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Keine Gnade für Aleppo
Soldaten des Assad-Regimes jubeln Menschen zu, die aus dem Osten Aleppos fliehen. Foto: afp Foto: afp
Syrien

Keine Gnade für Aleppo

Assads Truppen stehen kurz davor, die einstige Rebellenhochburg vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie gehen mit unvorstellbarer Gewalt vor.

14.12.2016
  • MARTIN GEHLEN

Die Aufständischen sind am Ende – und schöpfen seit einigen Stunden doch wieder Hoffnung. Wer noch lebt, schickte in den letzten Tagen per Twitter, Whatsapp oder Facebook letzte Abschiedsworte an Freunde und Familie. „Ich warte darauf, zu sterben oder vom Assad-Regime gefangen zu werden“, schrieb der Fotograph Ameen al-Halabi. „Betet für mich und erinnert euch immer an uns.“ Atemlos berichtete ein anderer Aktivist in seine Handykamera, während über seinem Kopf russische und syrische Jagdbomber hinwegdonnerten. „Hier herrscht totales Chaos. Tote liegen auf den Straßen. Verletzte verbluten, weil kein Arzt ihnen mehr helfen kann“, sagte er. Menschen sind unter zerbombten Ruinen eingeklemmt und schreien verzweifelt um Hilfe. Die Weißhelme jedoch können nichts mehr tun, weil sämtliche Fahrzeuge zerstört und die Retter in alle Winde zerstreut sind. „Unser Schicksal ist besiegelt“, erklärte der Sprecher der Zivilschützer, die erst vor drei Monaten mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden waren.

Russland bestätigt Evakuierung

Möglicherweise nicht ganz – am Dienstagabend gab es einen ersten Hoffnungsschimmer für die hungernden und frierenden Eingeschlossenen, doch noch lebend aus der Hölle herauszukommen. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin bestätigte auf der Sitzung des UN-Sicherheitsrates zu Aleppo, es gebe zwischen Damaskus und den Rebellen eine Einigung zum Abzug der Zivilisten und verbliebenen Kämpfer, der „in den nächsten Stunden“ erfolgen solle. Wie ein Sprecher der Aufständischen präzisierte, sollen alle Evakuierten wählen können, ob sie in die vom Regime kontrollierte Provinz Aleppo oder in die von Aufständischen beherrschte Region um die Stadt Idlib gehen wollen. Aus Kreisen der syrischen Regierung gab es am Abend eine Bestätigung. Die USA verlangten, internationale Beobachter müssten den Transfer der Menschen überwachen. Ähnliche Abkommen jedoch hatte es in der Vergangenheit bereits für Daraya und für Homs gegeben.

200 Hinrichtungen in zwei Tagen

Ungeachtet dessen gehen die angreifenden Assad-Truppen gegen die verbliebenen Zivilisten in Aleppo mit äußerster Brutalität vor, durchkämmen systematisch die frisch eroberten Viertel. Nach Angaben des UN-Hochkommissars für Menschenrechte haben sie in den vergangenen 48 Stunden bereits 82 Menschen exekutiert, darunter auch Frauen und Kinder. Aktivisten vor Ort sprechen sogar von 180 bis 200 Hingerichteten. „Wir sind von der Landkarte der Menschheit getilgt“, twitterte einer von ihnen. Die Informationen seien glaubwürdig und man kenne die Namen der Opfer, erklärte UN-Sprecher Rupert Colville in Genf. Die Vereinten Nationen hätten schlimmste Befürchtungen für alle, die sich noch „in den letzten höllischen Ecken des aufständischen Ost-Aleppos“ befänden. Man habe Berichte erhalten, „dass Pro-Assad-Kräfte in Wohnungen eindringen und alle töten, die sie vorfinden“, sagte er. Andere hätte zunächst fliehen können, seien dann offenbar eingeholt, verhaftet oder auf der Stelle erschossen worden. Bereits in den letzten Tagen wurden nach UN-Angaben mindestens 500 Männer, die von der Rebellenenklave in den Regime-Teil Aleppos geflohen sind, verhaftet und sind seitdem spurlos verschwunden. Andere wurden sofort als Soldaten zwangsrekrutiert.

Die syrische Armee mit ihren verbündeten Milizionären hat nahezu den kompletten Osten Aleppos zurückerobert. Man kontrolliere jetzt 99 Prozent der Enklave, brüsteten sich Kommandeure im Staatsfernsehen, während Bewohner der Pro-Assad-Bezirke den Sieg mit Schokolade und Gewehrsalven feierten. Dagegen drängen sich in den letzten noch verbliebenen Straßenzügen der Aufständischen mindestens 100 000 Menschen, die sich weigern, in den vom Regime kontrollierten Westen zu gehen. 130 000 der schätzungsweise 250 000 umzingelten Bewohner waren in den letzten beiden Wochen aus dem Rebellenteil geflohen.

Unterdessen wurden nach einem Bericht der Hilfsorganisation „Union of Medical Care and Relief Organizations“ (UOSSM) am Montag nahe der zentralsyrischen Stadt Hama bei einem Giftgasangriff 93 Zivilisten getötet und mehr als 300 verwundet. Kampfjets sollen am frühen Morgen Bomben auf mehrere Dörfer abgeworfen haben, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ kontrolliert werden. Der Angriff mit einer geruchs- und farblosen Chemikalie habe sich östlich von Hama ereignet. Viele Opfer seien Kinder. Die meisten seien schnell gestorben, die Leichen hätten Schaum vor dem Mund und keinerlei äußere Verletzungen.

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14.12.2016, 06:00 Uhr

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