Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ende der 60er Jahre hatte Joseph Ratzinger Dogmatik-Lehrstuhl inne

Keine Ruhe in wilden Tübinger Zeiten

Keine guten Erinnerungen hat Papst Benedikt XVI. an Tübingen. Sonst hätte er vielleicht auf seiner Fahrt von Erfurt nach Freiburg einen Halt am Neckar gemacht und alte Weggefährten besucht.

24.09.2011
  • Manfred Hantke

Tübingen. Als Dekan der Katholischen Fakultät war Hans Küng 1966 maßgeblich an der Berufung des damals 39-jährigen Joseph Ratzinger nach Tübingen beteiligt. Drei Jahre lang hatte Ratzinger den Lehrstuhl für Dogmatik inne, drei Jahre, in denen sich der Theologe zum katholischen Traditionalisten entwickelt oder seinen Konservatismus noch verstärkt hat. Ganz einig sind sich die Zeitgenossen nicht.

1966 aber freute sich der Bayer auf Tübingen: „Der Süden lockte, aber auch die große Geschichte der Theologie an dieser schwäbischen Universität, in der außerdem interessante Begegnungen mit bedeutenden evangelischen Theologen zu erwarten waren. (...) Die Fakultät war hochrangig besetzt, aber konfliktfreudig, und auch das war ich nicht mehr gewöhnt“, schreibt er in seinem 1998 erschienenen Buch „Aus meinem Leben“.

Ratzinger zog mit seiner Schwester Maria, die ihm den Haushalt besorgte, in die Friedrich-Dannenmann-Straße 22. Von dort zum Theologikum hatte er es nicht weit, die Strecke legte er oft mit dem Rad zurück – die Baskenmütze auf dem Kopf. Zum Kaffee setzte sich Ratzinger hin und wieder in die Parkgaststätte, zum Essen ging er ins Restaurant „Museum“. Abends mit den Kollegen lange zusammensitzen, war nicht sein Ding. Lieber saß er am Schreibtisch, oft spielte er bis in die Nacht hinein Klavier – zum Leidwesen seiner Nachbarn.

Über mangelndes Interesse seitens der Studenten konnte sich der Dogmatik-Professor nicht beklagen, wie TAGBLATT-Redakteur Reimund Weible für die Tübinger Blätter recherchiert hat. Seine Vorlesung „Einführung in das Christentum“ war rappelvoll. Über 400 Studierende pilgerten anfangs allwöchentlich zu Ratzingers Vorlesungen.

Grausames Antlitz atheistischer Frömmigkeit

Doch der Professor konnte sich mit dem „Tübinger Klima“ der späten 60er Jahre nicht arrangieren. Die Studenten wurden unruhig, ja aufmüpfig, Professoren unterstützten sie. Ratzinger störte, dass Ernst Bloch Heidegger „als kleinen Bourgeois verächtlich“ machte. Ihn störten die immer lauter werdenden Studenten, die im rüden Umgangston und mit für Ratzinger schockierenden Mitteln den „Muff von 1000 Jahren“ aus den Universitäten vertreiben wollten. Ihn störten die Theologen, die das Evangelium allzu politisch auslegten. Und ihn störte die Konfliktfreudigkeit seiner Kollegen.

Während Hans Küng oder Norbert Greinacher sich auf Diskussionen mit den Studierenden etwa über die Notstandsgesetze einließen, entwickelte Ratzinger einen stets stärker werdenden Widerwillen gegen die jungen Revoluzzer. Ausgerechnet in der Hoch-Zeit der Revolte 1968 war er Dekan. Eine Funktion, die ihn noch mehr ins unruhige Fahrwasser hineinzog.

Der Störung seiner Vorlesungen und Seminare mit Zwischenrufen und Trillerpfeifen konnte oder wollte der feinfühlige, etwas schüchterne, aber brillant parlierende Professor nichts entgegensetzen. Sinnbildlich seine Reaktion im Kleinen Senat: Als die Studenten dort ein Sit-in veranstalteten, stand Ratzinger als einziger Dozent von seinem Stuhl auf und verließ den Saal – wortlos. Er sah die Theologie durch die Politisierung im Sinne eines „marxistischen Messianismus“ zerstört.

Die religiöse Inbrunst werde zwar beibehalten, aber Gott werde ausgeschaltet und durch das politische Handeln des Menschen ersetzt, schrieb er in seinen Memoiren. Und weiter: „Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen, den Psycho-Terror, die Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wo es um das ideologische Ziel ging.“

1969 verließ Ratzinger Tübingen. Sein Verhältnis zur Neckarstadt war zerrüttet, auch sein Verhältnis zu Küng hatte in den drei Jahren gelitten. So soll er einem Doktoranden gesagt haben, mit einem Menschen wie Küng könnten er und seine Mitarbeiter nur geistig verwildern. Ratzinger zog seine Konsequenz und nahm den Ruf aus Regensburg an, wo der Kontext weniger aufregend, sein Bruder Georg Domkapellmeister am Dom und Chef der Regensburger Domspatzen war.

Keine Ruhe in wilden Tübinger Zeiten
Ausstellung zum 150-jährigen Bestehen der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen 1967. Prof. Joseph Ratzinger ist ganz rechts zu sehen. Archivbild: Göhner

Keine Ruhe in wilden Tübinger Zeiten
Der Professor 1968. Bild: Archiv

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.09.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball