinschaftsküche und einen Aufenthaltsraum, wo gegessen werden kann. Auch Bäder und Toiletten gibt es auf jeder Etage.

Der erste Stock wird laut Neuscheler Mitte Dezember bezogen, die beiden anderen Etagen im Januar. Anfangs werde eine Sozialarbeiterin jeden Tag vor Ort sein, „um den Leuten zu sagen, wie es hier läuft, wo sie einkaufen können, was sie wo erledigen können“.

Menschen, die aus einem Balkanland kommen, werden vermutlich nicht in das Haus in der Schellingstraße einziehen. Sie sind zur Zeit in der Kreissporthalle untergebracht und werden in der Regel zur Rückkehr aufgefordert.

Eine Besucherin, die beim Arbeitskreis Asyl Südstadt aktiv ist, konfrontierte Neuscheler mit einer Forderung: „Wir bringen uns in der Schellingstraße nicht ein, wenn es dort keinen Sozialraum gibt“, sagte sie. Einen solchen Raum brauche es unbedingt, damit sich Ehrenamtliche mit den Bewohnern treffen und Gespräche führen können, damit Kinder betreut werden können oder einfach zum Zusammensitzen und Teetrinken.

Für seine Antwort bekam Neuscheler Applaus: „Nachdem Sie mir ein solches Angebot gemacht haben, kann ich ja nicht anders – ich verspreche, Sie werden einen Raum haben.“ Sollte es nicht möglich sein, diesen Raum im Erdgeschoss einzurichten, werde „das große Zimmer im ersten Stock gleich links“ den Helfern zur Verfügung gestellt. „Dann bringe ich zwar weniger Flüchtlinge unter, aber ich sage Ihnen den Raum zu.“

Besorgt meldete sich eine Frau, die neben der ehemaligen Thiepval-Kaserne wohnt, in der Anfang der 1990er-Jahre Aussiedler untergebracht waren. „Die haben damals Feuer in den Zimmern gemacht und ich wurde dauernd belästigt“, sagte sie. Später bekannte sie, Angst vor „Lärm und Dreck zu haben.“ Neuscheler ermunterte sie, sich bei Vorfällen ans Landratsamt oder die Polizei zu wenden.

„Sind denn die Flüchtlinge vor rechten Angriffen geschützt?“ wollte eine Anwohnerin wissen. Neuscheler erklärte, dass es an den Telefonen Direktschaltungen zur Polizei gebe und die Polizei zudem die Unterkünfte in ihren Streifendienst einbeziehe. Tübingens Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast, die für die Stadt zu der Veranstaltung gekommen war, sagte: „Der beste Schutz ist Ihr Engagement und Ihre Aufmerksamkeit.“

Beides scheint unter den Nachbarn vorhanden zu sein: Sehr viele erkundigten sich, wie sie denn helfen könnten, und die Zettel mit den Namen und Telefonnummern der Ansprechpartner, die Neuscheler mitgebracht hatte, waren am Ende alle weg.

Als Neuscheler die Besucher aufforderte, auch kritische Fragen zu stellen, meldete sich eine Besucherin zu Wort. „Ich habe sehr große Sorgen“, sagte sie, „weil Ende 2017 Notare in das Haus ziehen.“ Neuscheler: „Ich kann Ihnen versichern, Sie müssen vor diesen Notaren keine Angst haben. Es sind Menschen wie du und ich.“

Info Für die Bewohner in der Schellingstraße ist die Sozialarbeiterin Maria Benk zuständig. Sie koordiniert auf Wunsch auch einen Unterstützerkreis. Zu erreichen ist sie unter der Telefonnummer 0 70 71 / 207-61 78 oder 01 70 / 3 84 12 78, E-Mail: m.benk@kreis-tuebingen.de

Kaum Kritisches zur Flüchtlingsunterkunft Schellingstraße
Früher war hier ein Einsatzkommando der Polizei untergebracht, bald leben Flüchtlinge hier. Archivbild: Sommer

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16.11.2015, 12:00 Uhr

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