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Vereine

Keine Punkte für Nostalgie

Die Fußballer der Stuttgarter Kickers sind auf den Tiefpunkt ihrer Clubgeschichte gestürzt. Sie spielen nur noch in der fünftklassigen Oberliga.

18.08.2018

Von DANIEL GRUPP

Sie bleiben den Kickers treu: Daniel Weiss und seine Söhne Mats und Jona (r.) vor dem Stadion auf der Waldau. Foto: Foto Ferdinando Iannone

Stuttgart. Halbfinale im DFB-Pokal, nach 90 Minuten steht es im Weserstadion 1:1. Für Daniel Weiss war der Pokalkrimi der emotionale Höhepunkt als Fan der Stuttgarter Kickers. Es war ein Dienstagsspiel im Februar des Jahres 2000. Weiss war noch Schüler: „Nach zehn Stunden Rückfahrt ging es direkt in die Schule“, erinnert sich der heute 36-Jährige. Das Pokalspiel ist typisch für das Scheitern des fast 119 Jahre alten Stuttgarter Vereins. Die Blauen hatten in der 83. Minute ausgeglichen, spielentscheidend war aber das 2:1 in der Verlängerung, das Werder Bremen nach Berlin ins Endspiel gegen Bayern München brachte. Wären die Stuttgarter ins Finale gekommen, hätten sie sich für den Europapokal qualifiziert, denn die Bayern spielten als Meister in der Champions League, bedauert Weiss die verpasste Gelegenheit.

1908 verlor der „FC Stuttgarter Cickers“ (das C wurde 1920 durch ein K ersetzt) das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Viktoria Berlin. Bis Mitte der 1920er Jahre waren die Kickers die Nummer eins in Württembergs Fußball. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Blauen wenigstens auf Augenhöhe mit den roten Rivalen aus Cannstatt. Nach dem Abstieg in die Oberliga ist der Club am fußballerischen Tiefpunkt angekommen.

Aus Sicht des VfB Stuttgart kocht die Konkurrenzsituation nur auf Sparflamme. „Zu den Bundesligazeiten der Kickers gab es deutlich mehr Rivalität“, sagt Ralph Klenk, Fanbeauftragter beim VfB.

Die Kickers sind nach einer Kaskade unbegreiflicher Abstiege fünftklassig. Sie sind jetzt von der Bundesliga genauso weit entfernt wie von der Kreisliga. Spitze sind allenfalls noch die Jugendteams, die in den höchsten Klassen spielen. Sie sind neben dem VfB erste Anlaufstelle für Talente aus dem Raum Stuttgart. Die Jugendarbeit ist ein Grund dafür, dass die Blauen schnell aufsteigen müssen. Sonst ist der Status als Nachwuchsleistungszentrum des Fußballbundes weg.

Mit sechs schon im Stadion

Daniel Weiss, in Ostheim aufgewachsen, ist seit der Kindheit Kickersfan. Als Sechsjährger hatte ihn sein Vater das erste Mal in den A-Block mitgenommen. „Mein Vater war ein Blauer.“ Der Bub erlebte, wie sich sein Team mit einem 3:0 am 35. Spieltag gegen Blau-Weiß 90 Berlin an der Spitze der 2. Liga behauptete. Kurz darauf war der erste Aufstieg in die Bundesliga sicher. Das Berlin-Spiel machte Eindruck auf den kleinen Daniel: „Ich war ziemlich geflasht.“ Was der Erfolg bedeutete, war für ihn noch nicht klar: „Das war für mich alles viel zu hoch.“ Weil er zu jung und zu klein war, „sah ich kein Tor“. Damals hatten die Degerlocher eine gute Phase. Das Team war 1987 erstmals im DFB-Finale, verlor aber gegen den Hamburger SV.

Der 36-Jährige gibt das Erbe an seine sechs und vier Jahre alten Söhne Mats und Jona weiter. Jedes Jahr erhalten die Jungs ein Kickerstrikot mit der Rückennummer ihres Alters und dem Namen des Spielers aus dem jeweiligen Kader. „Meine Buben sind schon komplett blau.“

Daran ändert auch der sportliche Niedergang nichts. Am Samstag kamen zum Oberligaauftakt dennoch mehr als 2500 Besucher und sorgten für eine, in der fünften Liga, ungewohnte Stimmung. Auch Weiss erlebte mit seinen Söhnen das bescheidene 0:0.

Der angestrebte Wiederaufstieg wird kein Selbstläufer. Die Kickers setzen auf ein realistisches Herangehen. „Wir wollen die Oberliga annehmen“, sagt Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer. Über die Vergangenheit des Vereins und die gemachten Fehler möchte Pfeifer nicht reden. Das geschehe seit dem Absturz für seinen Geschmack viel zu häufig. „Das bringt nichts.“

Für Daniel Weiss gehört sein Herzensverein mindestens in die 3. Liga. Viel Nostalgie spiele bei der Erwartung mit. „Aber für Nostalgie gibt es keine Punkte.“ Die Ursache des Niedergangs lasse sich schwer erklären. „Normal hätte es nie so weit kommen können“, erinnert sich Weiss an die Verkettung unwahrscheinlicher Ergebnisse, die vor zwei Jahren in die Regionalliga führten. Das Spiel gegen Wehen „war das erste Spiel meines Sohnes. Der arme Kerl hat dann 14 Spiele ohne Sieg gesehen.“ Das Team habe sich nicht auf die schwierige Lage eingestellt. Der Verein habe sich zu früh von Trainern wie Dirk Schuster und Horst Steffen getrennt. Manche Fans von Traditionsclubs erwarteten auch zu viel. „Da sitzen manche auf der Haupttribüne. Da kann man nur den Kopf schütteln, was die für Ansprüche haben.“ Anderseits hätten es Traditionsclubs wie Koblenz, Kassel oder Kiel auch geschafft, wieder nach oben zu kommen.

Als die Kickers zwischen Regional- und 3. Liga pendelten, trug auch Guido Buchwald im Präsidium des Vereins Verantwortung, in der Saison 2012/13 sogar als Interimstrainer. Damals stiegen die Blauen in die 3. Liga auf und blieben ein paar Jahre. „Wenn es gut läuft, wollen viele mitreden“, sieht Buchwald im Erfolg schon den Keim des Niedergangs. Der Weltmeister von 1990 ging als Spieler 1983 von den Kickers zum VfB. Seiner Einschätzung nach haben die Blauen bei Anhängern und Struktur Potenzial für die 2. oder 3. Liga. Die jüngste Entwicklung sei mit Pech allein nicht zu erklären. Man müsse versuchen, eine Mannschaft mit den richtigen Charakteren zu besetzen. Der „Teamspirit“, müsse stimmen.

Aufstiege von Vereinen wie Darmstadt, Paderborn oder Fürth zeigen Daniel Weiss, dass auch die Bundesliga nicht verriegelt ist: „Ich hoffe, dass es meine Kinder erleben. Oder einmal nach Berlin. Das wäre richtig geil für die Jungs.“

Links VfB, rechts Kickers: Guido Buchwald und Ralf Vollmer. Foto: Imago/Sportfoto Rudel

grafik swp Foto: grafik swp

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Erstellt:
18. August 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. August 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. August 2018, 06:00 Uhr

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