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(K)ein Herz für Kinder
Knirps trifft Eisbär. Bei Freizeitangeboten kann die Stadt punkten. Doch nicht überall zeigt sie sich kinderfreundlich. Foto: Marijan Murat/dpa
Gesellschaft

(K)ein Herz für Kinder

Stuttgart will kinderfreundliche Kommune werden. Doch ist die Stadt dafür gerüstet? Ein Realitätscheck.

23.03.2018
  • DANIEL GRUPP UND DOMINIQUE LEIBBRAND

Die Stadt Stuttgart möchte sich als „Kinderfreundliche Kommune“ zertifizieren lassen und hat eine entsprechende Vereinbarung getroffen. Wer einen glaubwürdigen Aktionsplan aufstellt, kann die Auszeichnung erhalten (siehe Infobox). Wie aber sieht die Realität aus? Wir haben Stuttgart nach eigenen Kriterien auf Kinderfreundlichkeit überprüft.

Kinderbetreuung Einen Kita-Platz zu ergattern, beschreiben viele Eltern als Glücksspiel. Tatsächlich kann Stuttgart die Nachfrage bei Weitem nicht decken. Fachkräftemangel, gesetzliche Anforderungen und der Babyboom stellen die Stadt vor Herausforderungen. Für unter Dreijährige fehlen 2937 Plätze. Der Versorgungsgrad liegt bei 43,2 Prozent und soll auf 52 Prozent ausgebaut werden. Mehrere Eltern hatten geklagt, weil sie für ihr Kind keinen adäquaten Platz gefunden hatten und es in eine teurere Privatkita schicken mussten. Nach einem höchstrichterlichen Beschluss musste die Stadt mehr als 70 Elternpaaren die Kostendifferenz erstatten. Fazit: Bei der Betreuung muss die Stadt mehr tun.

Sicherheit Kinder in Stuttgart sind laut Polizeisprecher Jens Lauer relativ selten von Gewaltdelikten betroffen, „auch wenn natürlich jede Tat eine zu viel ist“. Die aktuellsten Zahlen stammen von 2016: Damals fielen 603 Kinder einer Gewalttat zum Opfer, das waren fünf Prozent aller Opfer. Noch geringer fällt die Quote mit 0,4 Prozent bei den Unfällen aus. Von 26 824 waren Kinder 2017 an 106 direkt beteiligt. Um die Gefahr möglichst gering zu halten, setzt die Polizei auf Prävention und bietet für alle Erstklässler ein Schulwegtraining an. Großstadtspezifisch werden Kinder dabei auch auf das erhöhte Verkehrsaufkommen vorbereitet. Ein Radtraining für Viertklässler gibt es ebenfalls. Das findet für Innenstadt-Schüler allerdings nur auf Übungsplätzen statt, weil die Polizei mit Fahranfängern nicht im Großstadtverkehr mit schlechter Radwegesituation üben möchte. Fazit: In Stuttgart leben Kinder relativ sicher.

Wohnsituation Für Rolf Gaßmann, den Vorsitzenden des Mietervereins, steht das Urteil fest: „Unter der Wohnungssituation in Stuttgart leiden viele Familien.“ Entweder die Wohnungen seien zu teuer – und zwar bezüglich Miete und Kaufpreisen. Oder Familien seien im Wettbewerb um eine Bleibe im Nachteil, weil viele Vermieter keine Kinder im Haus haben wollten. Alleinerziehende hätten es noch schwerer. Die Situation verschärfe sich. In der Notfallkartei der Stadt stünden aktuell 4200 Fälle, die auf eine geförderte Wohnung warteten. Tatsächlich ist deren Bestand kontinuierlich gesunken auf derzeit 16 567. Folglich kehrten viele Familie notgedrungen der Stadt den Rücken, so Gaßmann. Oder sie rücken in ihren Drei-Zimmer-Wohnungen, die sie einst als Paar bezogen haben, enger zusammen. Fazit: Auf dem Land wohnen Kinder vermutlich oftmals komfortabler.

Schulen Der Rückstand bei der Schulsanierung ist hoch. Weil schon seit Jahrzehnten viel zu wenig Geld in die Schulen gesteckt wurde, hat sich ein Sanierungsstau gebildet, den der Leiter des Hochbauamts, Peter Holzer, auf 565 Millionen Euro beziffert. Der Rückstand soll mit jährlichen Investitionen von 40 Millionen Euro bis 2025/26 abgebaut werden. Neben der Altlastensanierung fließen 20 Millionen Euro in die reguläre Schulsanierung. Das Investitionsvolumen war in den vergangenen Jahren aber Theorie. Denn die Stuttgarter Stadtverwaltung hatte nicht genügend Personal für alle Projekte. Das ändert sich gerade. Fazit: Das Problem ist erkannt, es ist aber noch viel zu tun.

Freizeit Das Freizeitangebot kommt bei den Kindern gut an. Das zeigen die Besucherzahlen der Wilhelma oder der Naturkundemuseen. Viele Museen bieten spezielle Angebote für Kinder. Die Kinderabteilung des Landesmuseums wird mit der Ritter-Ausstellung einen neuen Rekord von mehr als 87 000 Besuchern erreichen. Die Musikschule konnte die Warteliste von 1700 auf 1000 Personen reduzieren, berichtet Musikschulleiter Friedrich Dolge. Die jungen Stuttgarter können auf knapp 600 städtischen Kinderspielplätzen ihre Freizeit verbringen. Um die Anlagen kümmern sich 120 Gärtner, berichtet Walter Wagner vom Gartenamt. „Der Standard ist gut“, findet er. Jedoch werde im Zentrum und in Bad Cannstatt der Bedarf nicht erfüllt. Im Haushalt 2018/19 stehen für Spielplätze 4,4 Millionen Euro zur Verfügung. „Da hat der Gemeinderat ordentlich was drauf gelegt.“ Fazit: Beim Freizeitangebot steht Stuttgart gut da.

Teilhabe Werden Spielplätze geplant, kommt der Nachwuchs zu Wort. „Wir haben die Pflicht und die gute Tradition, die Nutzer und Anlieger einzubeziehen“, sagt Walter Wagner. Maria Haller-Kindler, die Kinderbeauftragte der Stadt, achtet auf die Mitwirkungsrechte ihrer Schützlinge. „Wir schauen auf die großen Prozesse, von denen Kinder betroffen sind.“ So würden bei der Planung des Rosensteinviertels Kinder einbezogen. Die Ideen der Kinder seien vernünftig und könnten umgesetzt werden, erklären Wagner und Haller-Kindler. Fazit: Es ist gut, dass Kinder mitreden können.

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23.03.2018, 06:00 Uhr

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