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Interview

„Kein Vater, sondern nur Erzeuger“

Martin Bühler spendete im Nebenjob jahrelang seinen Samen – hauptsächlich lesbischen Paaren. Nun hat er über seine Erlebnisse ein Buch geschrieben.

16.12.2016
  • IRIS HUMPENÖDER

Ulm. Martin Bühler ist bekennender Samenspender. Beziehungsweise er war einer. Vor ein paar Jahren hat er seinen lukrativen Nebenjob aufgegeben. In seinem neuen Buch erzählt Bühler, was er als privater Samenspender erlebt hat.

Wie sind Sie denn zu dem Job als Samenspender gekommen?

Martin Bühler: Das war einfach eine gute Möglichkeit, mein Studium zu finanzieren. Ich hatte damals in München ein Inserat in einer Tageszeitung gelesen, in dem eine Samenbank Spender suchte.

Wie lukrativ ist das denn?

Bei der Samenbank bekommt man etwa 100 Euro pro Spende, die man nicht versteuern muss. Auf privater Basis kann es wesentlich mehr sein. Dieses Geld muss aber versteuert werden.

Kann denn jeder potente Mann Samen spenden?

Im Prinzip kann sich jeder zwischen 20 und 40 bei einer Samenbank bewerben. Zunächst werden dann medizinische Tests gemacht und beispielsweise Fragen zum Medikamentenkonsum, zum allgemeinen Lebenswandel und zu Erbkrankheiten gestellt. Außerdem wird die Gesundheit der Spender regelmäßig kontrolliert. Das ist gesetzlich streng geregelt.

Samenspenden ist ja auch nicht gerade ein Job wie Kellnern oder im Supermarkt an der Kasse sitzen.

Aber vergleichbar mit Blutspenden. Wobei die Auswirkungen natürlich größer sind. Aber es gibt da ja keine sexuellen Kontakte mit den Frauen. Das stellen sich viele anrüchig vor, das ist es aber ganz und gar nicht.

Sondern?

Das Ejakulat wird in einem Becher abgegeben. Ein Arzt oder die Frau selbst führt es sich mit einer Spritze oder einem Katheter in die Gebärmutter ein.

In Ihrem Buch beschreiben Sie aber auch intimere Methoden.

Ja, die Trichtermethode. Dabei führt sich die Frau einen handelsüblichen Kunststofftrichter in die Vagina ein, in den der Spender dann entweder direkt ejakuliert oder in den er das Ejakulat mit einer Spritze hineingibt.

Kritiker sagen, eine Samenspende sei ein medizinisch unterstützter Seitensprung.

Das ist ziemlich weit hergeholt. Eine Frau, die den Weg der Samenspende wählt, geht im Prinzip einen ganz seriösen Weg. Sie könnte ja auch nachts um die Häuser ziehen. Sie aber macht das ganz bewusst nicht, sondern sie sagt, sie möchte eine saubere Lösung haben, nicht anrüchig.

Hatten Sie als Samenspender nie ein mulmiges Gefühl, später einmal als zahlender Vater in die Pflicht genommen zu werden?

Damals mit 19, das muss ich zugeben, war ich schon etwas blauäugig. Später, auf der privaten Schiene, hab ich das immer mit notariellen Verträgen geregelt. Die Unterhalts- und Erbansprüche eines aus einer Samenbehandlung hervorgegangenen Kindes richten sich primär immer an die gesetzlichen Eltern, auch bei unverheirateten Paaren. Natürlich habe ich mir unterschreiben lassen, dass keine Ansprüche gegen mich bestehen. Allerdings ist das rechtlich noch eine gewisse Grauzone. Bisher gibt es meines Wissens nach aber noch keinen Prozess, in dem ein Kind auf Unterhalt durch den Samenspender geklagt hätte.

Sie haben zunächst bei einer Samenbank gespendet.

Ja, und da wurde mir gesagt, die Daten des Spenders werden nicht weitergegeben.

Mittlerweile gibt es ja ein Urteil, wonach volljährige Kinder von Samenspendern ein Recht darauf haben, die Identität des Spenders zu erfahren.

Das halte ich auch für richtig. Aber es wirft natürlich Probleme auf. Man hat den Spendern jahrelang gesagt, „Eure Daten sind anonym, ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen“. Nun ist da dieses Urteil, das das Kindeswohl an erster Stelle sieht.

Und das macht Ihnen Probleme?

Mir nicht. Man weiß aber, dass viele Medizinstudenten früher als Spender agiert haben. Die leben inzwischen möglicherweise in festen Beziehungen, und plötzlich klingelt es dann an der Tür und jemand sagt: „Sie waren doch damals der Samenspender.“

Warum sehen Sie das so gelassen?

Ich bin schon immer für die offene Spende gewesen – also dass die Kinder erfahren, wer der Samenspender war. Ein Spender ist ja kein Vater, sondern immer nur ein Erzeuger. Und meine Erfahrungen zeigen mir, dass Kinder mit dem Thema „Samenspende“ völlig unverkrampft umgehen.

Wie würden Sie das Samenspenden denn regeln?

Man sollte das ganze Thema so legalisieren, dass die Spender von Anfang an wissen, dass ihre Daten preisgegeben werden. Und dass es geschultes Personal von staatlicher Seite gibt, das auf Wunsch den Kontakt zwischen Spender und Kind herstellt. Wie das ablaufen soll, darüber ist doch noch überhaupt nicht nachgedacht worden.

Sie schreiben, sie hätten mehr als 100 Kinder gezeugt. Ist das nicht auch genetisch problematisch, wenn sich zwei ihrer Spenderkinder ineinander verlieben sollten?

Klar, das Risiko besteht definitiv. Aber ich habe zu 95 Prozent mit lesbischen Paaren gearbeitet, und da ist es ja dann auch den Kindern klar, dass jemand geholfen haben muss. Die wachsen ganz normal mit diesem Wissen auf. Ich habe auch mit einigen von ihnen gesprochen. Und dass sich dann zwei solcher Spenderkinder ineinander verlieben, die ja um ihre „Entstehung“ wissen, das dürfte dann doch sehr unwahrscheinlich sein.

Sollte man nicht die Zahl der Samenspenden pro Mann begrenzen?

Bei den Samenbanken gibt es diese Begrenzungen. Aber das ist natürlich Augenwischerei. Denn ein Spender kann zu zehn verschiedenen Samenbanken gehen. Es gibt keine zentralen Register.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch sehr „schräge“ Situationen, etwa, als eine rechte Gruppierung einen „arischen“ Samenspender sucht.

Ja, das Gebiet der Selektion ist ein ganz großes Problem auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin. Bei der größten Samenbank in Dänemark etwa können Sie privat eine in Stickstoff gefrorene Samenspende bestellen, die Ihnen dann nach Hause geliefert wird. Sie können die Augenfarbe, die Haarfarbe, die Schulbildung des Spenders wählen. Da sind wir in einem wie ich finde sehr problematischen Bereich.

Es gibt aber auch skurrile Situationen, wenn etwa eine betuchte Münchnerin die Samenspende mittels einer „Kräuterhexe“ mit Vodoo und Räucherstäbchen unterstützen will.

Man erlebt tatsächlich oft merkwürdige Situationen. Worauf es mir aber mit dem Buch ankommt, ist, ein Tabu zu brechen. Das Thema „Samenspenden“ ist doch unglaublich aktuell. Die ganzen Jahrgänge von Kindern der Reproduktionsmedizin kommen heute ja erst auf uns zu. Das ist ein ganz großer Graubereich.

Gehören manche Ihrer „Kundinnen“ nicht eher auf die Couch eines Psychotherapeuten?

Mit Sicherheit. Man darf aber nicht vergessen, dass sich Frauen oft viele Jahre mit diesem starken Wunsch nach einem eigenen Kind beschäftigen und auf die kuriosesten Ideen kommen. Und wer will den Frauen vorschreiben, wie sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen?

Sie selbst haben dann aber schon mal einen „Rückzieher“ gemacht?

Klar, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Deshalb lernt man sich ja vorher kennen. Es gibt so einen Punkt, wo man sagt, okay, das passt einfach nicht, das Umfeld passt nicht oder da stimmt irgendetwas nicht.

Bei privaten „Spendeaktionen“ haben Sie die Frauen ja kennengelernt. Was wollten die denn im Vorfeld von Ihnen wissen?

Sie wollten schon wissen, was ich mache, welche Ausbildung ich habe und so weiter. Aber letztlich ist einfach die Sympathie ausschlaggebend. Auch wenn kein sexueller Kontakt da ist, muss dennoch die Chemie stimmen.

Wie geht Ihre Frau eigentlich damit um, dass Sie der Erzeuger so vieler Kinder sind?

Sie hat von Anfang an über meinen früheren Nebenjob Bescheid gewusst und kein Problem damit.

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16.12.2016, 06:00 Uhr

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