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„Keine Angst vor dem Scheitern“
Peter Kulitz hat als BWIHK-Präsident die Interessen der Unternehmer gegenüber der Politik vertreten. Seine vielen Kontakte haben ihm dabei geholfen. Die hat er vor allem auf Reisen geknüpft. Foto: dpa
Interview

„Keine Angst vor dem Scheitern“

Peter Kulitz war sechs Jahre lang Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags. Die Lobbyarbeit begeistert ihn ebenso sehr wie das Unternehmer-Dasein.

19.11.2016
  • KAREN EMLER

Ulm. Die Lobby der Ulmer Industrie- und Handelskammer, in der Peter Kulitz den Besuch empfängt, gibt den Blick frei über die Dächer hinweg bis zum Münster. Die Wand des Raumes zeigt den Schneider von Ulm – eine historische Gestalt, die vor allem für eines steht: den Mut, Neues zu wagen, und notfalls damit zu scheitern. Ein Thema, das der scheidende Präsident des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), sehr gerne in die Schulen trägt.

Ihnen steht der letzte Amtstag als BWIHK-Präsident ins Haus. Kommt schon Wehmut auf?

Peter Kulitz: Nein, denn ich mache als IHK-Präsident in Ulm noch bis 2018 weiter und bleibe in der Funktion in den Gremien des DIHK, dem Berliner Dachverband aller Kammern. Insofern geht das Netzwerk nicht so schnell verloren. Die einzige Veränderung wird sein, dass ich nicht bei jedem Thema präsent sein muss.

Was nehmen Sie aus Ihrer Amtszeit an Positivem mit?

Meine intensiven Kontakte zur Politik. Dazu hat auch die Neuordnung der Geschäftsstelle des BWIHK beigetragen, was unsere Organisation sowohl politisch als auch medial präsenter machte. Sie hat uns beim Aufstellen der so genannten Wahlprüfsteine geholfen, die bei der letzten Landtagswahl bei den Parteien für große Aufmerksamkeit gesorgt haben. Der BWIHK wird als Sprachrohr von 650 000 Unternehmen in der Öffentlichkeit sehr gut wahrgenommen. Das freut mich.

Die Unternehmer im Land sind sich aber nicht immer einig. Zum Beispiel stehen längst nicht alle hinter den geplanten Freihandelsabkommen Ceta und TTIP. Ärgert Sie das?

Ich bin ziemlich erstaunt darüber, dass manche Unternehmer, die weltweit Geschäfte machen, diese Abkommen für überflüssig halten. Die Verträge sind wichtig, weil wir nur so künftig ein entscheidendes Wort mitreden können, wenn es um weltweite Standards geht. An deren qualitativer Einhaltung sollten doch gerade die TTIP-Gegner größtes Interesse zeigen, anstatt zu blockieren.

Viele Bürger beklagen sich, die Verhandlungen gingen an ihnen vorbei. Viele ziehen deshalb auf die Straße. Können Sie das Gefühl der Ohnmacht nachvollziehen?

Am Anfang waren die Verhandlungen in der Tat viel zu wenig transparent und der Regelungsumfang enorm. Mangelnde Aufklärung erzeugte Misstrauen gegenüber der Politik. Inzwischen gibt es im Internet aber so viele Informationen wie zu kaum einem anderen Thema. Leider spielt das aber keine Rolle mehr, bei vielen ist die Ablehnung zementiert, nicht zuletzt aufgrund gezielter Fehlinformationen.

Die vielen Demos zeigen doch aber das große Interesse?

Mich stört die Art und Weise. Kürzlich bei der Grundsteinlegung für Stuttgart 21 standen Demonstranten nackt vor dem Bahnhof. Ich finde Meinungsfreiheit hat da seine Grenzen, wo Provokation eklatant gegen Sitte und Anstand verstößt. Wie weit gehen Aktivisten im politischen Diskurs denn noch? Abgeordnete werden herabgewürdigt, Medien als „Lügenpresse“ verunglimpft, demokratische Entscheidungen schlicht ignoriert.

Tun die Unternehmer im Land genug dafür, um in solche Diskussionen Ruhe zu bringen? Bleiben wir beim Freihandel?

Wer will sich schon auf ein solches Niveau der politischen Auseinandersetzung begeben? Gleichwohl sollten sich die Unternehmer einmischen, zur Meinungsbildung öffentlich beitragen. Damit meine ich aber keinesfalls Politisieren innerhalb des Betriebes, bei der Belegschaft. Nach außen dürften Unternehmer jedoch durchaus mehr dazu stehen, was unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft braucht, um so leistungsfähig zu bleiben, wie sie ist.

Immerhin kümmern sich viele deutsche Unternehmer um die Integration von Flüchtlingen, während anderswo Zäune hochgezogen werden.

Der Mangel an Solidarität schadet Europa und damit allen Menschen und Unternehmen innerhalb der EU. Nur wenn wir auf dem Weltmarkt mit vereinter Stimme auftreten, haben wir eine Chance, unsere Interessen gegenüber anderen Ländern und Konzernen wie Google oder Amazon zu vertreten. Es ist dringend geboten, dass sich die Bürger Europas wieder auf Zusammenhalt besinnen, anstatt in Nationalstaatlichkeit zu verfallen.

Ihnen haftet der Ruf an, auf gepackten Koffern zu sitzen. Wie oft waren Sie als BWIHK-Präsident auf Achse?

Während meiner zehn Jahre im BWIHK-Vorstand waren es 66 Delegationsreisen mit Landes- und Bundespolitikern, daneben natürlich noch regelmäßig Abstecher nach Berlin und Brüssel.

Wollten Sie Türöffner für die Unternehmen sein?

Mindestens so wichtig wie die Erfahrungen vor Ort waren für mich die Begegnungen innerhalb der Delegation. Das wird leider völlig unterschätzt. Man kommt auf solchen Reisen mit anderen Unternehmern, vor allem aber mit den Politikern und Mandatsträgern, ganz anders ins Gespräch.

Sie waren auch mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterwegs. Inwiefern haben Sie davon profitiert?

Ich habe seine Entwicklung auf diese Weise von Anfang an gut mitverfolgen können. Sein Verständnis für die Interessen der Wirtschaft und wie bedeutsam deren Wettbewerbsfähigkeit für das künftige soziale Wohlergehen im Land ist, wuchs fortlaufend. Er hat einige Entscheidungen gegen den Mainstream seiner Partei getroffen. Beispielsweise lehnt er konsequent die Vermögenssteuer ab. Da spielt ein enger Kontakt zu uns Familienunternehmern eine große Rolle. Dies galt auch für die Erbschaftssteuerreform, bei welcher er entgegen den Intensionen mancher Bundesgrünen seinen Einfluss im Vermittlungsausschuss zugunsten der Familienunternehmer geltend machte.

Welche Reise hat Sie am meisten beeindruckt?

Wenn Sie damit Reisen mit dem Ministerpräsidenten meinen, dann die ins kalifornische Silicon Valley. Da konnte man Kretschmann ansehen, wie ihn diese für ihn neue Welt fesselte und zunehmend nachdenklich machte. Seither taucht in fast jeder seiner Reden das Thema Breitbandversorgung, Digitalisierung sowie Start-ups auf und welchen Nachholbedarf wir haben. Das ist wichtig, dass wir Unternehmer seine Unterstützung haben – angesichts vieler Bedenkenträger, die diese Entwicklung bremsen wollen und nur mögliche negative Folgen thematisieren.

Sie werben in Schulen für das Unternehmertum. Wieso?

Es gibt aus meiner Sicht keine andere Form, sich im Arbeitsleben derart frei entfalten und initiativ werden zu können. Als eigenständiger Unternehmer können sie auch ganz anders auf die Belange ihrer Mitarbeiter eingehen. Bei Besuchen an Schulen führen die Gespräche bis hin zu Fragen der Lebensphilosophie.

Was raten Sie den Schülern?

Schaut nach rechts und links, nehmt euch lieber ein, zwei Jahre mehr Zeit, anstatt euch gleich auf einen Beruf festzulegen. Die Welt ist so facettenreich. Es ist gut, mal ins Ausland zu gehen. Ich rate generell auch dazu, zunächst eine duale Ausbildung zu machen und erst danach zu studieren, wenn man das will. Und ich sage vor allem jedem, dass er keine Angst vorm Scheitern haben soll.

Das gilt mit Blick auf den Lebenslauf aber eher als Makel.

In dem Punkt sollten wir von den Amerikanern lernen. Dort müssen berufliche Lebensläufe nicht konsequent sein. Umorientieren, aber auch ein sichtbares Scheitern sehen die Amerikaner als wichtige Erfahrung an. Wir sollten uns deshalb auch darauf besinnen, dass es heute so viele Möglichkeiten gibt, seinen Lebensweg mit Zufriedenheit zu meistern, wie nie zuvor.

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19.11.2016, 06:00 Uhr

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