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"Kein Trübsinns-Kitsch"
25 Jahre Münchner "Tatort": Udo Wachtveitl will noch lange als Leitmayr ermitteln

"Kein Trübsinns-Kitsch"

Seit nunmehr 25 Jahren steht Udo Wachtveitl als "Tatort"-Kommissar vor der Kamera. Morgen zeigt die ARD die Jubiläums-Folge. Ein Gespräch über Humor, Trübsinn, Höhe- und Tiefpunkte.

02.04.2016
  • CHRISTIAN NICK

Herr Wachtveitl, wenn man Ihnen einst gesagt hätte, dass Sie ein Vierteljahrhundert als "Tatort"-Kommissar amtieren würden, hätte das Ihnen Angst gemacht, denn selbst einen Dreijahresvertrag wollten Sie seinerzeit nicht unterzeichnen. . .

UDO WACHTVEITL: Richtig, geplant waren damals sechs Folgen. Wir dachten: "Um Himmels Willen, wer weiß, was in der Zwischenzeit alles passiert, wie die Drehbücher sind oder ob wir uns überhaupt verstehen." Daher haben wir das abgelehnt - und bis heute keinen fixen Vertrag. Das ist dann sehr süddeutsch flexibel geregelt worden; und man sieht, dass gschlamperte Verhältnisse oft am stabilsten sind.

Das erste Zusammentreffen mit Miroslav Nemec, mit dem Sie auch privat eine Freundschaft verbindet, verlief ruppig, oder?

WACHTVEITL: Wir kannten uns vorher nur flüchtig und gingen davon aus, dass wir getreu dem etablierten Modell - ein älterer Kommissar und sein jüngerer Assistent - gegeneinander antreten müssen und man schauen will, wer sich als das buntere Zirkuspferd geriert . . .

Dann aber stellte sich heraus, dass dies gar nicht geplant war, sondern die zwei Protagonisten auf Augenhöhe agieren sollen. . .

WACHTVEITL: Genau, das war eine ganz neue Idee, die sich ja auch als durchaus brauchbar erwiesen hat und von vielen anderen Formaten kopiert worden ist. Die hierarchische Struktur hat man ja heute kaum mehr. Diesbezüglich waren wir die Ersten, das kann man sagen.

Bleiben wir doch mal dabei: Wie haben die Batic-Leitmayr-Krimis das Genre verändert?

WACHTVEITL: Das Filmhandwerk hat sich grundsätzlich verbessert. Nicht durch uns, wohlgemerkt. Der Rhythmus der Szenen, die Ausleuchtung und so weiter. Die Erwartungshaltung ist größer geworden. Wenn Sie die oft als legendär betrachtete Schimanski-Reihe schauen, wie die Szenen oft einfach verläppern, weil man dachte, es reicht, wenn zwei knuffige Typen an der Wurstbude stehen. Was wir uns auf die Fahne schreiben können: Wir haben versucht, nicht so einen modischen Trübsinns-Kitsch zu machen. . .

. . . modischer Trübsinns-Kitsch?

WACHTVEITL: Es gibt so eine komische Haltung, die Trübsinn mit Tiefsinn verwechselt; wo man zwanghaft versucht, ein Gegengewicht zu schaffen zu der Freitags-Heile-Welt, zu der Pilcherei. Das halte ich oft für eine Masche. Schlecht gelaunte Kommissare allein reichen nicht.

Aber - frei nach Loriot - früher war auch bei Batic und Leitmayr mehr Humor. Bedauern Sie das?

WACHTVEITL: In der Tat, ich bedauere das. Deshalb versuchten wir in den neueren Folgen vermehrt, ihn wieder zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn ein tragischer Fall wird nicht tragischer, wenn der Ermittler die ganze Zeit tragisch schaut. Denn es sind Menschen, auch wenn sie in einem schwierigen Umfeld ermitteln. Die Königsklasse ist es, Humor mit einem packenden Fall zu verbinden - wie es uns seinerzeit etwa bei "Frau Bu lacht" gelungen ist.

Was sind denn die High- beziehungsweise die Lowlights Ihrer mittlerweile 72 Folgen?

WACHTVEITL: Die schlechten behalte ich normalerweise für mich, aber bitte (lacht): "Ein Sommernachtstraum" oder "Wer zweimal stirbt" waren echt schwach. Auf "Nie wieder frei sein", "Im freien Fall", "Außer Gefecht", "Norbert" und "Ein mörderisches Märchen" bin ich durchaus ein bisserl stolz.

Mal dabei ertappt, dass Sie privat wie Leitmayr handeln?

WACHTVEITL: Nein. Ich kann immer noch durchs Viertel gehen, ohne hinter Büschen Leichen zu suchen (lacht).

Schon mal überlegt, auszusteigen?

WACHTVEITL: Es gab Momente, ja. Es gab Drehbücher, die mir gar nicht gefallen haben; Streit mit dem Miro . . .

Erzählen Sie . . .

WACHTVEITL: Ich will nur so viel sagen: Es ging um eine schwierige Situation, hervorgerufen durch ein- wie wir beide fanden - unzureichendes Buch. Und damit sind wir unterschiedlich umgegangen. Aber wir haben uns ja wieder vertragen.

Apropos: Ich nehme an, nach 25 Jahren wird ein Drehbuch umgeschrieben, wenn es Ihnen nicht gefällt?

WACHTVEITL: Ich möchte nicht so klingen, als zittere der BR, wenn wir auf den Tisch hauen. Aber es wird viel gemeinsam gearbeitet. Nie konfrontativ, sondern sehr einvernehmlich. Wir haben mittlerweile ja mehr Erfahrung mit der Gestaltung unserer Figuren als die Autoren und die Regisseure. Dazu kommt: An einem Drehbuch wird über ein Jahr gearbeitet, da gibt es oft kleinere Betriebsblindheiten oder nicht verwandelte Elfmeter. Wenn wir das Buch dann bekommen, fallen die uns auf, weil wir mit einem frischen Blick drauf schauen.

Letztes Jahr bekamen Sie innerbayerische Konkurrenz. War der Nürnberg-"Tatort" ein Affront für Sie?

WACHTVEITL: Überhaupt nicht. Wir waren ja auch mal neu. Ich finde nur, es muss gut sein, dann darf s auch neu sein. . .

Til-Schweiger-"Tatorte" finden Sie nicht so gut, oder?

WACHTVEITL: Das ist eine Suggestivfrage (lacht). Ich find alles gut, was Ambition hat; und ich fände es gut, wenn die Ambitionen in die richtige Richtung gingen. . .

Sie sind qua Rolle und Herkunft mittlerweile zum Vorzeige-Bayer avanciert. Was mag Udo Wachtveitl denn am und im Freistaat so gar nicht?

WACHTVEITL: Mir geht dieses selbstgerechte, hosenträgerstrammende Bayerntum auf den Wecker. Das übersteigerte Selbstbewusstsein. Ich kenne Bayern auch anders: herbstfarbener, charmanter als die Trompetenstöße des "Mia san mia".

Soll man das jetzt auch politisch verstehen?

WACHTVEITL: Nein. Wissen Sie, ich halte mich durchaus für einen politisch denkenden Menschen, aber ich will öffentlich keine politischen Statements abgeben. Zumindest, solange die Verfassung nicht gefährdet ist. Denn aufgrund der Popularität, die einem als "Tatort"-Kommissar zuwächst, könnte man die öffentliche Meinung vielleicht in einem Maße beeinflussen, wie es einem gar nicht zukommt. Wenn irgendein Schlagersänger jetzt für die Partei A trommelt, verstehe ich das nicht - der soll halt singen.

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02.04.2016, 06:00 Uhr

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