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Ein ungewöhnliches Heimatbuch: Mit Susanne Wiedmanns neuem Insel-Reiseführer beginnt der Leser zu wissen, was er sieht

Kein anderes, sondern mehr Amrum

Tübingen. Die „kleine Insel der großen Freiheit“, mitten im Meer, weitab vom Festland – Amrum, südlich von Sylt. „Auf der Insel sind die Urlauber abgeschieden vom Alltag, von den Sorgen, den Nöten, von dem, was sie sonst permanent beschäftigt. Hier fühlen sie die Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen.“ Offenbar muss man von weit her kommen – zumindest von Tübingen oder vom Steinlachtal – um im „hohen“ Norden einen solchen Traum-Ort zu entdecken, um in den Ferien dort immer wieder hinzufahren, wie Susanne Wiedmann es seit Jahren macht.

21.07.2012

Und nun hat sie für den Hamburger Verlag Hoffmann und Campe einen exzellenten Reiseführer verfasst, der zugleich ein ungewöhnliches Heimatbuch geworden ist. So etwas haben norddeutsche Inselforscher bisher nicht geschafft. Gewöhnlich beschreibt der Autor als Experte, was er vor Ort aus seiner Perspektive sieht, hier in Amrum zum Beispiel den Kniepsand, eine sehr langsam wachsende Hochsandbank an der Westseite der Insel oder die Odde, eine schlanke, auf der Ostseite, also hin zum Festland ins Meer ragende Landzunge. „Amrum“ von Susanne Wiedmann ist ein neuartiger Reise-Kultur-Verführer, durch den man selbst zum Entdecker interessanter Bewohner und deren Landschaft und Geschichte wird.

TAGBLATT-Redakteurin Susanne Wiedmann geht anders als die üblichen Reiseführer vor: Sie hat – ganz im journalistischen Sinne – mit Amrumern gesprochen, über deren Leben, Arbeit, Familie, über Bräuche, über die Geschichte der Insel, über Seefahrer, Auswanderer, Heimkehrer. Auf diese Darstellungs-Weise erschließt sich die Natur ganz konkret und perspektivenreich. Und man beginnt allmählich zu wissen, was man sieht. Touristen lernen so, Landschaft zu lesen; und die kleine Insel (15 Kilometer lang, 2500 Einwohner in drei Gemeinden) wird beim Nachwandern zum kulturellen Universum.

Man lernt mit diesem einfühlsamen Reiseführer, die Friesen in ihrer Eigenart zu schätzen und staunt, wie dieses kleine Inselland – anders als Sylt und Föhr – kulturell so vielfältig und bodenständig ist und sich nicht aufgebrezelt inszeniert. Wie der aus Amrum stammende Regisseur und Drehbuchautor Hark Bohm hört man dabei „die Melodie der rauschenden Brandung“. Man folgt seinen Erinnerungen beim Gang durch das Norddorf: „Überall sind Pflöcke, an denen ich meine Erinnerungen festmachen kann. Da rennt mir meine Kindheit ständig auf der Dorfstraße entgegen.“

Nach Amrum fährt man in der Regel mit der Marschbahn bis an den Küstenort Dagebüll und dann mit der Fähre nach Wyk und Wittdün. Im Februar 1948 kauerte ein achtjähriger Junge am Deich vor Norddorf und blickte ängstlich übers gefrorene Watt hinüber nach Föhr. Dorthin war seine Mutter zum Einkaufen gezogen. Und er hatte fürchterliche Angst, „dass sie nicht mehr zurückkehren würde“. Aber sie kam dann doch, das mit Lebensmitteln vollgehängte Fahrrad durch die Eisschollen schiebend. „Für den Jungen war es das Bild einer Heldin.“ Wenn dieser Junge heute als älterer Herr über den Ort seiner Kindheit erzählt, „erscheint vor seinen Augen das Bild des Jungen am Deich.“

Solche eindrucksvollen Geschichten haben 13 Amrumer (neun Männer und vier Frauen) Susanne Wiedmann erzählt, und sie präsentiert diese in zehn Kapiteln, die nach thematischen Aspekten repräsentativ für die Bevölkerung gegliedert sind. Es beginnt mit einem Besuch bei dem Heimatforscher, man erreicht ihn dorfgemäß, indem man einfach die Klinke seiner Wohnungstür drückt. Der Verkäufer im Buch- und Fotoladen nebenan gibt den freundlichen Hinweis: „Wenn abgeschlossen ist, ist Georg Quedens weg. Wenn offen ist, gehen Sie rein!“

Susanne Wiedmann, langjährige Amrum-Besucherin, verrät ihr augenöffnendes Schreib-Verfahren: „Ich sprach mit Einheimischen und entdeckte die Insel auch mit ihren Augen. Was ich dabei fand, war kein anderes Amrum, sondern mehr Amrum.“

Was Wiedmann in Gesprächen mit den Friesencafé-Wirten, der Pastorin, einem Leuchtturmspezialisten, den Strandkorbvermietern, einer Hebamme oder einem Krabbenfischer erfährt und wie beiläufig zitiert, das öffnet beim Leser ohne Ausrufezeichen, touristische Hinweise und ohne erhobenen Zeigefinger ganz beiläufig klare Horizonte unterschiedlicher Lebensentwürfe. So erzählt der einzige Berufsfischer, den es auf Amrum noch gibt, warum er diesen Beruf ergriffen hat: „Ganz ehrlich. Ich wusste gar nicht, dass man auch was anderes machen kann.“

In solchen Passagen kommt man leicht ins Grübeln, wie die Insel-Bewohner ihr Leben führen oder wie sie geführt werden. Das gilt ebenso für Touristen, deren Strandkorb-Wünsche geradezu klassische Gesellschafts-Analysen vermitteln: zum Beispiel wollen die „kleinen Ladys“ pinkfarbene Strandkörbe. „Die Farbe spielt eine ungeahnte Rolle.“ Langjährige Kunden wollen partout einen weiß-blau gestreiften Korb; da muss der Strandkorb-Vermieter aufpassen, dass er keinen grün-weiß gestreiften hinstellt. Die Besucher fragen, die Insel antwortet.

Auf diese Weise hat Wiedmann zahlreiche literarische Puzzle-Steine gesammelt, aus denen der Leser sein Amrum basteln kann. Und das ist ungemein erhellend. Zudem weckt dieses unterhaltsam verfasste Buch die Sehnsucht, die kleine Nordsee-Insel sofort zu besuchen oder wieder einmal zu genießen. Eckart Frahm

Info: Susanne Wiedmann: Amrum. Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 128 Seiten, 15 Euro

Kein anderes, sondern mehr Amrum

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21.07.2012, 12:00 Uhr

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