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In Ergenzingen tagt der Sportschau-Stammtisch

Kein Quatschen, keine Frauen - seit 40 Jahren

Samstag 18 Uhr: Anpfiff in der Bahnhofs-Restauration in Ergenzingen! Pünktlich zum Beginn der Sportschau im Fernsehen trifft sich dortregelmäßig der Sportschau-Stammtisch, und das seit nunmehr 40 Jahren.

15.04.2011
  • birgit reinke

Ergenzingen. Es war die Bundesliga-Skandal-Saison 1970/71, als der Sportschau-Stammtisch sich allmählich formierte. Manipulierte Punktspiele, Schmiergeldzahlungen und schließlich der Zwangsabstieg von Arminia Bielefeld in die Regionalliga, das waren damals heiß diskutierte Themen, sicherlich auch in der „Restauration“. Denn wer keinen Fernseher hatte, ging zum Fußballgucken in die Kneipe, erinnert sich Willi Stopper, Gründungsmitglied beim Ergenzinger Sportschau-Stammtisch.

Sechs Männer machten damals den Anfang. Manch einer von ihnen auch deshalb, weil der heimische Fernseher – sofern es ihn gab – von den Kindern belagert wurde. „Um 18 Uhr kamen meistens die tollsten Kinderfilme, Clarence, der schielende Löwe, oder Flipper, da hatten die Männer keine Chance“, amüsiert sich Willi Stopper heute.

Kein Quatschen, keine Frauen - seit 40 Jahren
Unverkennbar VfB-Fans sind die meisten Mitglieder des Sportschau-Stammtisches, der sich immer samstags in der „Restauration“ trifft. Von links nach rechts: Roland Welte, Willi Stopper, Guenther Schweinbenz, Alfred Nisch, Wolfgang Raible, Helmut Renz, Josef Mayer, Lorenz Baur, Karl Baur und Leonard Grammer.Bild: Ulmer

Zwischenzeitlich war die Stammtisch-Runde mal bei 16 Mitgliedern, drei sind verstorben, einer ist ausgeschieden, so dass es heute noch zwölf sind. Der älteste in der Runde ist der 83-jährige Josef Mayer, der jüngste ist 54. „Wir sind einfach zu einer festen Clique zusammengewachsen“, erzählt Stopper, „kein richtiger Verein mit Satzung oder Jahresbeitrag.“

Strenge Regeln gibt es trotzdem. Erstens: „Während des Spiels wird nicht gequatscht“, dafür dann aber im Anschluss oft um so heftiger diskutiert. „Da geht’s auch schon mal richtig rund, vor allem wenn der VfB Stuttgart mal Abstiegssorgen hat. Aber richtigen Streit gab es noch nie“, bestätigt Stopper. Die Fan-Verteilung sei, typisch für den Südwesten, stark VfB-lastig, zwei 100-prozentige Bayern-Fans seien aber auch dabei, ebenso Schalke-Anhänger. Und Josef Mayer, genannt Sepp, genießt den Status als alteingesessener Kickers-Fan.

Regel Nr. 2: Keiner verlässt seinen Stammplatz, denn es gibt eine feste Sitzordnung. „Wenn einer mal nicht kommt, bleibt der Platz eben frei, das war schon immer so“, sagt Willi Stopper. Und das schöne daran sei, dass dann immer gleich auffällt, wer fehlt. Man wird eben vermisst.

Regel Nr. 3: „Keine Frauen“ – allerdings nicht, weil sie nicht dürfen, sondern weil sie nicht wollen. Thea Stopper beispielsweise sagt: „Das ist dann ‚mein‘ Abend.“ Meistens begleitet sie ihren Mann bis zur „Restauration“, verbindet damit einen ausgiebigen Spaziergang und richtet sich anschließend gemütlich auf dem heimischen Sofa ein. „Dann kann ich den ganzen Abend im Fernsehen schauen, was ich möchte“, sagt die 62-Jährige. Zwischenzeitlich gab es auch mal Bestrebungen, dass die Frauen der Fußballgucker gemeinsam etwas unternehmen. Das sei aber schnell wieder eingeschlafen, „die Interessen sind einfach zu unterschiedlich, anders als bei den Männern“, sagt sie.

Einzige Ausnahme ist die traditionelle Nikolaus-Feier. Dann nämlich wird das von Sepp Mayer eigens für die Stammtisch-Runde getöpferte Sparschwein geschlachtet. Gefüttert wird es mit jeweils einem Euro pro Mann und Samstag, „freilich ohne jegliche Buchführung“, erzählt Willi Stopper. „Von dem Geld gibt’s ein gutes Essen und G’schenkle für unsere Frauen.“

Und den einen oder anderen Ausflug dürfen die Damen auch mal mitmachen. Zum 40-Jährigen gönnt man sich jetzt einen zweitägigen Ausflug ins Elsaß. Im Stadion war die Fußball-Clique übrigens bislang nur einmal: „Da hat der VfB so mies gespielt – also nie wieder!“

Bleibt die Frage, wo die Männer die bundesligafreien Samstage verbringen: Natürlich wie gewohnt ab 18 Uhr in der Restauration, schließlich gibt’s noch andere Themen als Fußball. „Ohne meinen Sportschau-Stammtisch wüsste ich doch gar nicht, was in Ergenzingen los ist“, sagt Willi Stopper.

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15.04.2011, 12:00 Uhr

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