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Nusser-Prozess: Schwurgericht wertete Tat als Mord

Keine Zweifel an der Heimtücke der Angeklagten

Gestern Nachmittag sprach die Kammer ihr Urteil nach neun Verhandlungstagen: Die Angeklagte im Prozess um den getöteten Zahnarzt Fritz Nusser soll eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen. Damit wurde sie wegen Mordes verurteilt.

21.12.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Der Schwurgerichtssaal war gestern Nachmittag voll, nicht alle Zuhörer fanden darin Platz. Die Pressereihe war bis zum letzten Stuhl besetzt. Knapp eine Stunde benötigte Richter Ralf Peters, um das Urteil zu begründen. Die Kammer, so der Vorsitzende, werte die Tat nicht als „situativ bedingten Affektausbruch, sondern als geplanten Vorgang“. Damit schien den Richtern, ebenso wie dem Staatsanwalt am Tag zuvor, eines der Merkmale, die juristisch für Mord sprechen, klar erkennbar: die Heimtücke.

Nicht alle Umstände der Tat konnten geklärt werden, dies räumte auch das Gericht ein, doch „in den entscheidenden Zügen“ stünden sie außer Frage. An der Arglosigkeit des Opfers, die für die Frage der Heimtücke von besonderer Bedeutung ist, hatten die Richter keine Zweifel.

Die angeklagte Ehefrau hatte am 6. März dieses Jahres sechs Schüsse auf ihren Mann abgefeuert – fünf im Auto und noch einen letzten Kopfschuss auf den schon tödlich Getroffenen auf der Straße. Für die Richter spitzte sich alles auf die Frage zu, ob der Mann noch die Möglichkeit hatte, sich zu wehren oder zu flüchten.

Beides schlossen sie aus: Egal, wann genau Nusser die Pistole im Auto auf sich gerichtet sah, er habe nicht mehr genug Zeit gehabt, darauf zu reagieren. Auch wenn er in den Wochen davor schon anderen gegenüber erwähnt hatte, dass seine Ehefrau fähig sei, ihn zu erschießen, habe er in dieser Situation im Auto nicht damit rechnen können, so die Kammer. „Nusser war arglos, eine latente Angst schließt Arglosigkeit in einer konkreten Situation nicht aus.“ Wie Spurensicherer und Sachverständige festgestellt hatten, sei er zu keiner Abwehrreaktion mehr in der Lage gewesen.

Von der Hauptrolle zur Statistin

Die Schuldfähigkeit der Angeklagten hatte der psychiatrische Gutachter geprüft und nicht angezweifelt. Er habe, so der Richter, „keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine seelische Abartigkeit“ gefunden. Diese wiederum hätte für eine verminderte Schuldfähigkeit sprechen können. Der Psychiater habe allerdings eine „histrionische Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert mit Hang zum „Dramatisieren, zu theatralischen Auftritten, affektiven Überreaktionen und einem übermäßigen Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen“. Die Angeklagte habe nicht verkraftet, dass die neue Liebesbeziehung Nussers sie zur „Statistin“ degradierte. Sie habe sich erniedrigt und respektlos – ein Wort von besonderer Bedeutung für die Bulgarin – behandelt gefühlt.

Ihre psychosomatischen Beschwerden, von denen auch vor Gericht die Rede war, seien älter als die langjährige Beziehung zu Nusser, den sie Mitte der 80er Jahre in Bulgarien kennenlernte. Dass sie die Probleme nicht behandeln ließ, sei Zeichen für einen „sekundären Krankheitsgewinn“. Unglücklich, benachteiligt und unverstanden – so sehe sich die Angeklagte. Doch es liege nun an ihr, in den kommenden Gefängnis-Jahren nicht in Selbstmitleid zu verharren, sondern sich ihrem „inneren Gefängnis“zu stellen und das Tatgeschehen aufzuarbeiten. Auch die Ankündigung der Angeklagten, ein Buch zu schreiben, griff der Richter auf: „Die Frage ist, ob sie damit auch an Ihrer eigenen Geschichte arbeiten wollen.“

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Jürgen Walker; Schöffen: Egon Paul Sieferer, Helmut Gottschalk; Staatsanwalt: Alexander Hauser; Psychiatrischer Gutachter: Peter Winckler; Gerichtsmedizinische Gutachterin: Maria Christina Schieffer; Verteidiger: Andreas Eggstein; Nebenklage: Christoph Geprägs, Marie-Luise Dumoulin; Dolmetscherin: Irina Ulmer.

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21.12.2012, 12:00 Uhr

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